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Anders Indset Portrait Wide
Indsets Appell: Wir müssen radikal umdenken, wenn wir auch in Zukunft in einer lebenswerten Welt leben wollen. (Bild: Anders Indset)
Interview Wirtschaft Digitalisierung

Q-Economy: Warum wir Wirtschaft neu denken sollten

LEAD sprach mit Anders Indset, einer der international führenden Wirtschaftsphilosophen, über ein neues Betriebssystem für die Wirtschaft und warum eine Wissensgesellschaft alles andere als erstrebenswert ist.

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50 Prozent der Jobs weltweit könnten in zehn Jahren wegfallen. Der Grund: die Digitalisierung und die damit einhergehende Automatisierung. Anders Indset, einer der international führenden Wirtschaftsphilosophen, hat in seinem Buch "Quantenwirtschaft" Zukunftsszenarien für eine Welt "nach der Digitalisierung" entworfen. LEAD sprach mit Indset über ein neues Betriebssystem für die Wirtschaft, die Bedürfnisse der jungen Generation und warum eine Wissensgesellschaft alles andere als erstrebenswert ist.

LEAD: Die Old Economy ist tot, die New Economy funktioniert nicht, jetzt kommt die Q-Economy - was können wir uns unter dem Begriff der Quantenwirtschaft vorstellen und warum brauchen wir sie jetzt?

Anders Indset: Der Ansatz der Quantenwirtschaft beruht auf der Sichtweise, dass die Welt im Kern verbunden ist. Wir leben nach Hierarchien, Strukturen und Modellen, die uns zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben – aber wenn wir ehrlich sind, dann leben wir durch Scheitern, Fortschritte, Krisen, durch Veränderungen und merkwürdige Ereignisse. Somit ist auch die Wirtschaftswelt der Quantenphysik viel ähnlicher als den linearen Modellen, auf denen wir alles aufbauen.

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Die Quantenwirtschaft hat im Wesentlichen das Ziel, dass wir mit einem neuen „Betriebssystem“ unsere Lebensgrundlage, das organisierte Zusammenleben beibehalten, dass wir den ökologischen Kollaps vermeiden können, dass wir den Umgang mit exponentiellen Technologien hinbekommen – eine langfristig humanistische Basis also.

Wichtig ist dabei, dass es nicht darum geht, zu gewinnen oder zu verlieren, sondern darum, möglichst lange mitzuspielen. Auf die Ressource und die Wirtschaft bezogen bedeutet das, dass alles, was wir heute produzieren, unendlich anwendbar und unendlich nutzbar sein muss – eine absolute Kreislaufwirtschaft sozusagen.

LEAD: Sie sprechen von einem ganzheitlichen Blick auf Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie und der Entwicklung eines Wirtschaftssystems, das unseren Bedürfnissen wirklich entspricht. Wie haben sich diese Bedürfnisse in den letzten Jahren verändert?

Anders Indset: Wir suggerieren, dass Konsum, Besitz und der Umgang mit den Ressourcen zu Glückseligkeit führen. Wir leben an der unteren Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide und glauben, dass die Grundrechte eines Menschen zwei Häuser und vier SUVs sind. Über die Jahre wurde diese Annahme immer extremer, es gibt einen deutlichen Spalt zwischen Arm und Reich und Deutschland driftet radikal auseinander.

Die Menschen werden durch die technologische Schnelllebigkeit zudem immer müder und frustrierter und kommen bei all den Entwicklungen nicht mehr mit. Wir wollen etwas besitzen, werden dadurch aber frustriert und müde. Perspektivisch werden wir uns deshalb wohl von Verbrauchern zu Gebrauchern entwickeln in einer Gesellschaft, die nur noch wissensbasiert ist, weil wir von den ganzen Informationen nichts mehr verarbeiten können und nur noch reagieren.

