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(Bild: stock.adobe.com/Santiago Nunez)
OMR Instagram

Selfie-Fabriken statt Marketing

Bereits 2013 wurde "Selfie" zum Wort des Jahres gewählt. Mit Instagram hat das Marketing nun einen Weg gefunden, vom rasanten Aufstieg des Selbstporträts zu profitieren: Restaurants, Bars und Museen gestalten ihre Räumlichkeiten immer häufiger so, dass sie die perfekte Selfie-Kulisse bilden - und sie so mit den Fotos und Posts ihrer Besucher ganz von selbst bekannt werden.

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"Wir sehen die Kamera gerne als das neue Keyboard an", sagte Facebook-Manager Tony Leach im März 2017 gegenüber "Techcrunch". Er brachte damit die jüngste nutzerseitige Entwicklung in der digitalen Welt auf den Punkt: In einer Zeit, in der die jüngere Generation sich auf Plattformen wie Instagram und Snapchat vor allem über Bilder ausdrückt und kommuniziert, ist die Kamera das wohl wichtigste User Interface geworden. Wenig verwunderlich also, dass Snap sich als "Kamera-Unternehmen" bezeichnet und auch Firmen wie Google und Facebook an ihren Bilderkennungs-Technologien arbeiten.

"Selfie-Fabriken" produzieren die immer gleichen Fotos

Aber nicht nur große Tech-Unternehmen reagieren auf diese Entwicklung (und steuern sie sicherlich auch mit). In der physischen Welt haben kleine und mittlere Unternehmen einen Weg gefunden, aus dem Boom der visuellen Kommunikation Profit zu schlagen: Sie designen "Selfie-Fabriken", aus denen Bilder sich quasi von selbst verbreiten.

Die Gründerinnen des Restaurants "Media Noche" aus San Francisco beispielsweise haben ihren Innenarchitekten angewiesen, das Ladenlokal so zu gestalten, dass es "perfectly instagrammable" ist, wie sie im vergangenen Jahr gegenüber "The Verge" zugaben. Das beliebteste Motiv: Die dekorativen Bodenfliesen, von denen sich tausende Fotos in ähnlichen Variationen auf Instagram finden.

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Pattern Clashing ✨ One of the prettiest tiles I ever did see.

Ein Beitrag geteilt von Eunice Razo (@mrserazo) am

"Guck mal, ich hab hier gerade die beste Zeit meines Lebens!"

Die ebenfalls in San Francisco ansässige Bar "The Riddler" hat an ihre Außenfassade eine Champagnerflasche malen lassen, aus der ein Korken hinausschießt – ein ebenfalls sehr beliebtes Instagram-Motiv. Das Konzept der "Shareability" sei bei der Gestaltung der Bar absolut zentral gewesen, heißt es im Artikel von "The Verge". "Fast jeder in den Fotos, die 'The Riddler' gepostet haben, sieht aus, als habe er die beste Zeit seines Lebens. Man kann sich eine bessere Werbekampagne kaum vorstellen", schreibt Journalist Casey Newton.

Nicht nur das Lokaldesign wird von manchen Restaurants auf Instagram abgestimmt, sondern auch die Speisen und Getränke. Wenig erstaunlich, verzeichnet der Hashtag #foodporn auf Instagram doch mehr als 160 Millionen Beiträge. Der New Yorker Coffeeshop "The Good Sort" beispielsweise zielt - unter anderem mit Iced Cafe Latte in Regenbogenfarben - erfolgreich darauf ab, dass die Besucher ihre Getränkekreationen auf Instagram weiterverbreiten.

have u ever seen a cooler cup of coffee?

Ein Beitrag geteilt von Brigid Murphy (@brigidmurphyy) am

Wir machen es Dir leicht, für uns zu werben

Einige Gastro-Unternehmer gehen sogar so weit, dass sie es ihren Gästen besonders leicht machen wollen, ihr Restaurant und ihre Erzeugnisse zu fotografieren. Das spanische Restaurant "Bellota" in San Francisco beispielsweise hat darauf geachtet, dass die im Lokal verwendeten Lampen die zubereiteten Speisen gut aussehen lassen – und diese so auch leicht zu fotografieren sind. Man kann die Lampen in mehrere Richtungen bewegen; die Lichtstärke kann je nach Bedarf angepasst werden. Wenn der Besucher sein Handy auf der Lampe abstellt, kann er so ein gut belichtetes Selfie von sich aufnehmen.

Auf die Spitze treibt diesen Trend das Londoner Restaurant "Dirty Bones". Dort können sich die Gäste laut einem Bericht von Today.com sogar kostenlos ein "Instagram Pack" ausleihen, um ihr Essen werbetauglich zu fotografieren und via Instagram zu teilen. Dieses besteht aus Utensilien wie einem tragbaren LED-Licht, einer an das Smartphone anklippbaren Linse und einem Stativ.

