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Foto: TVfueralle.de/Flickr
Audio TV David Streit

Mit barrierefreier Web-Entwicklung zum TV-Programm für Seh- und Hörbehinderte

Mit TVfueralle.de präsentieren die Sozialhelden die erste digitale Programmauskunft, die Filter nach Audiodeskription und Untertitel zum Aufhänger macht. LEAD-Autor David Streit hat mit den Entwicklern über das Projekt, ihren Kreationsprozess und Wünsche für die Branche gesprochen.

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Laut aktueller Zahlen vom Deutschen Gehörlosen-Bund leidet knapp jeder fünfte Deutsche an Schwerhörigkeit – etwa 140.000 sind gänzlich auf Gebärdensprach-Dolmetscher oder Untertitel angewiesen. Zugleich gibt es laut Schwerbehindertenstatistik etwa 350.000 Menschen, die eine Sehbehinderung haben und darum akustische Zusatzinformationen benötigen. Sie alle wollen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und tun dies auch über das Fernsehen.

Leider war es für sie bisher unmöglich, schnell und einfach herauszufinden, welche Sendungen überhaupt über Untertitel oder eine Audiodeskription verfügen. Die neue TV-Plattform TVfueralle.de ändert das nun. Das Projekt stammt von den Sozialhelden und wurde in Kooperation mit den Medienanstalten ARD, ZDF und dem VAUNET umgesetzt.

LEAD hat mit Sabine Lelis (Frontend-Entwicklerin) und Jannis Menzel (Full-Stack-Entwickler) vom verantwortlichen Projektbüro HENKELHIEDL über die Herausforderungen der barrierefreien Web-Entwicklung für Menschen mit Behinderung gesprochen.

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Wie eine barrierefreie Web-Entwicklung aussieht

LEAD: Was bedeutet digitale Inklusion für eure Arbeit?

Jannis: Es bedeutet, Produkte zu bauen, die möglichst keine Einschränkungen für einzelne Nutzergruppen verursachen. Also müssen wir uns mit den Anforderungen dieser Nutzer und ihrer Tools an unseren Code beschäftigen. Und wenn das Bewusstsein erst einmal da ist, entstehen automatisch Webseiten, die zugänglich für alle sind.

Ihr habt auch schon einen Blog-Beitrag zum Thema geschrieben und macht darin eine Unterscheidung zwischen barrierefrei und zugänglich auf. Was hat es damit auf sich?

Jannis: Die Kriterien für barrierefreie Webseiten sehen zum Beispiel vor, dass wirklich alle Inhalts-Elemente auch für Screenreader zugänglich sind. Aber bei modernen Webseiten gibt es so viele visuelle Elemente wie Animationen oder Störer, dass der Aufwand in der Umsetzung immer größer wird, je weniger statisch die Inhalte präsentiert werden. Darum setzen wir uns in der Entwicklung erst einmal das Ziel, alle notwendigen Informationen zugänglich zu machen, um per se niemanden inhaltlich auszuschließen.

Sabine: Schwierig ist es insbesondere bei Videos, für die schon bei der Produktion alternative Versionen für seh- und hörbehinderte Menschen mit angelegt werden müssten. Denn wir können ja nur ausspielen, was uns als Datengrundlage zur Verfügung steht.

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Screenshot: TVfueralle.de/Flickr

Nun gibt es mit den „Web Content Accessibility Guidelines“ klare Richtlinien für barrierefreie Web-Entwicklung.

Jannis: Sie vermitteln die Zielsetzungen, die zur Barrierefreiheit führen – sagen dir als Entwickler aber leider nicht, wie du da hin kommst oder dich genau daran halten kannst. Das heißt, dass wir uns für TVfueralle.de erst alle Anwendungsszenarien überlegen und dann mit den Richtlinien abgleichen mussten.

