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Johannes Ceh/Strength And Balance
Foto: Johannes Ceh/Strength And Balance
leadfaces Kolumne Digitalisierung

Was genau meinst du damit?

Warum uns die Digitalisierung auffordert zu differenzieren, was wir eigentlich sagen und wirklich damit meinen. Es hilft nicht nur von "Social" zu reden, sondern "social" zu handeln.

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Als Marc Zuckerberg Mitte Januar Änderungen am Facebook-Algorithmus verkündete, betonte er den Wert von Facebook als "Gemeinschaft".  "Freunde" sollen zukünftig mehr im Vordergrund stehen. Viel wurde in den letzten Wochen zu den damit verbundenen Änderungen geschrieben und diskutiert. Für mich gibt es bei all den Diskussionen eine zentrale Frage: Was genau meint Marc Zuckerberg mit "helping you have meaningful social interactions?"

Begeisterung vs. Liebe

Ich meine diese Frage nicht als Scherz. Nicht zum ersten Mal im Umgang mit Marken, Medien und Digitalisierung lohnt es sich, differenziert hinzuschauen. Als McDonalds 2003 mit "I'm loving it" warb, übersetze eine Stimme in mir sofort wie selbstverständlich "Ich bin begeistert von". Der Grund weshalb bei mir genau diese Übersetzung abgerufen wurde: Seit meiner Kindheit spreche ich durch interkulturellen Austausch fließend Englisch.

Zusammenzucken musste ich allerdings, als die deutsche Übersetzung mir tatsächlich weismachen wollte, dass es "Ich liebe es" heißt. Ja, laut Wörterbuch kann "I'm loving it" auch mit "Ich liebe es" übersetzt werden. Für mich gab und gibt es einen Unterschied zwischen Liebe und "gerne mal" einen Burger essen, Fußball spielen oder PlayStation zocken. All diese Tätigkeiten können mit Leidenschaft ausgeübt werden - keine Frage. Doch ist eine solche Leidenschaft wirklich gleichzusetzen mit Liebe?

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Was passiert, wenn wir Leidenschaft und Liebe gleichsetzen

Und was passiert in uns, wenn wir diese gleichsetzen? Was passiert, wenn wir die Beziehung zu einem Burger oder einem Videospiel in uns gleich assoziieren wie die Beziehung zu unserem Partner, zu unseren Eltern und zu Kindern? Ich glaube, dass sich in solchen Zusammenhängen Achtsamkeit und Differenzierung der Begrifflichkeiten lohnt. Erst recht, wenn wir aus der Vergangenheit lernen wollen. Nicht umsonst warf bereits 2009 die Zeitung Die Welt die Frage auf, was Mark Zuckerberg genau mit Freunden meine? Und vor allem, was jeder einzelne von uns damit meint?

Die Headline ist von 2009. Durch den neuen Facebook Algorithmus zeitloser denn je.

Ein Beitrag geteilt von Johannes Ceh (@johannesceh) am

Deutlich erlebte ich die Bedeutung einer solchen Differenzierung im Januar 2016. Nachdem ich zuvor lange im Mittleren Osten gelebt und gearbeitet hatte, war ich zum Jahreswechsel 2015/2016 zum Urlaub nach Dubai zurückgekehrt. Parallel dazu kam es in der Silvesternacht in Köln zu zahlreichen sexuellen Übergriffen auf Frauen durch Gruppen junger Männer, vornehmlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum.

Eine Mischung aus Angst und Verletzung, Empörung und Hass

Während die Vorgänge in Köln lange Zeit brauchten, um geklärt zu werden beziehungsweise ein großer Teil bis heute nicht geklärt ist, schwappte am 1. Januar 2016 eine große Welle gemischt aus Angst, Verletzung, Empörung und Hass durch die sozialen Medien. Mir blutete das Herz als ich erfuhr, was Unvorstellbares in Köln passiert sein musste. Gleichzeitig machte es mich fassungslos, dass über die sozialen Medien auch Pauschalisierungen wie "Alle Araber sind..." bis in den mittleren Osten schwappten. War dem wirklich so? Bei aller Verunsicherung und Wut, über das, was in Köln in der Silvesternacht passiert sein mochte, sollte ich diesen pauschalisierten Formulierungen trauen? Ganz sicher nicht.

Ich hatte über die Jahre Freundschaften im Mittleren Osten aufgebaut, während Formulierungen wie "Alle Araber sind..." in diesem Augenblick drohten, allen interkulturellen Austausch und die Friedensarbeit - insbesondere seit der deutschen Nachkriegsgeschichte - in Frage zu stellen. 