Das Instagram-Museum als Gelddruckmaschine

Mittlerweile reicht der Trend, Kunden eine möglichst perfekte Kulisse für ihre Selfies bieten zu wollen, sogar bis in den Kulturbereich hinein. Das "Museum of Ice Cream" beispielsweise wirkt wie eine Kunstinstallation, die scheinbar auf Selbstinszenierung angelegt ist. "Remember those crazy ideas you dreamed up as a kid? The 'Museum of Ice Cream' is the place where ideas are transformed into real life experiences… a place where flavors are mysteries, toppings are toys, and sprinkles make the world a better place. Our mission is to design environments that bring people together & provoke imagination!", heißt es auf der Website des Museums.

Die Besucher erwartet eine pastellpinkfarbene Welt mit Schaukeln in Form von Eiscreme-Sandwiches, Pools mit Schaumstoff-"Streuseln" und Lampen in Form von Waffelhörnchen. Gegenüber "Wired" bestritt Mitgründerin Maryellis Bunn zwar, dass Instagram bei der Gestaltung des Museums eine entscheidende Rolle gespielt habe. Nicht zu leugnen dürfte jedoch sein, dass Instagram für das privat geführte Museum der wichtigste Marketing-Kanal ist: Mehr als 150.000 Posts zum Hashtag #museumoficecream lassen sich auf der Bilder-Plattform finden. Einem Bericht des britischen "Telegraph" zufolge soll das Eiscreme-Museum zu den weltweit zehn beliebtesten Museen auf Instagram gehören, gemeinsam mit dem Pariser Louvre und dem New Yorker Metropolitan.

Durch die Smartphone-Linse betrachtet wird Kunst wieder attraktiv

Aktuell hat das "Museum of Ice Cream" Niederlassungen in drei US-Großstädten. Ein Ticket kostet laut Website 38 US-Dollar, umgerechnet 32 Euro. Für eine - mittlerweile wieder geschlossene - Pop-up-Niederlassung in New York sollen laut Wired alle 300.000 Tickets zum Preis von 18 US-Dollar (circa 15 Euro) innerhalb von fünf Tagen nach der Öffnung verkauft worden sein.

Das "Museum of Ice Cream" ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass Museen bedingt durch Instagram plötzlichen und rasanten Erfolg feiern. Wired berichtet von weiteren Ausstellungen in den USA, die zwar nicht ursprünglich als "Selfie-Kulisse" angelegt worden, durch ihren visuellen Charakter aber eine plötzliche Popularität erfahren hätten, die jene anderer Ausstellungen im gleichen Museum bei Weitem überstieg. Die Installation "Wonder" im Smithsonium Kunstmuseum in Washington beispielsweise habe innerhalb von sechs Wochen mehr Besucher angezogen als das Museum sonst in einem ganzen Jahr. Am Ende hätten die Ausstellungsmacher die Zuschauer mit Schildern sogar ausdrücklich dazu animiert, Fotos zu machen.

Der Trend reicht bis in den öffentlichen Raum hinein

Wird der Trend zur "Instagrammability" künftig möglicherweise sogar immer häufiger das Antlitz öffentlicher Straßenzüge verändern?

Die Süddeutsche Zeitungberichtete zuletzt von einem Comeback der "Murals" in der Werbung: großformatiger Wandgemälde, die nun ebenfalls wegen der visuellen Social-Media-Plattformen wieder an Popularität gewinnen würden. So hat beispielsweise die Luxusmarke Dior im August 2017 in den USA mehrfach auf Wänden in XXL-Größe die Frage "And you, what would you do for love?" aufgemalt. Für jeden Instagram-Nutzer, der ein Bild einer solchen Wand versehen mit dem Hashtag #missdiorforlove auf der Plattform postete, hat Dior angeblich einen US-Dollar an eine Hilfsorganisation überwiesen. Mehr als 13.000 Posts führt Instagram zu dem Hashtag aktuell auf.

Tell me. #missdiorforlove

Ein Beitrag geteilt von I S A B E L L A (@isabellapedrali) am

Die (S)Elphi als Marketing-Hebel

Vielleicht kann Instagram durch die zunehmende Relevanz im öffentlichen Raum zumindest einen Teil dazu beitragen, dass sich für die Stadt Hamburg die Finanzierung der lange umstrittenen und kostspieligen Elbphilharmonie auf lange Sicht doch noch rentiert. Nicht nur, dass Hamburg zuletzt - wohl vor allem Dank des neuen Prachtbaus - in den Top-10-Reisezielen mehrere namhafter Medien wie der The New York Times auftauchte. Auch die "Digitalreichweite" der Stadt dürfte durch die Elphi deutlich zugenommen haben, bietet das Konzerthaus für Selfies und andere Fotos doch eine willkommene Kulisse. Immerhin 224.000 Beiträge zählt der Hashtag #elbphilharmonie aktuell bei Instagram, hinzu kommen 53.000 weitere Posts mit dem Hashtag #elphi.

Dieser Artikel erschien zuerst bei den Online Marketing Rockstars.

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