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1 Twitter
Was passiert hier gerade? Das fragen sich derzeit so einige Twitter-Nutzer (Foto: 123rf.de)
Jörg Heinrich Twitter Social Media

Twitter-Cuts: Der Tag danach

Am 16. August hat Twitter so drastische Veränderungen an seiner Programmierschnittstelle (API) vorgenommen, dass Dritthersteller-Apps in ihrer Existenz bedroht sind. Reaktionen auf und Prognosen zu den Umstellungen.

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Das war er also, „Der Tag, an dem Twitter stirbt“, wie viele Nutzer bereits befürchtet hatten. Am 16. August hat Twitter wie angekündigt so drastische Veränderungen an seiner Programmierschnittstelle (API) vorgenommen, dass Dritthersteller-Apps wie Tweetbot oder Twitterific in ihrer Existenz bedroht sind – oder ihre Funktionen zumindest erheblich einschränken müssen.

Die Gründe und die Auswirkungen hat LEAD bereits in einer großen Geschichte Anfang Juli beschrieben. Nun, am „Tag danach“, erklärt LEAD, wie sich die Änderungen bisher auswirken, wie Nutzer und App-Hersteller reagieren. Und wir schauen voraus, wie die Auseinandersetzung zwischen Twitter und den Third-Party-Entwicklern weitergehen könnte – in der es im Kern darum geht, dass Twitter die Fremd-Apps, die keine Werbung anzeigen, und an deren Nutzung es somit kein Geld verdient, aus dem Markt drängen möchte.

Die Folgen

Wichtigste Info: Twitter lebt, und Apps wie Tweetbot und Twitterific leben und funktionieren auch am 17. August noch, wenn auch mit Einschränkungen und verringertem Funktionsumfang. Sie haben sich bereits vor dem Stichtag mit Updates auf die Änderungen der API eingestellt. So hat Tweetbot Updates für iOS und Mac veröffentlicht, die zeigen, was nun nicht mehr möglich ist. Es gibt kein Echtzeit-Streaming der Nachrichten mehr – wer ganz oben in der Timeline ist, bekommt neue Tweets nicht mehr kontinuierlich angezeigt. Stattdessen aktualisieren Tweetbot oder Twitterrific jetzt die Timeline alle ein, zwei Minuten automatisch, und damit mit einer spürbaren Verzögerung.

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3 Tweetbot
Die erzwungene Tweetbot-Aktualisierung vom 16. August kostet Drittanbieter wie Tweetbot zahlreiche Funktionen (Foto: Tweetbot)

Auch Push-Benachrichtigungen für Erwähnungen, Direct Messages und neue Follower sowie für die Tweets von Followern landen erst mit einigen Minuten Verspätung auf den Geräten, und nicht mehr „live“. Benachrichtigungen für Likes und Retweets können die Third-Party-Apps derzeit gar nicht mehr anzeigen. Hier hofft Tweetbot-Entwickler Tapbots allerdings, langfristig neue Lösungen zu finden, mit denen einige der Funktionen zurückkehren.

Die Anzeigen für Aktivität und Benachrichtigungen musste Tapbots ebenso streichen wie die App für die Apple Watch. Ähnliche Einschränkungen gibt es jetzt auch bei Konkurrenten wie Twitterific, die alle auf die gleiche API zugreifen. Twitterific-Hersteller Iconfactory spricht bei der Anzeige der Tweets jetzt spöttisch von „Unrealtime“ statt wie bisher von „Realtime“, und klagt: „Leider haben sich Twitters Prioritäten in den letzten Jahren von den Nutzern hin zu Marken und Großunternehmen verschoben. Wir haben keine andere Wahl, als uns bestmöglich anzupassen.“

Die Einschätzung von LEAD

Dass das Echtzeit-Streaming von Tweets entfällt, lässt sich im Twitter-Alltag einigermaßen verkraften – zumal Nutzer nach wie vor die Möglichkeit haben, ihre Timeline manuell zu aktualisieren und damit Tweets weiterhin ohne Verzögerung zu lesen. Bei großen Live-Events wie Fußballspielen dürfte der Wegfall des Streamings aber schmerzen. Hier war die Aktualisierung der Timeline im Sekundentakt eine der ganz großen Stärken von Twitter – und beinahe besser als das Livebild im Fernsehen.

