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Kuenstliche Intelligenz 244949545 Fotolia
Die eigentlichen Risiken von intelligenten Maschinen liegen in ihrer eigenen Fehleranfälligkeit (Foto: Fotolia)
KI Algorithmus Ethik

Schluss mit der KI-Angstmacherei!

Mit Horrorvisionen zum Einsatz von künstlicher Intelligenz lässt sich derzeit gut Aufmerksamkeit erzeugen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht vor einer baldigen Herrschaft von Algorithmen über Menschen gewarnt wird. ​Wer sich allerdings wirklich mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzt, dem werden die dystopischen Szenarien der Zukunfts-Propheten nur ein müdes Lächeln abringen.

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Was glaubst du - wann ist es soweit? Wann sind Maschinen deiner Meinung nach intelligenter als Menschen? Glaubt man einigen Futuristen wie Ray Kurzweil, dann ist die Singularität, der Zeitpunkt, an dem künstliche Systeme die menschliche Intelligenz erreichen und weiter selbstoptimierend mit exponentiellem Wachstum überflügeln, bald erreicht. Es wird dann wohl nicht mehr lange dauern, bis Maschinen Weltkriege auslösen oder sich die Menschen untertan machen.

Künstliche Intelligenz – keine Wundertechnologie

Wer sich allerdings wirklich mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzt, dem werden die dystopischen Szenarien der Zukunfts-Propheten nur ein müdes Lächeln abringen. Seit den ersten Experimenten mit KI hat sich zwar methodisch Einiges getan, aber die grundlegenden Mechanismen sind dieselben geblieben. Letztendlich geht es darum, dass mit Hilfe regelbasierter oder statistischer Verfahren Empfehlungen für Entscheidungen getroffen und Muster erkannt werden.

Dass KI inzwischen überhaupt an Fahrt gewinnt, hat im Wesentlichen zwei Ursachen: Zum einen stehen dank des Internets und einer steigenden Anzahl an Devices viel mehr Daten zur Verfügung, mit denen zum Beispiel selbstlernende Systeme angereichert werden können. Zum anderen sind die Rechner inzwischen ausreichend schnell, damit KI-Verfahren in sinnvoller Zeit gute Ergebnisse erzeugen.

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In einigen Bereichen sind die Fortschritte tatsächlich beeindruckend. So ist die Spracherkennung, also die Übersetzung von Sprache in schriftlichen Text, inzwischen weitgehend gelöst. Das Sprachverstehen stößt allerdings immer noch an Grenzen, was man an den Ergebnissen gängiger Übersetzungsprogramme schnell sieht.

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Aktuelle KI-Lösungen - noch Luft nach oben

Das Beispiel "natürliche Sprache" zeigt aber auch, dass künstliche Intelligenz im Moment noch nicht wirklich intelligent ist. Tatsächlich sind die meisten KI-Verfahren Insellösungen, das heißt, dass sie ein eingrenzbares Problem sehr gut bewältigen. Das Verstehen von Kontext, der über ein definiertes Problemfeld hinausgeht, stellt aber weiterhin eine große Herausforderung dar.

Das Beispiel der Analyse von Sprache zeigt dies gut, denn um alle Aspekte von Sprache wie Ironie, Metaphern oder Anspielungen vollumfänglich zu verstehen, müssen umfangreicher Kontext und historisches Wissen einbezogen werden. Es wird zwar durchaus möglich sein, dass in nicht allzu ferner Zukunft Touristen mit einem Knopf im Ohr durch Länder reisen und die Dialoge der Einheimischen in die eigene Muttersprache in Echtzeit mit sehr guter Qualität übersetzt bekommen. Aber selbst in diesem Fall handelt es sich immer noch um die Insellösung "Sprachübersetzung".

Der künstliche Sprachübersetzer ist allerdings nicht in der Lage, über sein Problemfeld hinauszudenken. Insofern wird die Singularität noch etwas auf sich warten lassen oder – noch viel wahrscheinlicher – wird sie gar nicht eintreten, da es grundsätzlich schwierig ist, Maschinen rekursive Selbstverbesserung beizubringen, die über ihr Inselwissen hinausgeht.

Und schließlich programmieren KI-Entwickler ihre KI-Systeme ohnehin grundsätzlich so, dass sie nur spezielle Probleme lösen können. Dass ein Chat-Bot irgendwann auf die Idee kommen könnte, die Weltherrschaft an sich zu reißen, ist also nicht möglich, da es die Architektur der Lösungen schlichtweg nicht zulässt.

