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Kinder Medien Psychologie

Medienerziehung: "Der Suchteffekt ist mit jeder stofflichen Droge vergleichbar"

Der digitale Alltag begleitet Kinder heute schon ab einem sehr frühen Alter. Im Interview mit LEAD gibt die Psychologin Clara Welten Eltern Tipps an die Hand, wie sie den Spagat zwischen virtueller und echter Realität meistern können.

Sobald der Bildschirm an Bedeutung gewinnt, geht er ausnahmslos zum Smartphone und in die Allgegenwärtigkeit über (Bild: iStock/DNY59)
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LEAD: Das Thema Medienerziehung wird von den Eltern gerne vernachlässigt. Woran liegt das?

Clara Welten: Ich denke, dass es oft an einem allgemeinen Ohnmachtsgefühl liegt, wie die Digitalisierung für sich selbst und für die Kinder gut zu lösen ist. Die Einführung klar einzuhaltender Regeln, und zwar für Groß und Klein, betrifft primär das Zeitmanagement, den konkreten Gebrauch im Alltag, das Wann, das Wie und das Wo.

LEAD: Sie haben einen Ratgeber über die “Digitalisierung der Kinderstube“ geschrieben. Können Sie einen kurzen Überblick über das Ausmaß des digitalen Eltern- bzw. Kinderalltags geben?

Welten: Ich betone in meinem Buch die Tatsache, dass wir die erste Generation sind, die darüber zu verfügen hat, ab welchem Kleinkindalter und in welcher Form die digitalen Medien im Kinderzimmer Einzug halten. Wir selbst haben diesbezüglich keine Vorbilder und Ideale. Ich halte es für ganz wichtig, uns bewusst darüber zu sein, dass heutzutage bei uns Menschen eine Sehnsucht nach digitalen Medien stimuliert wird, noch bevor wir lesen, schreiben, denken und gar sprechen können – vor dem zweiten Lebensjahr.

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Sobald der Bildschirm an Bedeutung gewinnt, geht er ausnahmslos zum Smartphone und in die Allgegenwärtigkeit über. Das digitale "kindgerechte Lernprogramm" ist der Anfang. Wer im Säuglingszimmer digitale Spiele einbringt, kann beobachten, dass reales Malen, Spielen und körperliche Bewegung als viel anstrengender empfunden werden als "auf dem Sofa zu hängen und zu klicken".

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Print Clara Welten 16119 Photo By Saskia Uppenkamp
Die Psychologin Clara Welten hat den Ratgeber "Die Digitalisierung der Kinderstube – miteinander leben oder nebeneinader existieren?" geschrieben. (Bild: Saskia Uppenkamp)

LEAD: Aus Sicht der Psychologin: Was macht diese "Überdigitalisierung" mit uns und vor allem dem kindlichen Gehirn? Wann spricht man überhaupt von einer digitalen Sucht?

Welten: Bei Überdigitalisierung ist man angekommen, wenn Kinder sich nach nichts anderem mehr sehnen als das digitale Medium einzuschalten. Da das kindliche Gehirn noch in der Entwicklung ist und längst nicht fertig, greift das digitale Medium voll in den Entwicklungsprozess ein und kann ihn sowohl psychisch als auch neurodidaktisch verändern. Gefühle dechiffrieren zu lernen, Empathie und Mitgefühl, Kommunikation zu lernen – all das ist seelisch und neurologisch bis zum 18. Lebensjahr im Prozess.

Sucht hat immer etwas mit Leere zu tun, die sie füllen soll. Wenn das Herz und der Verstand noch nicht genährt und reif sind, kann es logisch erscheinen, Gefühle des Mangels am schnellsten und einfachsten zu überbrücken: Bildschirm an. Neurologische und seelische Entwicklung bedeutet aber, mit Reibung und Widerstand zu arbeiten. Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn es im Regal immer Konserven gibt, muss ich nicht kochen.