So eine Wissensgesellschaft mag uns in manchen Situationen kurzfristig zwar helfen - eine Validierung von Aussagen von Politikern in Echtzeit wäre beispielsweise sicher hilfreich. Langfristig würde sie Menschen jedoch darauf reduzieren, nur noch zu funktionieren und zu reagieren. Denn Wissen ist nicht Verstand und der Mensch hat in meiner Vorstellung eines humanistischen Kapitalismus eine andere Rolle.

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"Im öffentlichen Raum werden keine echten Debatten über tiefe inhaltliche Gedanken und mögliche Zukunftsszenarien geführt. Die Menschen sind damit völlig überfordert."

LEAD: Inwiefern unterscheiden sich die Bedürfnisse der verschiedenen Generationen?

Anders Indset: Noch nie war der Abstand zwischen den Generationen größer als heute! Nur weil 55-jährige Manager und Politiker glauben, sie könnten ein Paar bunte Socken anziehen, haben sie noch lange nicht verstanden, wie groß die Unterschiede zur jüngeren Generation sind. Ich bezeichne diese als “Generation der Erwachten” – junge, bewusste Menschen, die nicht Ferraris und Yachten als Definition der Glückseligkeit haben, sondern auch immaterielle Güter.

Sie sehen den Wohlstand nicht auf dem Konto, sondern wie sie miteinander umgehen und wie sie miteinander leben. Die egozentrisch getriebenen Strukturen unserer Gesellschaft reagieren sehr schmerzhaft auf die klar gestellten Fragen der jungen Generation.

Denen geht es nämlich nicht ums Ego, sondern um Fakten und darum, die Erwachsenen und Politiker mit Fragen nach Lösungen zu konfrontieren. Wenn dann keine Antworten kommen, werden diese Politiker nicht mehr gewählt – so werden sich die autoritären Strukturen der Gesellschaft ändern. Wir stehen vor einem evolutionären Wandel, einer Bewusstseinsrevolution, die dringend nötig ist.

LEAD: Die Frage, was nach der Digitalisierung kommt, hängt auch damit zusammen, was wir uns Menschen an Entscheidungskraft und Verantwortung zutrauen bzw. – oder zutrauen können. Wie kompetent schätzen Sie uns als Machtgeber und Entscheidungsträger ein?

Anders Indset: Die Politiker sind ein Ergebnis des Systems, wir können ihnen also keinen Vorwurf machen. Ich erlebe durchaus den Wunsch zur Veränderung und zum Handeln, sowohl vom Management als auch von der älteren Generation in der Politik.

Das Handeln zum Wandel kommt von der Symbiose zwischen Herz und Verstand, das den heutigen Steuerungseinheiten allerdings oft fehlt. Im öffentlichen Raum werden keine echten Debatten über tiefe inhaltliche Gedanken und mögliche Zukunftsszenarien geführt. Die Menschen sind damit völlig überfordert.

Wir debattieren auf einer sehr oberflächlichen Ebene und haben von Begrifflichkeiten wie Digitalisierung gar kein Verständnis – weder objektiv noch subjektiv. Wenn wir von Themen und Begrifflichkeiten sprechen, von denen wir nicht mal selbst eine Weltanschauung oder Ansicht haben, können wir als logische Schlussfolgerung darüber auch keine gewinnbringende Debatte führen.

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Anders Indet On Stage 3
Anders Indset ist einer der international führenden Wirtschaftsphilosophen. (Bild: Indset)

LEAD: Sie schreiben, wir stehen vor der „größten technologischen Revolution aller Zeiten und kaum jemand scheint es zu merken”. Hätten wir uns darüber nicht schon viel früher Gedanken machen müssen?

Anders Indset: Ja natürlich – aber das war in der Geschichte der Menschheit schon immer so: Wir halten uns für Genies und denken, dass die Innovationen und Kreationen unserer Geschichte das Ergebnis genialer Denkprozesse sind. Aber wenn wir ehrlich sind, kommen sie zum einen vom Klauen und Kopieren und zum anderen vom Scheitern. Wir sind „fehltastische“ Wesen, wenn man so will.