Wie sehr die verspäteten oder komplett weggefallenen Benachrichtigungen stören, hängt von den Vorlieben des jeweiligen Nutzers ab. Wer immer live wissen will, was sich gerade bei Twitter tut, wird diese Funktionen vermissen. Dennoch: Im Vergleich zur höchst umstrittenen Original-App von Twitter oder zum Web-Client auf twitter.com, die die Timeline mit Funktionen wie „Falls du es verpasst hast“, mit priorisierten Tweets, mit „Trends“ und Werbung bis zur Unkenntlichkeit durcheinanderwürfeln und kaum mehr lesbar machen, lohnen sich die Third-Partys immer noch. Selbst nach den jüngsten Einschränkungen sind Tweetbot für iOS (5,49 Euro) und Mac (10,99 Euro) oder das kostenlose Twitterific für iOS mit ihrer rein chronologischen, unverbastelten Timeline eine Wohltat.

Die Proteste

Unter dem Hashtag #BreakingMyTwitter machen die Nutzer ihrem Ärger Luft – vielleicht gar nicht so sehr wegen der aktuellen und noch relativ überschaubaren Änderungen, sondern wegen des dumpfen Gefühls, dass Twitter nicht Ruhe geben wird, bis es den Third-Party-Apps endgültig den Garaus gemacht hat. Einige der Stimmen:

„Jede Plattform, die ihre chronologische Timeline durch etwas anderes ersetzt hat, wurde von ihren Nutzern dafür gehasst. Denn das menschliche Gehirn hasst es, wenn die Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz sind. Und ein Gehirn, das zornig ist, reagiert nicht auf Werbeanzeigen. Also hört damit auf!“

„Genau deshalb verwende ich Twitter: Um Informationen in einer chronologischen Reihenfolge zu bekommen, die nicht von einem Algorithmus sortiert und gefiltert ist, der erraten will, was ich sehen möchte – und der dabei ohnehin versagt. Wenn ich gern Facebook haben würde, wüsste ich, wo ich es finde.“

„Es gibt zwei Lösungen für Twitter, um zu zeigen, dass seine App besser ist als andere: 1. eine bessere App zu produzieren, oder 2. der Konkurrenz ins Knie zu schießen. Man hat sich für Lösung 2 entschieden.“

„Was ich in meiner Timeline will, ist: 1. Tweets der Accounts, denen ich folge. 2. In der Reihenfolge, in der sie gewittert wurden. Das ist es auch schon. Sonst gar nichts. Niemals.“

Die Notlösung

Selbst die Iconfactory empfiehlt jetzt, zwar weiterhin mit Twitterific zu twittern, zu lesen und zu schreiben – für Benachrichtigungen aber parallel die offizielle Twitter-App zu installieren und zu nutzen. Denn beides geht nach wie vor gleichzeitig auf einem Gerät.

Dann kommt die von vielen so geschätzte chronologische Timeline weiterhin von der Third-Party-App. Und gleichzeitig informiert die Twitter-App per Push über Neuigkeiten – die sich dann ja nach wie vor in Tweetbot oder Twitterific lesen lassen. Best of both Worlds sozusagen. Sogar eine Anleitung für diesen Workaround hat die Iconfactory gepostet.

6 Twitterific
Selbst Twitterific empfiehlt jetzt, die offizielle Twitter-App für Benachrichtigungen zu nutzen. So funktioniert das (Foto: Iconfactory)

Wichtig: Den „Qualitätsfilter“ bei den Benachrichtigungen – auch eine dieser obskuren Bevormundungen von Twitter – sollten Nutzer dabei abschalten.

Die Zukunft

Noch ist die Umstellung nicht ganz ausgestanden. Denn bis einschließlich 23. August deaktiviert Twitter nach und nach weitere sogenannte „Endpoints“ in seiner API, also die Anschlussstellen, die den Third-Party-Entwicklern zur Verfügung stehen. Es könnte also durchaus sein, dass einige Funktionen, die derzeit noch vorhanden sind, in den nächsten Tagen noch entfallen oder zumindest langsamer werden.

Und danach? Twitter-Produktmanager Rob Johnson gab sich in einem Tweet jetzt aufgeschlossen und kooperativ:

„Wir haben Feedback (#breakingmytwitter) von unseren Kunden erhalten, welche Probleme die Änderungen verursachen. Wir werden uns damit beschäftigen, warum Leute lieber Third-Party-Clients als unsere eigenen Apps verwenden, und wir werden Änderungen besser kommunizieren.“

Illusionen, dass sich Twitters Geschäftspolitik grundsätzlich ändert, hat aber auch Twitterific-Hersteller Iconfactory nicht. Dessen Aussichten klingen wenig optimistisch: „Wir sind entschlossen, Twitterific so lange weiterzuentwickeln, wie es finanziell Sinn macht – und so lange es Twitter erlaubt.“

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