Sabine: Wir haben zusammen mit den Sozialhelden definiert, dass die Seite mobile-first und als Responsive Website umgesetzt wird. Damit haben wir etwa die WCAG-Vorgabe der Plattformunabhängigkeit schon erfüllt. In der Bewertungsskala von A bis AAA würden wir laut Nutzer-Einschätzung bei den User-Tests trotzdem nur bei einem AA-Wert landen, weil uns in den Metadaten der Sender noch alternative Textversionen mit einfacher Sprache fehlen. Wer aber bereits in der Entwicklung sauber arbeitet, kommt schon ziemlich weit.

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Was sind weitere Zielsetzungen der Guidelines?

Jannis: Es gibt Richtlinien zur flexiblen Darstellung von Inhalten in Kontrast und Größe. Viele Browser ermöglichen das bereits in den Einstellungen, weshalb die Gestaltung bei veränderten Verhältnissen schnell verunstaltet werden kann. Wir optimieren daher auf diese Voreinstellungen und stellen zusätzlich noch Schalter für Schriftgröße und Helligkeit bereit, die unserer Gestaltung entsprechen.

Sabine: Eine der größten Herausforderungen war das Fokus-Management unserer Single-Page-Application. Wir mussten also ohne Seitenreload sicherstellen, dass sich Nutzer zu jeder Zeit orientieren können und auch ein Feedback darüber bekommen, was sich genau verändert hat. Der Screenreader hätte im Zweifelsfall gar nicht mitbekommen, dass es überhaupt etwas neues gibt.

Jannis: Schwierig gestalten sich auch immer wieder Detailfragen. Wahrscheinlich weil die Community von Leuten, die sich mit Fragen zur Barrierefreiheit beschäftigen, noch so klein ist. Normalerweise findet man ja als Entwickler zu jedem denkbaren Problem auf StackOverflow.com mindestens einen Lösungsansatz.

Wie viel aufwändiger war die Entwicklung der Plattform TVfueralle.de, weil ihr Menschen mit Seh- und Hörproblemen als Kernzielgruppe definiert habt?

Sabine: Neben eigenen Tests mit Screenreadern, Recherchen zur Zielgruppe und einem Experten-Workshop haben wir besonders großen Wert auf fortlaufende Nutzertests gelegt. Trotz aller Richtlinien kommt da nämlich am besten heraus, wie individuell die Menschen ihre Tools einsetzen. Wir haben zum Beispiel einen blinden Nutzer kennengelernt, der sich in der U-Bahn den Lautsprecher ans Ohr hält, wenn er sich Inhalte vorlesen lässt. Andere benutzen gar kein Smartphone und sind teils noch auf sehr alte Betriebssysteme angewiesen, weil diese weniger Reize triggern.

Jannis: Die Metadaten für unsere TV-Suche existierten auch schon. Die Sozialhelden sind nur die ersten, die sie zum Aufhänger einer Programminfo gemacht haben.

"Diese Frustration versteht man selbst erst, wenn man einmal mit Screenreadern gearbeitet hat."

Woher wissen Blinde überhaupt, welche Webseiten barrierefrei aufbereitet sind?

Jannis: Sie nutzen genauso Google, wie jeder andere und erkennen dann erst, wie gut oder schlecht die Datenaufbereitung ist.

Sabine: Diese Frustration versteht man selbst erst, wenn man einmal mit Screenreadern gearbeitet hat.

Wie ließe sich die Aufmerksamkeit für das Thema denn innerhalb der Branche noch steigern?

Jannis: Wir alle stellen uns bei Web-Projekten am Anfang dieselben Fragen: Welche Inhalte will ich wie zeigen und welche Strukturen benötige ich dafür? Bei Barrierefreiheit oder Zugänglichkeit kommt es also in erster Linie auf ein Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung und die Anforderungen von deren Tools an. Und wenn man sich dieses Wissen einmal angeeignet hat, kann man es immer wieder einbringen. Als Entwickler und Kreative sollten wir den Austausch zum Thema voranbringen, um uns gegenseitig zu stärken.

Sabine: Wir machen den Anfang und berichten über den Projektverlauf und unsere Nutzertests in einem eigenen kleinen Podcast-Format. Ansonsten kann jeder einfach mal einen Screenreader anwerfen und sein aktuelles Projekt aus der Sicht von eingeschränkten Nutzern erfahren.

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