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Karsten Lohmeyer Klein
LEAD-Kolumnist Karsten Lohmeyer (Foto: privat)
Content Marketing leadfaces Digitalisierung

Scrum, Kanban, Design Thinking: die Cargo-Kulte der Digitalisierung

LEAD-Kolumnist Karsten Lohmeyer liebt digitales Arbeiten. Noch mehr liebt er aber sinnvolles digitales Arbeiten – ohne falsche Götter anzubeten.

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Na, bist du auch schon agil? Nutzt du Kanban und Scrum? Und – so richtig innovativ – natürlich Design Thinking? Dann herzlichen Glückwunsch! Du hast die digitale Transformation gemeistert. Oder vielleicht auch nicht. Denn für mich sind all die genannten Methoden meist nichts anderes als moderne Cargo-Kulte. Wir beten sie an, ohne wirklich ihren Sinn zu verstehen. Wir hoffen einfach, wenn wir ganz viele neumodische Prozesse einführen, dass der Digitalisierungsgott uns mit Erfolg belohnt.

Cargo-Kulte: Günther Dück erklärt es wunderbar

Moment Mal, Cargo-Kulte, was ist das eigentlich? Wer diese Frage stellt, dem sei der sensationelle Vortrag von Professor Günther Dück auf der re:publica 2016 empfohlen, in dem das Thema umfassend erklärt wird. In kurzen Worten: Viele Cargo-Kulte entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg auf entlegenen Inseln im Südpazifik. Hier begannen die Ureinwohner nach dem Abzug der Amerikaner, Landebahnen anzulegen, Flugzeugnachbauten und Türme aufzustellen. Denn sie hatten ja gelernt, dass, kurz nachdem die weißen Götter solche Bahnen planiert hatten, wundersame Gefährte vom Himmel herabschwebten und Geschenke (Cargo) brachten. Alles was man dafür noch tun musste, war zu beten – oder in ein Funkgerät zu sprechen.

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Wir beten Scrum und Kanban an und hoffen, dass alles gut wird

Und genauso beten wir aktuell Scrum, Kanban und Design Thinking an. Wir haben die Digitalisierungsgurus dieser Welt dabei beobachtet, wie sie damit Erfolg haben. Wir haben gelernt, wenn wir bunte Zettelchen an eine reale oder virtuelle Wand kleben, dann wird schon alles gut. Wird es aber nicht.

Denn wie heißt der wichtigste Lehrsatz der Digitalisierung? Genau: „Wenn du einen Scheiß-Prozess digitalisierst, hast du immer noch einen scheiß digitalen Prozess.“ Genauso ist es mit den neuen digitalen Methoden: Wenn wir nicht verstehen, warum wir tun, was wir tun und unser Vorgehen sinnvoll planen, sind wir nicht viel anders als die Ureinwohner, die Flugzeuge aus Stroh bauten.

Die Tools sind nicht schlecht. Wir müssen sie nur richtig nutzen

Doch keine Angst. Ich möchte niemandem sein Spielzeug wegnehmen. Ich selbst spiele auch total gerne mit ihnen, überlege mir gerade sogar ernsthaft nochmal, eine Design-Thinking-Schulung zu besuchen. Ohne Projektmanagement-Tools wie zum Beispiel Trello, das ein digitalisiertes Kanban-Board ist, möchte ich nicht mehr arbeiten. Schnell reagieren zu können, diverse Aufgaben in kleine Arbeitspakete unterschiedlichen Menschen auf dem ganzen Globus zuzuweisen und dabei immer zu wissen, wie der Stand der Dinge ist, ist einfach nur großartig.

Allerdings habe ich schon immer ungern Götzen angebetet, so wie etwa den zeitfressenden Meeting-Dämon. Ich möchte verhindern, dass ich nur, weil es hip ist, auf Werkzeuge und Prozesse setze, die gar nicht zu meinen aktuellen Aufgaben passen. Sonst passiert das, was Johannes Ceh hier so schön beschrieben hat – wir haben wieder einen weiteren, toten Kanal geschaffen.

Scrum und Kommunikation passen selten zusammen

Beispiel Scrum. Eine Methode aus der Softwareentwicklung, die zunehmend in Agenturen, Verlagen und Unternehmen auch für Kommunikations- und Content-Marketing-Projekte eingesetzt wird. Dann gibt's dann ein- oder zweiwöchentliche Sprints, mit der üblichen Schätzung des Aufwands am Anfang und genau definierten Arbeitspaketen. Alles super hip. Verbunden mit Gamification-Elementen wie Scrum-Poker. Und oft ein großer Fehler, zumindest in meinen Augen.

Denn so wie ich Scrum verstehe, und ich habe in den vergangenen Monaten viel darüber gelernt, ist es ein Prozess, der Störungen nur im äußersten Notfall zulässt. Das ist perfekt für die Software-Entwicklung. Kommunikation aber lebt von Störungen. Alles ist im Fluss, ständig ändern sich Rahmenbedingungen, entpuppen sich kleine Dinge als groß und große Dinge als unwichtig.

Jeder Prozess muss auf den Prüfstand

Also wäre es in meinen Augen sinnvoll, den Prozess auf den Prüfstand zu stellen und sich zu fragen, was davon sinnvoller für die eigene Arbeit wäre. Das eng verwandte Kanban zum Beispiel, das ein kontinuierliches Arbeiten ermöglicht, ohne dass man einmal wöchentlich den Scrum-Gott anbeten muss.

Dem kann man dann ja bei klar definierten und getimten Projekten wieder huldigen. Projekten, die ein klares Ziel haben und bei denen sehr wenig Störung von außen zu erwarten ist. Und ja klar, agil sind wir dann natürlich alle – was auch immer das heißen mag.

Meine Bitte also an jeden Leser dieser Kolumne: Nutze die modernen, digitalen Methoden. Nutze sie unbedingt, denn sie helfen unser oft unstrukturiertes Arbeiten zu strukturieren und effizienter zu machen. Aber nutze vor allem dein Hirn, bevor du einen neuen Prozess einführst – und jetzt sehen wir uns alle nochmal den Vortrag von Günther Dück an.

Zum Autor:Wer sich mit dem Thema digitales Content Marketing beschäftigt, kommt dabei kaum an Karsten Lohmeyer vorbei. Der 45-Jährige arbeitete lange Jahre als Journalist, gründete das bekannte Medienblog LousyPennies.de und baute u.a. eine Content-Marketing-Tochter der Deutschen Telekom mit auf. Heute entwickelt und realisiert er als Consultant komplexe Content-Marketing-Strategien und beschäftigt sich mit seinem liebsten Steckenpferd, dem Growth Hacking.

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