Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Thomas Ramge Klein
Autor Thomas Ramge (Bild: Peter van Heesen)
Special KI DSGVO Sprachassistenten

"Staaten müssen ihren digitalen IQ erhöhen"

Wer die meisten Daten hat, baut die intelligentesten Sprachassistenten. Wie wir verhindern, dass mit Alexa, Cortana und Siri nicht-neutrale Verkaufs-Bots unseren Alltag bestimmen, erklärt Wirtschaftsjournalist und Digitalexperte Thomas Ramge im Interview.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Zusammen mit Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger vertreten Sie die Forderung, dass auch für Datenmonopolisten das Kartellrecht gelten müsse. Was meinen Sie damit genau?

Unsere Wahrnehmung ist, dass digitale Märkte schon jetzt von Oligopolen und Quasi-Monopolen beherrscht werden. Es ist zwingend notwendig, die Monopolisierung von Daten aufzubrechen. Das Kartellrecht, das mal für Stahlbarone geschaffen wurde, greift einfach nicht mehr. Unser Vorschlag ist: Nicht nur diejenigen dürfen die Daten nutzen, die das IT-Setup geschaffen haben, in dem Daten gesammelt und verwertet werden. Immer wenn der Wettbewerb bedroht ist, müssen die Daten-Goliaths einen Teil ihrer Daten mit Wettbewerbern teilen. Wir nennen das die "progressive Daten-Sharing Pflicht". Je höher der Marktanteil, desto mehr Daten muss das datenreiche Unternehmen kleineren Wettbewerbern zur Nutzung zur Verfügung stellen.

In Ihrem neuen Buch „Mensch und Maschine“ sprechen Sie auch über das Thema künstliche Intelligenz (KI). Die Daten-Monopolisten haben auf dem Markt einmalige Möglichkeiten, mit unseren Daten kluge Sprachassistenten zu bauen. Wir bezahlen dann auch noch dafür, uns diese Vertreter der Firmen ins Wohnzimmer zu holen.

Anzeige

Ja, und das ist hochproblematisch. Nur die großen Datenspieler haben zurzeit die Trainingsdaten, die Nutzerdaten und die Feedbackdaten, um aus Daten lernenden Systeme (also KI) so zu füttern, dass diese richtig gut werden. KI-Systeme für Verbraucher sind aber meist keine neutralen Agenten. Im Idealfall soll ein virtueller Assistent unsere Interessen vertreten und uns bei unseren dämlichen kognitiven Verzerrungen helfen. Er soll uns kluge Ratschläge geben, die uns auch vor uns selbst schützen. Also zum Beispiel den Schnäppchenjäger vor Impulskäufen warnen. Die aktuellen virtuellen Assistenten vertreten aber nicht in erster Linie unsere Interessen, sondern sie sind meist Verkäufer. Das Problem ist, dass sie sich so geschickt in unser Leben einschleichen, dass wir das gar nicht mehr merken. Wir delegieren immer mehr Entscheidungen an sie ohne zu hinterfragen: Ist das eigentlich gut für mich?

Mensch Und Maschine
Im Buch diskutiert Thomas Ramge die Frage, wie der Mensch sich entwickelt, wenn smarte Maschinen immer intelligenter werden (Bild: Reclam)

Und wie kann das Aufbrechen von Daten-Monopolen dabei helfen, bessere Assistenten zu bauen?

Viktor Mayer-Schönberger und ich sagen in unserem Buch, dass es eine Vielfalt von Assistenten geben muss, die neutral auf dem Markt agieren. Diese Vielfalt kann nur dann entstehen, wenn die Daten-Goliaths einen Teil ihrer Daten teilen. Sonst haben die Start-ups, die neutrale KI-Systeme entwickeln, überhaupt nicht die Möglichkeit dazu.

Gibt es denn schon Beispiele von hilfreichen neutralen KIs?

Nicht wirklich, das ist ja das Problem. Es gibt ein paar Start-ups die das versuchen. Zum Beispiel Terminplanungsassistenten oder Legal Bots, die in Rechtsfragen helfen und klar auf Seite des Verbrauchers sind. In den Massenanwendungen gibt es allerdings noch nichts in diese Richtung. Und das ist eine Entwicklung, die sich nicht von alleine löst, da müssen Kartellbehörden ran.

Wie sehen Sie in dem Zusammenhang die neue EU-DSGVO? Wie wirkt sie sich auf die Förderung von Innovation im Datenmarkt aus?

Meine Wahrnehmung ist, dass sie in vielen Punkten zu restriktiv und in einigen Anwendungsfällen rund um KI nicht gut durchdacht ist. Was mir ein bisschen Sorge bereitet: Genauso wie wir einen guten Datenschutz brauchen, brauchen wir Regelungen, die Innovationen mit Daten begünstigen und fördern. Was wir zurzeit sehen, ist dass die Definition von personenbezogenen Daten in Europa immer weiter gefasst wird. Das darf nicht passieren. Man darf nicht über eine zu weite Interpretation eine ganze Reihe von nicht-personenbezogenen Anwendungen erschweren.

Buch Das Digital
Wie entsteht ökonomischer Mehrwert im Kapitalismus? Und wie sollte er umverteilt werden? Das waren die zentralen Fragen, die Karl Marx am Übergang zum Industrie-Kapitalismus in "Das Kapital" auf radikale Weise beantwortete. Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge beantworten die gleichen Fragen am Übergang zum globalen Datenkapitalismus neu (Bild: Econ Verlag)

Wie müssten die Institutionen jetzt angemessen auf die Gefahr von Daten-Monopolen reagieren?

Grundsätzlich wäre die einfachste Lösung, dass die bestehenden Kartellbehörden personell aufgeschlaut und auch technisch aufgerüstet werden. Das ist weder leicht noch billig. Analytisches Talent ist rar und hat andere Gehaltsvorstellungen, als im öffentlichen Dienst üblich. Aber es ist höchste Eisenbahn. Die Marktkonzentration auf digitalen Märkten wird sich noch weiter beschleunigen. Je wichtiger aus Daten lernende Systeme in immer mehr Branchen werden, desto stärker werden die Konzentrationsprozesse in den Branchen. Der Hauptgrund ist der Feedbackeffekt bei IT-Systemen, die mit Daten lernen. Weil die Services und Produkte von denen, die die meisten Daten haben, am schnellsten besser werden, erobern diese immer mehr Marktanteile. Wir müssen den digitalen IQ der Staaten Europas und der europäischen Regulierer rasch erhöhen. Das Kartellrecht und die Behörden haben nicht mehr die Mittel, ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich Wettbewerb auf Märkten sicher zu stellen. Wenn wir das unterlassen, behält der alte Marx doch noch recht. Und die Märkte brechen unter ihren Monopolstrukturen zusammen.

Anzeige
Anzeige
Verlagsangebot
Anzeige
Anzeige
Aktuelle Stellenangebote
Alle Stellenangebote