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Schwarzweiß-Displays: Der Abschaltknopf für den Kopf?

Seid ihr abhängig von euren Smartphones? Das könnte an den knallbunten Farben liegen. Denn angeblich ziehen Displays im Graustufen-Modus deutlich weniger Nutzeraufmerksamkeit auf sich. Wirklich? Ein Selbstversuch.

Endlich mal entspannen. Dabei sollen angeblich schwarz-weiß-Displays bei Smartphones helfen (Bild: stock.adobe.com)
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Kontraste und Farben ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Das ist in den Neurowissenschaften schon lange bekannt – und ich hatte mich im Jahr 2000 schon einmal in meiner biologischen Diplomarbeit "The Effect of Contrast and Attention on Discrimination and Detection Tasks" mit einem Teil dieses Phänomens befasst. An diese Arbeit musste ich denken, als ich Anfang des Jahres einen Artikel in der New York Times las, in dem es um den Selbstversuch eines Journalisten ging: das Smartphone auf Graustufen stellen, um sich nicht dauernd von dem Gerät und seinen Anwendungen ablenken zu lassen. Eine Maßnahme gegen die knallbunten App-Symbole und roten Kreise mit Zahlen, die permanent um Aufmerksamkeit buhlen.

Die Verlockung der bunten Programmsymbole

Smartphone-Sucht ist ein oft beschriebenes Phänomen. Und gerade Digitalprofis leiden durchaus darunter. Dass aus einem "ich wollte nur mal schnell nach dem letzten Facebook-Kommentar schauen" auf dem Smartphone schnell ein "keine Ahnung wo die letzten Stunden schon wieder hingekommen sind" wird, das ist bekannt. Und auch, dass man gerne mal auf einen orangenen Button drück, um mit einem Klick zu kaufen. Doch dass daran die Farben und Kontraste schuld sein könnten – beziehungsweise deren Eliminierung bestimmte Verhaltensweisen unterbindet? Das war mir neu (wenn auch spontan logisch) und schrie zu Jahresbeginn nach einem Test.

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Das farblose Display im Test

Etwa acht Wochen nachdem ich das erste Mal eine schwarzweiße Display-Einstellung ausprobiert habe – nachdem ich zuletzt in den späten 80ern einen Schwarzweißmonitor für meinen Atari ST genutzt hatte - , ist die Einstellung zu einem Standard auf meinen Geräten geworden. Auf dem iPhone habe ich inzwischen einen Shortcut zur Umstellung zwischen schwarzweißem und farbigem Display eingerichtet, der Mac ist auch häufig im Graustufen-Modus. Gerade beim Schreiben auf dem Notebook verlocken mich nun die farbigen Programmsymbole unter dem geöffneten Schreibprogramm-Fenster nicht mehr, dauernd auf das Browsersymbol zu klicken. Alles ist ein bisschen weniger interessant geworden. Gerade zu Beginn des Versuchs fühlte ich mich deutlich ruhiger und habe das Smartphone oft irgendwo im Büro oder in der Wohnung liegenlassen – und es später erstmal suchen müssen. Ein Phänomen, das ich schon lange nicht mehr bei mir beobachtet habe.  

Vergessen scheint auch ein wichtiger Faktor zu sein, wurde doch in neurobiologischen Experimenten festgestellt, dass nicht nur die Aufmerksamkeit von Farben beeinflusst wird, sondern auch die Erinnerung. An einem roten Kreis an der Facebook-App erinnere ich mich einfach klarer – und fühle mich damit auch genötigt, dort auch nochmal reinzuschauen: da könnten ja wichtige Kommentare und Likes sein. Dass ich irgendetwas verpasst habe, daran denke ich in der Schwarzweiß-Einstellung deutlich seltener. Doch klar, ich weiß auch, was bei diesem Experiment herauskommen soll. Es könnte also auch Einbildung sein. Kommentare von Facebook-Freunden, die gleiche Phänomene bei sich in Parallelversuchen beobachteten, ließen mich aufhorchen, doch komplett überzeugt haben sie mich auch nicht.

"Paw Patrol" in Schwarzweiß

Erst die Beobachtung meines knapp fünfjährigen Sohnes mit einem Smartphone zeigten mir klar und unumstößlich, dass Schwarzweiß-Displays tatsächlich einen positiven Effekt haben können. Ich bringe meinen Sohn regelmäßig mit dem Bus zum Kindergarten. Auf dem Weg darf er öfter eine Folge einer Animationsserie schauen. Doch kurz vor der Bushaltestelle hatte ich in der Vergangenheit immer Probleme, ihm das Smartphone wieder wegzunehmen. Schreien und Heulen gehörten zum Ritual. Doch dann kam der Graustufen-Modus und Buddha-hafte Stille kehrte ein. "Das muss ein Zufall sein", dachte ich beim ersten Mal. Doch das Experiment ließ sich beliebig oft wiederholen. Schwarzweißes "Paw Patrol" sorgt für weniger "Hängen" am Bildschirm. Das Lösen vom Smartphone fällt deutlich leichter. Und seither gibt es Amazon Video nur noch in Schwarzweiß.     

Natürlich gibt es auch Nachteile. Fotos machen, Videos schauen etc. ist natürlich nicht ganz optimal in Schwarzweiß. Deshalb ist Umstellen ein oft zelebriertes Ritual bei mir. Es bedarf dann schon einiger Disziplin, am Ende wieder in die Graustufen-Welt zurückzukehren. Doch es lohnt sich. Denn am Ende bleibt man deutlich entspannter bei der Nutzung seiner Devices. Und schaltet am Ende auch mal wieder ab. So, und jetzt gehe ich an die Sonne.

Über den Autor: Björn Eichstädt (43) ist Geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur Storymaker. Die Agentur fokussiert sich auf die Unterstützung von technologiegetriebenen Unternehmen im Bereich PR, Digitalkommunikation und Content-Entwicklung. Darüber hinaus ist Storymaker in Ostasien aktiv – mit Schwerpunkten in China und Japan. 

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