LEAD: Wo lauern Ihrer Meinung nach die größten Gefahren für die Familie im digitalen Alltag? Was kann der Missbrauch von Smartphone und Co. für psychische Folgen haben?

Welten: Die größte Gefahr liegt im "zu früh und zu viel". Weshalb ? Da manuelle Spiele, Gesellschaftsspiele und körperliche Bewegung anstrengender sind als der Bildschirmgebrauch, ist bei jungen Kindern oft zu beobachten, dass sie sich "irre langweilen", sobald sie nicht mehr digital beschäftigt werden. Wie G. Hüther so schön zusammenfasst, stellt sich das Gehirn auf die "Einbahnstraße des geringsten Widerstands" ein.

Die seelische Gefahr ist das Gefühl der Sehnsucht, das zur Sucht wird, wenn eine entstandene Leere gefüllt werden muss. Wir kennen es alle: Das Gerät auszuschalten, lässt uns nicht selten allein zurück, einsam, unverbunden und unbefriedigt – weshalb wir es ja auch schnell wieder einschalten wollen. Für Kinder, die noch keine Strategien des Bewusstseins entwickelt haben, ist das noch auffälliger. Es entsteht ein Suchteffekt, der mit jeder stofflichen Droge zu vergleichen ist.

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LEAD: Oft sind ja die Eltern nicht weniger digital-süchtig als ihre Kinder. Wo können Eltern ansetzen, um ihren Kindern ein besseres Vorbild zu sein? Wäre zum Beispiel ein gemeinsamer Familien-PC besser, als ein eigener Laptop?

Welten: Die aufgestellten Regeln betreffen Eltern und ihre Kinder. Ganz konkret bedeutet dies, dass der viel beschäftigte Vater eben nicht am Frühstückstisch die ersten Mails checkt und Nachrichten schickt und dass die Mutter eben nicht beim Abendbrot zum Smartphone rennt, wenn es klingelt. Gemeinsame Auszeiten sind Teil des Miteinanders der Familie, dem Raum, der sowieso selten zu installieren ist.

Vorbild zu sein bedeutet, dass wir mit und insbesondere ohne leben können. Dass wir Erwachsenen in der Lage sind, mehrmals am Tag den Flugmodus einzuschalten. Dass wir selbst in voller Präsenz mit unseren Kindern zusammen sind, ohne zum Gerät zu schielen. Und während wir uns selbst zeitlich reglementieren, so tun wir es auch mit dem Kind. Generell gilt auch: Das eigene digitale Gerät so spät wie möglich! Einen Familien-PC Zuhause zu benutzen, ist eine Möglichkeit.

LEAD: Viele Eltern sind überfordert, was den Umgang beispielsweise mit Smartphones betrifft. Schon Grundschulkinder besitzen ein eigenes Telefon, damit sich die Eltern in Sicherheit wiegen können. Gibt es denn Altersempfehlungen, ab wann psychologisch gesehen Kinder eigene digitale Begleiter besitzen dürfen?

Welten: Um das Sicherheitsgefühl mancher Eltern zu befriedigen, kann es ein Handy und muss es kein Smartphone sein. Auch können sich Eltern über dieses Sicherheitsgefühl Gedanken machen, ob es real oder ein Phantasma ist und entsprechend agieren: Braucht mein Grundschulkind wirklich ein Handy?

Die Altersempfehlungen gehen weit auseinander. Manfred Spitzer spricht zum Beispiel von dem 13. Lebensjahr. Realistisch halte ich: Smartphone nicht vor dem 10. Jahr. Warum? Kein Kind stellt selbstständig, aus Vernunftgründen das digitale Spiel oder das Chatten ab. Seien wir uns klar darüber: Sobald das Smartphone angeschafft ist, wird es Konflikte, also Grundsatzdebatten geben (müssen). Als Tipp: Heutzutage können Schulen, Eltern und Schüler auch gemeinsam einstehen und offen Regeln aussprechen, was den Gebrauch auf dem Schulhof, was die Hausaufgaben- und Auszeiten betrifft.

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