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Facebook Solid
Internetnutzer im Visier von Facebook – ein Münchner Start-up will das ändern (Foto: 123rf.de)
Datenschutz Start-up Internet

Zwei Münchner wollen das Internet neu erfinden

Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, will den Nutzern das Internet zurückgeben. Wie ihm ein Münchner Start-up dabei hilft.

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Er schaute auf sein Werk. Und er sah, dass es nicht mehr gut war. Sir Tim Berners-Lee (63), der Schöpfer des World Wide Web, ist unzufrieden mit dem Weg, den seine Erfindung eingeschlagen hat. Das Internet, dominiert von wenigen Giganten wie Facebook oder Google, die mit dem Ausspähen ihrer Kunden Milliarden scheffeln – so hatte sich Berners-Lee das weltumspannende Computernetz nicht vorgestellt, das er ab 1989 am Schweizer Kernforschungszentrum CERN konzipierte.

Der Engländer will Nutzern nun das Netz – und vor allem ihre Daten – zurückgeben. Zwei junge Münchner sind bei diesen Plänen ganz vorne mit dabei, mit der ersten Hardware für das "neue Internet". LEAD hat mit Matthias Bollwein (29) und Roman Leuprecht (25) über ihre Firma Uniki gesprochen.

Das Problem

Tim Berners-Lee findet drastische Worte, wenn er den momentanen Zustand des Internet beschreibt. Er spricht von einem "menschenfeindlichen System", von "bösartigen" sozialen Netzwerken und von "einer Handvoll Plattformen, die kontrollieren, welche Ideen und Meinungen gesehen und geteilt werden". Von seinen einstigen Visionen für ein weltweites Computernetz, demokratisch, dezentral, mit Teilhabe für jeden, ist nicht mehr viel geblieben. "Das offene Internet ist ein Menschenrecht, das wir verteidigen müssen", fordert Tim Berners-Lee. Er kritisiert – und handelt.

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Die Idee

Tim Berners Lee
Vater eines etwas missratenen Balgs: Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web (Foto: Wikipedia)

"Solid" heißt das Projekt, an dem Berners-Lee mit seinem Team am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitet. "Solid" steht für "Social Linked Data" – und für ein radikal neues Netz, das die Daten in die Hände ihrer Besitzer, also der Internetnutzer zurückgibt. Die Grundidee von Solid, für das Berners-Lee mit Inrupt ein neues Startup gründete, ist die Trennung von Anwendung und Daten.

Auf der einen Seite stehen Firmen – das können auch nach wie vor Facebook oder Google sein – die ihre Anwendungen zur Verfügung stellen. Auf der anderen Seite stehen die Nutzer, die ihre Daten selbst verwalten, kontrollieren und speichern – und die von Fall zu Fall entscheiden, welche Daten sie den Anbietern zur Verfügung stellen.

Diese Erlaubnis können sie auch jederzeit widerrufen. Wer ein Bild auf Instagram posten will, behält dieses Foto auf seinem Speicher – erlaubt der Facebook-Tochter aber, auf das Bild zuzugreifen, es anzuzeigen und damit auch Geld zu verdienen. Wer das Bild offline nehmen oder zu einem anderen Anbieter wechseln möchte, zieht die Genehmigung zurück. Die Machtverhältnisse im Netz würden sich damit komplett umdrehen, zugunsten der Internetnutzer.

Der Pod

Uniki
Zwei Männer und ein Baby: Die Uniki-Gründer Roman Leuprecht (links) und Matthias Bollwein mit ihrem ELLY-Server (Foto: Uniki)

Die Speicher, in denen jeder Nutzer seine Daten aufbewahrt, nennt Tim Berners-Lee "Pod" (Personal Online Data Store). Diese Daten-Safes enthalten, gut geschützt und verschlüsselt, alle nur denkbaren persönlichen Informationen, Dokumente, Adressbücher, Kalender, Fotos, Gesundheitsdaten und vieles mehr.

Solche Pods können virtuelle Speicher irgendwo in einer Cloud sein – was allerdings schon wieder zu Datenschutzproblemen führen könnte. Und hier kommt das Münchner Startup Uniki ins Spiel. Das Unternehmen aus der Freisinger Landstraße im Norden der Stadt bietet derzeit nach eigenen Angaben den "einfachsten und sichersten Server der Welt" an.

Das System namens ELLY (ab 1.699 Euro) kommt bei kleinen und mittleren Unternehmen vom Architekten bis zum Wirtschaftsprüfer zum Einsatz, die darauf ihre Daten im eigenen Haus, quasi in ihrer eigenen Cloud speichern. Motto von Uniki: "Be proud of your own Cloud!" Alleinstellungsmerkmale, so Geschäftsführer Matthias Bollwein (29), sind Komfort und maximale Sicherheit. "Wir sind der einzige Anbieter, der garantieren kann, dass nicht einmal wir als Hersteller irgendeine Möglichkeit haben, an die Daten unserer Kunden zu kommen."

Elly
Bunt, simpel und einfach zu verstehen. So sieht die Oberfläche eines ELLY-Servers aus (Foto: Uniki)

Denn die Schlüssel, die für den Zugriff notwendig sind, werden erst beim Kunden erstellt, wenn er seinen Server vor Ort zum ersten Mal einschaltet. Den ELLY nutzen die Uniki-Kunden bereits jetzt. Und für Anfang 2019 planen Bollwein und sein Mitgründer und Technik-Geschäftsführer Roman Leuprecht den nächsten Schritt – den ersten Server der Welt für jedermann, der auf der Solid-Idee von Tim Berners-Lee basiert.