Was mir in diesem Moment half: wahrhaftiger Austausch. Mit Menschen. Im Mittleren Osten. Und in Deutschland. Differenzierung.

Spannenderweise veröffentliche Papst Franziskus im Januar 2016 ein Video zum Austausch zwischen Religionen.  Bei aller Unterschiedlichkeit zwischen Nationen und Religionen betonte der Papst, dass es etwas gibt, was alle Menschen eint: Liebe. Die Botschaft des Videos berührte mich, ich spielte das Video immer wieder Menschen in meinem Umfeld vor, egal ob im Mittleren Osten oder in Deutschland. Wir tauschten uns dazu aus, integrierten es in den Dialog rund um die Ereignisse der Kölner Silvernacht. Wir blieben im Kontakt und konnten einander noch besser verstehen.

Wenn ich mit dem Bewusstsein dieser Ereignisse auf den Begriff "Liebe" schaue, kommt mir der McDonalds Satz "Ich liebe es" noch fremder vor als bereits 2003.

Analog geht es mir, wenn Mark Zuckerberg von "Freunden" spricht. Neun Jahre sind vergangen, seit Die Welt uns darauf hinwies, dass "wir uns einen neuen Begriff für Freunde suchen müssen". Neun Jahre, in denen durch die zunehmende Bedeutung von sozialen Medien die Frage 'Was genau meint Mark Zuckerberg eigentlich mit "Freunden" und "helping you have meaningful social interactions"' relevanter geworden ist. Mehr noch, die Frage ist relevanter denn je. Und vor allem, was meint jeder einzelne von uns damit? 

Ich möchte in diesem Zusammenhang abschließend von einem Ereignis der letzten Tage berichten, welches für mich tatsächlich eine "meaningful social interaction" war. Mein digitaler Beratungskollege Andreas Zeuch postete ein Foto von sich und seiner Ehefrau Andrea auf Facebook. Das Foto zeigt vier strahlende Augen und die beiden in einer herzlichen Umarmung. Und die überraschende Zeile "Just divorced".

Eine Überschrift, die viele Menschen zusammenzucken lassen würde. "Scheidung". Eine Überschrift, die durch die Strahlkraft des Fotos und des Handelns der beiden klar machen sollte: Hier haben sich zwei Menschen achtsam und in Liebe voneinander getrennt. Und lassen uns an diesem kostbaren Moment teilhaben.

Wenn Mark Zuckerberg hiermit eine "meaningful social interaction" gemeint hat dann kann unsere Gesellschaft gar nicht genug davon bekommen. Angesichts der Facebook-Historie zu Begriffen wie "Freunde" bezweifle ich, dass es so war. 

Eine Welt ohne Facebook

Mein Kolumnisten-Kollege Thomas Koch schrieb neulich: "Facebook geht es schon lange nicht mehr um die Menschen. In ein paar Jahren werden wir feststellen, dass eine Welt ohne Facebook eine bessere Welt wäre." Auch ich sehe die Entwicklungen der letzten Tage kritisch und als Nebel, den wir erst rückblickend beurteilen werden können. Für mich zählt in diesen Zeiten viel mehr, was Menschen und Unternehmen tatsächlich machen. Nicht, was sie sagen. Bei all der Verunsicherung um Facebook und Co. dürfen wir eines nicht vergessen: Es ist nicht "das Internet" oder "Facebook", das etwas mit uns macht. Wir sind Teil der Dynamik. Wir sind Handelnde.

Es ist unsere eigene Entscheidung, welche Bedeutung wir Begriffen wie "Freunde", "Liebe" oder "Scheidung" geben. Es ist unsere Entscheidung, von was und wem wir uns überzeugen lassen, oder wo wir differenzieren und nachfragen oder für etwas einstehen. Es macht einen großen Unterschied, ob wir von "Social" reden, oder ob wir "social" handeln. 

Für unser Zusammenleben. Und erst recht für das Zusammenleben der kommenden Generationen.

Johannes Ceh ist gelernter Journalist und arbeitete als Digital- wie Content-Stratege für Unternehmen wie Sport1, SKY, Springer & Jacoby, BMW, Daimler, Jung von Matt und Ogilvy. Heute unterstützt er als strategischer Berater Unternehmen an der Schnittstelle von Customer Experience, Digitalkultur und Organisationsentwicklung. Außerdem arbeitet Johannes Ceh derzeit an einem Buch zu Customer Experience und dem damit verbundenen Wandel in Organisationen.

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