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(Fotos: Andi Weiland/WelcomeCamp 2017)
Kommunikation Medien Networking

WelcomeCamp vernetzt geflüchtete Medienmacher

Sie ist überall, digital im Web und analog auf der Straße: fremdenfeindliche Hetze. Das WelcomeCamp Berlin hält dagegen – und zwar durch Vernetzung. Die Initiative bringt am 30. Juni Geflüchtete mit Kommunikationsprofis und Multiplikatoren zusammen. LEAD sprach mit dem WelcomeCamp-Gründer und Social-Media-Experten Bastian Koch über Hate Speech und Lautsprecher.

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Über 185.000 Asylsuchende registrierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im vergangenen Jahr, ein Viertel der deutschen Bevölkerung hat eine Migrationsgeschichte. Trotzdem scheint die kulturelle Vielfalt sowie die Perspektive von Geflüchteten in Gesellschaft und Politik unterrepräsentiert: Denn gerade mal acht Prozent der Bundestagsabgeordneten sollen aus Einwandererfamilien kommen, bei Medienmachern liege der Anteil bei maximal drei Prozent, heißt es in einer Pressemitteilung des WelcomeCamps.

Genau das will die Initiative, die in diesem Jahr bereits zum dritten Mal in Folge in Berlin stattfindet, ändern. Das Barcamp für Willkommenskultur, veranstaltet von Gesicht Zeigen! e.V., will für Dialog sorgen, indem sie Geflüchtete mit Medienprofis, karitativen Institutionen und Multiplikatoren verknüpft. Außerdem wollen die Organisatoren gegen Hetze im Netz vorgehen und Menschen mit Migrationshintergrund eine Stimme geben, frei von Vorurteilen und unabhängig von Filterblasen. LEAD sprach mit Bastian Koch, einem der Gründer des Camps.

LEAD: „Looking Forward“ lautet das Motto des diesjährigen WelcomeCamps. Dann lass uns nach vorne blicken: Hat Deutschland bis zum Jahr 2025 eine tatsächlich funktionierende, integrative Willkommenskultur?

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Bastian Koch: Ich hoffe nicht, dass es so lange dauert. Und ganz ehrlich: so weit sind wir – zumindest gesellschaftlich – auch nicht davon entfernt. Ich habe in den vergangenen drei Jahren so viele Helfer und Initiativen kennenlernen dürfen, die sich für eine weltoffene Gesellschaft einsetzen, dass mir nicht bange ist. Die Gegner der Integration sind vielleicht laut, aber definitiv in der Unterzahl.

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WelcomeCamp-Gründer Bastian Koch (Foto: Florian Lutz)

Und das kann die Veranstaltung verdeutlichen?

Koch: Genau. „Wir sind viele“ ist seit dem ersten Camp vor zwei Jahren so etwas wie das inoffizielle Motto und unsere Antwort auf die „Wir sind das Volk“-Rufe, die damit keine Gemeinschaft, sondern das genaue Gegenteil heraufbeschwören. Unser Camp bietet den Teilnehmenden die Chance, sich ihrer Positionen zu vergewissern und die Veranstaltung als Verstärker, ja Lautsprecher für die gute Sache einzusetzen.

Auch in den sozialen Netzwerken?

Koch: Ja. Das WelcomeCamp findet in diesem Jahr im Rahmen des Projektes Media Residents statt. Ein Netzwerk für geflüchtete Medienmacher oder Menschen mit Publikationshintergrund. Das beinhaltet einen Coworking Space, Technik für die Medienproduktion und Workshops für die Vermittlung von Know-how.

„Der anonyme Applaus ist der eigentliche Treibstoff.“ WelcomeCamp-Mitgründer Bastian Koch

Warum sind gerade neue Medien oft voll von brauner Hetze und Hass?

Koch: Weil es geht. Oft wurde und wird formuliert, dass die Verrohung in der digitalen Sprache auf die Anonymität zurückgeht. Aber wer das behauptet, hat sich noch nicht wirklich mit Hate Speech beschäftigt oder beschäftigen müssen. Die wenigsten Hasskommentare sind anonym, die Absender rühmen sich in ihren Gruppen und sogar öffentlich für ihre verbalen Angriffe. Der dadurch entstehende und oftmals tatsächlich anonyme Applaus ist der eigentliche Treibstoff.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Koch: Es wäre zu einfach, allein die Betreiber der sozialen Netzwerke oder die Politik dafür verantwortlich zu machen. Zwar sind die von den Algorithmen provozierten Filterblasen und die nicht vorhandene, einheitliche Rechtsprechung über nationale Grenzen hinaus ein Problem, aber wir alle haben eine Stimme, gerade in den sogenannten neuen Medien und sollten diese auch nutzen. Initiativen wie #ichbinhier und Reconquista Internet gehen hier voran, aber auch im digitalen und analogen Freundeskreis, darf man sich für Grundrechte und gegen Beleidigungen einsetzen.

Welche Art von Netzwerke sollen beim WelcomeCamp entstehen?

Koch: Aus dem ersten WelcomeCamp hat sich ein monatliches Meet-up gegründet, dass jeweils monothematisch zwei bis vier Initiativen vorstellt, um Kooperationen zu forcieren und Unterstützer außerhalb der eigenen Bubble zu gewinnen. In diesem Jahr könnte ich mir eine multikulturelle Plattform vorstellen, welche die Perspektiven von Geflüchteten und Helfern realitätsnah aufzeigt und so noch unentschlossene Menschen ermutigt, sich im Kleinen oder Großen zu engagieren. Die dafür notwendigen Kompetenzen sind im Teilnehmerfeld definitiv vorhanden.

Wie nimmt die Wirtschaft euer Projekt auf?

Koch: Wir haben in den vergangenen Jahren viel Unterstützung für die Idee erhalten. Für viele Unternehmen ist das WelcomeCamp eine Gelegenheit, sich endlich selbst und vor allem sichtbar zu engagieren. Das begrüßen wir sehr, auch wenn sich das Engagement auf zunächst einen Tag beschränkt. Eine Plattform für die Vermittlung von Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen sind wir aber nicht, da gibt es andere und sehr erfolgreiche Player.

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    (Fotos: Andi Weiland/WelcomeCamp 2017)
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    (Fotos: Andi Weiland/WelcomeCamp 2017)
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    (Fotos: Andi Weiland/WelcomeCamp 2017)
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    (Fotos: Andi Weiland/WelcomeCamp 2017)

Absolut politisch korrekt in Sachen Begrifflichkeiten über Menschen auf der Flucht zu berichten, ist manchmal eine Herausforderung für Journalisten…

Koch: Ich bin kein Experte für Political Correctness, aber Begrifflichkeiten wie Flüchtling, Geflüchteter, Newcomer sind auch in der persischen und arabischen Community nicht unumstritten. Es geht um Offenheit und Kontakt auf Augenhöhe. Dazu kommt: Kein Mensch möchte auf seine Herkunft oder die Ursache seiner Flucht reduziert werden. Die Biografien inklusive der Interessen und Erfahrungen sollten in ihrer Vielfältigkeit respektiert und wahrgenommen werden.

Gibt es aus deiner Sicht überhaupt deutsche Medien, die das hinbekommen?

Koch: Viele Medienschaffende im Exil arbeiten mittlerweile frei oder in Kollektiven an Publikationen. Amal Berlin, Eed be Eed, das Flüchtling-Magazin und viele mehr. Klassische deutsche Medien können und sollten sich an den internationalen Redaktionen ein Beispiel nehmen und sich von ihnen inspirieren lassen.

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