Der ELLY Pod

Statt bis zu 3.599 Euro wie der bisherige ELLY soll der neue ELLY Pod dank abgespeckter Hardware nur maximal 500 Euro kosten und damit auch für Privatnutzer interessant werden. Matthias Bollwein ist von der Idee eines eigenen Servers, einer eigenen Cloud für Internetnutzer, überzeugt: "Solid braucht eine Hardware, die genauso privat ist wie die Software selbst. Und da sind wir weltweit die einzigen, die so etwas entwickelt haben."

Elly Server
Die Hardware für das Internet der Zukunft. Ähnlich wie der aktuelle ELLY-Server dürfte auch der ELLY Pod aussehen (Foto: Uniki)

Genau wie der ELLY soll auch der ELLY Pod nicht nur ein Datenspeicher sein, sondern auch Dienste wie Mail, Kontakte, Kalender, Wordpress, Wiki, Projektmanagement oder Onlineshop sehr einfach verfügbar machen.

"Im Vergleich zu den momentanen Lösungen ist nur ein Schritt mehr erforderlich: Den Server im Büro in die Steckdose stecken", verspricht Bollwein, der mit Uniki Datenschutz und Privatsphäre unkompliziert machen will. "Wichtig ist, dass wir den gleichen Komfort bieten, den es jetzt bei Facebook, Gmail oder Dropbox gibt. Denn wir sind überzeugt, dass die Menschen nie zu einer Lösung wechseln werden, die komplizierter ist als das, was sie momentan kennen."

Die Erfolgsaussichten

Versuche, das Internet auf neue Beine zu stellen und die Macht der Giganten zu brechen, gab es schon einige. Durchschlagenden Erfolg hatte bisher keine dieser Ideen. Matthias Bollwein ist überzeugt, dass Solid, an dem bereits weltweit Entwickler arbeiten, gute Chancen hat, den Status quo zu ändern. "Was Facebook und Google allein aus Adressbüchern und Kalenderdaten über ihre Nutzer erfahren, ist haarsträubend."

Nur ein Beispiel: "In den Kalendern sieht Google, mit wem du in Urlaub fährst. Und wenn du ständig miteinander in Urlaub fährst, hast du wahrscheinlich eine Beziehung mit diesem Menschen. Dann schauen sie nach, für was sich dieser Mensch interessiert – und du bekommst entsprechende Kaufvorschläge. Von Privatsphäre kann da keinerlei Rede mehr sein."

Seine Hoffnung: "Ich glaube, dass immer mehr Menschen verstehen, dass sie sich in Gefahr begeben, wenn sie ihre Daten so wahllos und unkontrolliert wie bisher an Unternehmen weitergeben" – und damit auch an Banken, an Versicherungen, an Krankenkassen oder an Vermieter, mit allen nur denkbaren Konsequenzen.

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Schluss mit der Monokultur. Die "Solid"-Idee vom Tim Berners-Lee soll die Macht der Internet-Giganten brechen (Foto: 123rf.de)

Solid, an dem nun Entwickler weltweit arbeiten, muss nach Meinung von Matthias Bollwein nicht das Ende von Facebook oder Google bedeuten: "Natürlich kann daraus ein neues soziales Netzwerk entstehen, das die Leute miteinander in Kontakt bringt, das aber nicht alle Daten in sich hineinfrisst. Aber vielleicht gibt es künftig auch neue Geschäftsmodelle von Facebook oder Google, die so funktionieren, dass sie den Nutzer nicht seiner kompletten Daten berauben. Apple schafft das ja auch."

Er hofft, dass die Entwicklung von Solid, aber auch Druck der Politik und zunehmendes Interesse der Nutzer am Schutz ihrer Daten, zu einem Umdenken bei den Giganten führen: "Es spricht ja grundsätzlich nichts dagegen, Facebook Daten zu geben, und dafür etwas zurückzubekommen. Aber die Nutzer müssen wissen, welche Daten sie herausgeben, und sie müssen die Kontrolle über diese Daten behalten."

Das Gesicht dieses Wandels soll Tim Berners-Lee sein – der Mann, der einst das World Wide Web erfunden hat, und der nun den größten Geburtsfehler seiner Idee korrigieren will. Matthias Bollwein ist optimistisch: "Eine Figur wie Tim Berners-Lee mit seiner Geschichte und seiner Reputation ist die große Chance, dass aus diesem Projekt tatsächlich etwas wird." Und so lautet das Motto von Berners-Lees neuer Firma Inrupt denn auch: "Die Zukunft ist immer noch so viel größer als die Vergangenheit."

Lead 3 Blockchain 1200X1200
Die nächste große digitale Revolution

Die Blockchain-Technologie soll nach der Erfindung des Internets die nächste große digitale Revolution werden. Auber kaum jemand kann erklären, was die Blockchain eigentlich ist. Dabei wird sie viele Bereiche im Leben grundlegend verändern - nicht zuletzt das Marketing. LEAD klärt im aktuellen Bookazine auf.

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