Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Dld 18 Aufmacher
Bild: LEAD
DLD Kommentar

Zeit für Ernüchterung

Burdas Digitalkonferenz DLD (Digital Life Design) steht in diesem Jahr unter dem Motto „reconquer“ (zurückerobern). "Ernüchterung" wäre die passendere inhaltliche Klammer.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

"Zurückerobern" klingt erst einmal nicht nach Fortschritt. Vielmehr hat es den Sound von Aggression und Stillstand: Es geht darum, sich verlorenes Terrain im Kampf zurückzuholen. Die Digitalwirtschaft, allen voran die Denker und Unternehmer des Silicon Valley, die beim DLD zusammenkommen, lassen sich vielleicht mit Aggression in Verbindung bringen; nicht aber mit Rückwärtsgewandtheit. 

Das Team von LEAD und W&V ist auch heute auf dem DLD und hält euch im Liveblog auf dem Laufenden.

Der DLD ist eine Innovationskonferenz. Ja. Auch gestern unterhielten sich die Speaker über Zukunftstechnologien, die überraschen und für das nötige Bisschen Frankenstein-Feeling sorgen: Mary Lou Jepsen, CEO von opnwatr.io, etwa plauderte über ihre Arbeit an einem Wearable, das Gedanken lesen und diese auf einen Bildschirm übertragen kann. Ebenso Martin Varsavsky, Unternehmer und Investor (u.a. Tumblr), zum Thema Reproduktionstechnologien: Wenn Frauen in Deutschland das Recht hätten, ihre Eizellen einzufrieren, wäre das ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung, findet er. Und provoziert mit der Frage: "Was ist besser: einen kranken Embryo im dritten Monat abzutreiben, oder die Zeugung des kranken Embryos zu verhindern?" Das Publikum reagiert mit wahrnehmbarem Schaudern. 

Anzeige

Gurus suchte man vergebens

Silicon-Valley-Gurus, die ihre Visionen vom Panel predigen, sind fester Bestandteil solcher Konferenzen. Jürgen Schmidhuber aber wirkt wie eine Persönlichkeit. Er predigte glücklicherweise nicht, wohl aber verbreitete der Professor des Schweizer AI Lab IDSIA (USI & SUPSI) ein wenig visionären Flair. Immerhin tragen Milliarden Smartphones weltweit seine Handschrift: Facebooks Übersetzungsfunktion, Googles Spracherkennung und Amazons Alexa funktionieren mit künstlichen neuronalen Netzwerken, die seine Forschungsgruppe gemeinsam mit der TU entwickelt hat.

Auf dem DLD diskutiert er mit Alexander del Toro Barba von Visual West nicht weniger als die Frage, ob KI ein Bewusstsein haben können - angelehnt an Descartes These „Cogito-ergo-sum“ (frei: der Mensch ist Mensch, weil er sich seiner selbst bewusst ist). Oder simpel gesagt: Können KI fühlen? Schmidhuber referiert leise und behutsam darüber, dass KI schon heute als unbeabsichtigter Nebeneffekt Gefühle wie Schmerz zeigen können, stellt die Frage in den Raum, ob die Demonstration, beziehungsweise Simulation von Schmerz die KI zum Wesen mit Bewusstsein klassifiziere. Und trifft damit genau den Nerv der Zeit, der um die Angst kreist, KI könnten irgendwann menschliche Züge annehmen - und uns ausrotten.

Juergen Schmidhuber Dld
KI-Forscher Jürgen Schmidhuber. Bild: Dominik Gigler for DLD.

KI als vorherrschendes Thema

Kleine Perlen. Im Grundrauschen klang die Konferenz aber weniger nach Visionen als nach Ernüchterung. KI zog sich als wiederkehrendes Thema durch Panels und Networking-Gespräche. Unzählige Studien und Hochrechnungen dazu, wie sie den Menschen seiner Arbeitsplätze berauben wird, gab es schon im vergangenen Jahr. Angst ist bekanntlich ein schlechter Berater. So schien es, als wollten die Gespräche über KI vor allem Vertrauen in die Technologie fördern. Nicht zuletzt, weil viele von ihnen ihr Geld damit verdienen.

Paul Daugherty, CTO bei Accenture, prognostiziert, dass durch KI mehr Jobs entstehen als verschwinden werden. Eine Steigerung der Produktivität um 40 Prozent hält er für möglich, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass China KI bereits im nächsten Fünf-Jahres-Plan inkludiert hat.

Dld Atmo
Bild: Picture Alliance for DLD.

Als Destillat zum Thema KI und Arbeitswelt bleibt die bekannte Tatsache, dass die Maschinen vor allem Routinejobs übernehmen können. Das verschaffe Unternehmen Luft, Talente zukunftsorientiert einzusetzen. „KI ist nicht der Bösewicht, der Boogieman“, sagt Pablos Holman von Intellectual Ventures. Der Roboter könne nur unsere Befehle ausführen, nicht aber die Herrschaft über den Menschen ergreifen. Was für den Roboter tatsächlich gilt. Bei der KI wird es aber im Detail schon komplizierter. Und Tomasz Smaczny von Ergo tut KI gar als simplen IT-Trick ab.

In Bezug auf Arbeitswelten betont Amy Wilkinson von Ingenuity, den Servicecharakter von KI: Sie wären nicht mehr als ein Hilfsmittel, um bestehende Arbeit besser, das heißt, effizienter zu erledigen. KI könnten nicht verhandeln. Und schon gar nicht keine Fragen stellen. Unternehmen und vor allem das Management, so ihr Appell, sollten KI als Potenzial sehen und Mitarbeitern die Angst vor dieser neuen Technologie nehmen.

Worum es auch ging, ist die Reorganisation von Arbeitswelten in der digitalisierten Welt. Oft gehört? Stimmt. Nur, dass hier keine Luftschlösser gebaut, sondern ganz bodenständige Forderungen gemacht werden: bei Veränderungen vor allem das mittlere Management als klassischen Blockadefaktor mitzunehmen, jungen Mitarbeitern zu vertrauen und Unwissen einzugestehen (Wilkinson); dass "die Kids im Silicon Valley" auch nichts anderes als etwas smarteres AB-Testing durchführten (Holman). 

Anzeige
Anzeige
Verlagsangebot
Anzeige
Anzeige
Aktuelle Stellenangebote
Alle Stellenangebote