Auch interessant: "Künstliche Intelligenz macht die Welt menschlicher"

Die eigentlichen Risiken von intelligenten Maschinen sind also nicht, dass sie irgendwann in böser Absicht einen Weltkrieg auslösen wollen, wie Musk beispielsweise befürchtet, sondern liegen in ihrer eigenen Fehleranfälligkeit. Ein Beispiel hierfür sind Algorithmen, die in sozialen Netzwerken dem Nutzer nur solche Informationen anzeigen, die er unter Berücksichtigung seines bisherigen Surf-Verhaltens sehen möchte.

Oder KI-Verfahren, die anstößige Inhalte blockieren, dabei aber auch fälschlicherweise Bilder von antiken Statuen zensieren, die nackte Personen zeigen. Die Statuen-Zensur ist auf den ersten Blick vielleicht noch belustigend, wenn man sich aber vorstellt, dass ähnliche Fehler auch bei anderen Inhalten auftreten, ist die Sorge vor Filterblasen und den möglichen Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit und -bildung verheerend.

Infokalypse – sukzessive Erosion der Wahrheit?

Ein weiteres Risiko von künstlicher Intelligenz liegt bei deren Anwendern. So wie ein Messer zum Brotschneiden oder zum Töten benutzt werden kann, kann auch das "Werkzeug KI" genutzt werden, um zum Beispiel Krankheiten frühzeitig zu diagnostizieren oder aber um Menschen gezielt zu schaden.

Zum Beispiel können Bots in sozialen Medien falsche Nachrichten, sogenannte Fake News, verbreiten, was dazu führen kann, dass Nutzer nicht mehr unterscheiden können, welche Informationen der Wahrheit entsprechen und welche nicht. Es wird zudem nicht mehr lange dauern, bis von einem realen Menschen nicht unterscheidbare Avatare erzeugt werden können, mit denen dann täuschend echte Videosequenzen erstellt werden. Mit solchen Lösungen lassen sich Meinungen beeinflussen und Menschen manipulieren.

Die Wahrheit erodiert so sukzessive, Aviv Ovadya nennt dies die "Infokalypse". Totalitäre Staaten können die Errungenschaften künstlicher Intelligenz außerdem nutzen, um unter Vernachlässigung von Data-Privacy-Aspekten das Verhalten ihrer Bürger zu überwachen.

Zudem kann durch die Entwicklung selbst agierender Waffensysteme die Hemmschwelle für kriegerische Handlungen sinken, da das Leben der eigenen Soldaten nicht mehr gefährdet ist. Und schließlich verändert KI auch unsere Arbeitswelt, indem Prozesse automatisiert werden und damit vermehrt einfache Tätigkeiten wegfallen.

Wir brauchen eine Ethik der Digitalisierung

Als Antwort auf die Angst vor künstlicher Intelligenz sollten wir über eine Ethik der Digitalisierung sprechen, die die Herausforderungen konstruktiv angeht und die Hersteller und Nutzer von KI-Systemen in die Verantwortung nimmt. Das Problem der Bots in sozialen Medien kann zum Beispiel eingegrenzt werden, wenn sich Bots als solche zu erkennen geben müssen. Anbieter von sozialen Netzwerken müssen verpflichtet werden, ihre Filtermechanismen offen zu legen und notfalls regulieren zu lassen.

Im Bereich des autonomen Fahrens gibt es bereits Diskussionen darüber, wie KI-Systeme entscheiden sollen, wenn sich ein Personenschaden nicht vermeiden lässt. Auf internationaler Ebene sind Regierungen gefragt, Abkommen zu schließen, die den Einsatz von KI, speziell im Bereich autonomer Waffensysteme, regulieren. Und um den Datenschutz weiter voranzutreiben, müssen klare Regelungen und Initiativen für die Erhebung und Nutzung von Daten festgelegt werden.

Die Gesellschaft beschäftigt sich also bereits mit den durch KI-Technologien aufkommenden Fragestellungen. Insofern hat die Hysterie um ausartende Algorithmen doch etwas Gutes, denn die Aufmerksamkeit stellt sicher, dass Chancen und Risiken von künstlicher Intelligenz generell diskutiert werden. Jetzt gilt es, die Diskussion in konstruktive und nicht sensationsheischende Bahnen zu lenken.

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Über den Autor: Matthias Gröbner ist Managing Partner bei der Management- und Technologieberatung Detecon International (Tochterunternehmen der T-Systems).

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