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(Bild: Unsplash)
KI Journalismus Künstliche Intelligenz

"Noch nie war menschengemachter Journalismus so wichtig wie heute"

Algorithmen, Vorhersage-Tools und maschinelles Lernen krempeln die Medien, die Kommunikationsbranche und den Inhalte-Konsum um – so zumindest die Vision der KI-Evangelisten. Ein Gespräch mit Medienwissenschaftler Prof. Dr. Stephan Weichert von der Hamburg Media School.

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Der Journalismus steht vor der nächsten Revolution. Algorithmen, Vorhersage-Tools und maschinelles Lernen krempeln die Medien, die Kommunikationsbranche und den Inhalte-Konsum um – so zumindest die Vision der KI-Evangelisten. Alexander Becker, Head of Newsroom bei der Agentur Frau Wenk hat Medienwissenschaftler Prof. Dr. Stephan Weichert von der Hamburg Media School mit sieben Thesen zu diesem Themenkomplex konfrontiert.

These: Mit dem richtigen Einsatz von KI im Redaktionsalltag ließe sich aus großen Daten-Stories wie den Panama-Papers noch weit mehr herausholen.

Algorithmen eröffnen neue Potenziale, um Daten schneller auszulesen und zu systematisieren. Aber eine KI wird niemals den menschlichen und im Besonderen den journalistischen Sachverstand ersetzen. Dafür sind auch zukünftig immer menschliche Datenjournalisten nötig – und keine Roboter, die uns die Arbeit abnehmen. Vor allem nicht in der Bewertung und Interpretation.

Stepahn Weichert Portrait Hms Melina Moersdorf
© HMS_MelinaMörsdorf

These: Mit der richtigen KI-Unterstützung in der Qualitätssicherung und Dokumentation hätte es einen „Fall Relotius“ nie gegeben.

Wir reden von Fact-Checking und Verification. Tatsächlich halte ich in solchen Fällen eine KI-Unterstützung für nicht so sinnvoll, weil das ein Mensch mithilfe bestimmter Tools und Techniken in der Regel besser machen kann. Die Dokumentation im Journalismus, die beim Spiegel etwa eine eigene Abteilung bildet, lässt sich niemals durch Maschinen ersetzen.

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These: Künftig sollen Algorithmen in der Lage sein, Kommunikationskrisen bereits in einem frühen Entstehungsstadium zu erkennen.

Bei der Analyse von Kommunikationsdynamiken könnten Algorithmen sehr hilfreich sein – vor allem, wenn es um Vorhersagen geht, etwa bei Twitter- oder Facebook-Diskursen. Es wird dann richtig interessant, wenn Politiker wie US-Präsident Donald Trump bereits vor jedem Tweet abschätzen können, welche Reaktionen diese auslösen. Das passiert bislang eher nach dem Bauchgefühl.

These: Bald gibt es ein Tool, das Blattmachern schon heute die relevanten Themen von morgen voraussagt.

Eine Nachrichtenlage kann niemand vorhersehen. Was mit Unterstützung einer KI vorausgesagt werden kann, sind Bedürfnisse und Interessen von Zielgruppen, die sich anhand von Nutzungsgewohnheiten auslesen lassen. Also, welche Medien welche Menschen zu welcher Tageszeit am liebsten nutzen. Aber das ist ja heute schon möglich. Die Frage ist eher, ob sich daraus individualisierte Profile erstellen lassen und entsprechend speziell zugeschnittene Programmvorschläge gemacht werden können. Das halte ich für wahrscheinlich. Dass aber konkrete Themen vorhergesagt werden, glaube ich nicht. Eher lassen sich Themenkonjunkturen bestimmen und auch in ihren Dynamiken prophezeien.

Ich plädiere deshalb immer wieder für einen digitalen Humanismus.

These: Es ist die Zukunft des Journalismus, dass jeder einen individualisierten Newsfeed ausgespielt oder eine individualisierte Zeitung geschickt bekommt.

Diese Vision gibt es schon, seit es das Internet gibt. Bislang haben sich Projekte in diese Richtung sehr schnell zerschlagen. Man hat gemerkt, dass die Menschen gerne eine begrenzte Auswahl an Informationen haben wollen, die vorausgewählt sind. Andererseits stoßen Menschen oft auf Nachrichten, von denen sie vorher gar nicht wussten, dass sie diese interessieren könnten. Das ist die klassische „Bereitstellungsqualität“, die wir auch von einer Zeitung oder der „Tagesschau“ kennen. Möglicherweise läuft es auf eine Mischform aus beidem heraus.

These: Die Kenntlichkeit von journalistischen Quellen wird schwieriger, je stärker Algorithmen in den Journalismus eingreifen.

Journalismus hat bei den Nutzern derzeit mit einem massiven Bedeutungsverlust zu kämpfen, was zum Teil auf seine eigene Unkenntlichkeit im Netz zurückzuführen ist. Wir müssen jetzt hart daran arbeiten, journalistische Quellen kenntlicher zu machen und diese so auszuflaggen, dass die Nutzer stets wissen, auf welche Informationen sie sich verlassen können. Dafür müssen wir endlich auf eine verbindliche Algorithmen-Ethik und neue Regeln zur Transparenz von Algorithmen pochen: Wie funktionieren Algorithmen? Wie lassen sie sich demokratisieren? Wie können Nutzer stärker partizipieren, ohne ihre Daten-Seele zu verkaufen?

Es gibt etliche Unschärfen in der Diskussion um KI. Vieles davon ist Hype und Angstmache, anderes bleibt bislang eine Black Box. Vor allem die opaken Interessen vieler führender Unternehmen im Bereich KI werden zum Problem, wenn der Mensch nicht mitgedacht wird. Ich plädiere deshalb immer wieder für einen digitalen Humanismus: Denn solange der Nutzer nur eine Randfigur in der Debatte um bevorstehende Disruptionen durch KI bleibt, muss ihr Nutzen infrage gestellt werden.

These: Durch Roboter-Marketing, -PR und -Journalismus wird es in der Kommunikationsbranche zu Massenentlassungen kommen.

Ich glaube, dass KI in vielen Branchen zu Entlassungen führen wird. Die Herausforderung der Gesellschaft besteht darin, sich mit den Folgen der Digitalisierung und Automatisierung auseinanderzusetzen und Lösungen dafür zu entwickeln, wie sich Menschen weiterbilden und in der Transformation bestehen können. Und natürlich muss man sich darüber Gedanken machen, was mit den Arbeitnehmern passiert, wenn Arbeitsstellen wegfallen. Genau solche Disruptionen in der Kommunikationsbranche führen zum Verlust von Arbeits- plätzen. Aber es werden eben neue Jobs geschaffen. Maschinen können keine ganzen Branchen ersetzen. Selbst wenn es so kommt, wird es immer wieder einen Bedarf in der Gesellschaft geben, das zu kontrollieren, zu kommentieren und zu analysieren, wie das Journalisten jeden Tag tun.

Ich glaube deshalb: Noch nie war menschengemachter Journalismus so wichtig wie heute – weil auch Orientierung noch nie so notwendig war wie jetzt.

Dieser Text erschien zuerst im Gesellschaftsmagazins "Clutch" von Frau Wenk

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