Wir sind fantastische Menschen mit unheimlich viel Potenzial, gleichzeitig scheitern wir und machen Fehler. Außerhalb der algorithmisch kalkulierten Fehler machen wir die Fortschritte – und wenn wir das nicht verstehen und akzeptieren, feiern wir uns für die Genialität und merken gar nicht, dass das, was wir für eine Revolution halten, nur eine Reaktion ist auf viel früher stattgefundene Revolutionen.

Brexit, AfD, Trump und dergleichen sind nur Reaktionen auf 1994, auf Netscape 1.0 – den Start des kommerziellen Internets – und wir nennen es Revolution. Aber darüber können wir uns gar keine Gedanken machen, weil uns der Blick dafür fehlt. Anstatt hinzuschauen, verwenden wir alte Daten und versuchen zu prognostizieren. Dabei bräuchten wir vielmehr ein Verständnis dafür, was passieren könnte. Wenn wir die Systemfragen nicht stellen und nicht über die Disziplinen hinausdenken, dann können wir auch keine Szenarien entwickeln – und dann können wir auch nicht über Lösungen sprechen.

LEAD: Sie schreiben: „Bewusstseinswandel oder Untergang – wir haben die Wahl“. Wie sähe ein mögliches Untergangsszenario aus?

Anders Indset: Ein Szenario ist, dass wir unsere Lebensgrundlage zerstören. Wenn wir die Basis auf der Erde zerstört haben, können große Teile der Erde nicht mehr bewohnt werden, dann reduziert sich die Anzahl der Menschen von zehn Milliarden vielleicht auf ein paar Millionen. Dieses Szenario halte ich für sehr fahrlässig, weil es uns gelingen muss, auch eine Lebensgrundlage für zehn Milliarden zu schaffen.

Ein anderes Szenario betrifft die Technologie. Wenn wir mit unseren kleinen Affenhirnen eine digitale Superintelligenz kreieren wollen, machen wir uns unbewusst überflüssig. Durch die rapide Entwicklung der exponentiellen Technologien entstünde eine Art Posthumanismus, das wäre für mich nicht erstrebenswert. Wir wären dann zwar die zweitintelligentesten Wesen auf dem Planeten, aber nicht mehr zu gebrauchen.

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"Die Basis für eine Bewusstseinsrevolution ist höhere Aufmerksamkeit für das Ordinäre."

LEAD: Wie könnte die Beziehung zwischen Mensch und Technik optimalerweise in Zukunft aussehen?

Anders Indset: Ein Optimum wird und kann es nicht geben, weil Systeme nicht so ausgelegt sind. Aber es gibt Visionen, nach denen wir streben können. Es könnte eine neue Blüte der Menschheit geben: Wenn wir uns ausgiebig mit dem Thema beschäftigen, glaube ich zum Beispiel, dass wir nicht nur einen Klimakollaps vermeiden können, sondern ihn auch umkehren können, etwa durch Maschinen, die wirtschaftlich profitabel sind und CO2 aus der Luft ziehen, oder durch Negativemissionstechnologien.

Das ist machbar, aber dafür brauchen wir unseren gesamten Verstand und eine echte Zusammenarbeit über Disziplinen und Landesgrenzen hinweg. Das wäre für mich quasi die nächste evolutionäre Stufe – ein höheres Bewusstsein und ein besseres zwischenmenschliches Miteinander durch ein Zusammenleben mit der Technologie.

LEAD: Was kann der Einzelne heute, ganz für sich oder in der Gruppe, tun, um Teil dieser Bewusstseinsrevolution sein zu können?

Anders Indset: Wir brauchen keine Wissensgesellschaft, sondern eine Verstandesgesellschaft. Wir müssen interessiert und neugierig sein, Interesse an Leben und Menschen haben und uns vor allem darüber Gedanken machen, was wir darunter überhaupt verstehen.

Die Basis für eine Bewusstseinsrevolution ist höhere Aufmerksamkeit für das Ordinäre. Wir funktionieren und reagieren nur noch – dabei haben wir, wenn wir bewusst interessiert sind, einen deutlich größeren Gestaltungsspielraum als wir uns derzeit zutrauen.

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