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LEAD 03/18 Ethik Cyborg

Der Mensch - so gut wie eine Maschine?

Patrick Kramer nennt sich offiziell Chief Cyborg Officer. Er ist der Gründer der Firma „Digiwell – Upgrading Humans“, einem Biohacking-Unternehmen. Er trägt selbst mehrere Mikrochip-Implantate unter der Haut, weil er fest an die Erweiterung der körperlichen Fähigkeiten mittels moderner Technologie glaubt. LEAD war bei einer Live-Implantation eines Chips mit dabei.

(Bild: Digiwell)
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LEAD: Ihr Business ist das Bio-Hacking. Sie bieten u.a. verschiedene Mikrochip-Implantate an, die man sich einsetzen lassen kann, um so die körperlichen Fähigkeiten zu erweitern. Wie sind Sie in dieses Business geraten?

Patrick Kramer: Es gab zwei Treiber. Im Jahr 2012/2013 rückte das Thema Internet of Things ganz stark in unser Bewusstsein. Plötzlich musste alles irgendwie "connected" sein – vom Küchenherd über den Kühlschrank bis hin zur vernetzten Kettensäge. Parallel habe ich mich sehr für das Thema "Quantified Self" (den eigenen Körper vermessen) interessiert.

Daten über das eigene Schlafverhalten sammeln, Schritte zählen, Ernährungsprotokolle – all das waren plötzlich Themen, die die Menschen bewegten. Und so habe ich neben meinem Job als Unternehmensberater parallel einen Webshop eröffnet und die ersten Smartwatches und Fitness-Tracker vertrieben. Anfang 2015 habe ich dann gemerkt, dass sich mein Alleinstellungsmerkmal aufzulösen begann. Das war der Punkt, wo ich mir überlegt habe, ob Technik eigentlich immer auf der Haut getragen werden muss oder ob es nicht sinnvoller wäre, sie auch unter die Haut zu bringen. Das Thema Biohacking im heutigen Sinne gab’s damals aber noch gar nicht. Und auch heute denken die meisten bei dem Begriff "Biohacking" nur an das Thema Fitness, Gesundheit, Schlaf und Nahrungsergänzung. Das ist ja nur ein Bereich. "Bodyhacking" als Teilbereich des Biohackings geht ja noch viel weiter. Damit können wir dem Körper neue Funktionen geben. Wir werden unseren Körper dieser neuen digitalen Welt anpassen und leistungsfähiger machen. Ideen gibt es schon zuhauf.

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LEAD: Wie weit werden Sie mitgehen? Wie viel Cyborg ist gut für den Menschen?

Kramer: Solange das Implantat mit dem Microchip qualitativ hochwertig ist und keinerlei Nachteile beschert, sehe ich Implantate als Chance. Nur ein Beispiel: Ein Bekannter von mir hat seit 43 Jahren Parkinson und wenn der über Mikrochipimplantate redet, dann spricht er davon, dass diese Implantate ihm seine Würde als Mensch zurückgeben. Denn mit Mikrochip muss er nicht mehr eine Stunde lang vor seiner Haustür stehen und versuchen, mit zitternder Hand den Schlüssel ins Schlüsselloch zu kriegen. Wenn ein Implantat aber einen Nachteil hat wie zum Beispiel eine Batterie, die irgendwann leer ist und ausgewechselt werden muss, dann hätte ich da eher Bedenken.

LEAD: Wer nicht krank ist, sieht vielleicht auch weniger die Notwendigkeit für einen Mikrochip im Körper. Was glauben Sie, kann die Menschen dazu bringen, sich einen Mikrochip installieren zu lassen?

Kramer: Als ich mit dem Thema anfing, war es bei den meisten Menschen die pure Neugier wie es ist, eine digitale Schnittstelle im Körper zu tragen. Mittlerweile hat sich das spürbar gewandelt. Viele haben Spaß daran, wollen ihre Visitenkarte auf dem Implantat speichern, oder ihre medizinischen Notfallinformationen et cetera. Andere haben ganz konkrete Projekte vor Augen. Zum Beispiel nie wieder Haustürschlüssel suchen; in der Firma den Mitarbeiterausweis nicht mehr benötigen, das Auto öffnen und starten, aber auch auf einfache Art und Weise die Körpertemperatur messen – zum Beispiel zur Familienplanung sind heutzutage die meistgenutzten Funktionen.

Aber die zweite Generation an Mikrochip-Implantaten steht schon in den Startlöchern. Die nächste Generation an Implantaten kommt bereits mit fertigen Programmen oder Applikationen, die zwischen der echten und der digitalen Welt interagieren, ohne dass ich noch verstehen muss, wie das alles funktioniert. Genauso wie bei unseren Smartphones. Wir werden da einen gewaltigen Schub an Innovationen sehen. Die neue Generation soll übrigens noch dieses Jahr kommen.

Auf dem Zukunftskongress 2018 des Thinktanks 2beAhead lässt sich der Trendforscher Sven Gábor Jánszky von dem Cyborg Patrick Kramer einen Chip unter die Haut implantieren. Gábor Jánszky hofft, dass er Dank Chip nie mehr den PIN für seine EC-Karte vergisst. LEAD war bei der Implantation live mit dabei:

LEAD: Jetzt mal zur ethischen Dimension: Wir haben gesagt, dass so ein Chip eine prima Sache ist, wenn ein Mensch keine Arme mehr hat oder an Parkinson leidet. Aber sehen Sie persönlich auch irgendwo Grenzen? Die Transhumanisten vertreten ja die These, dass sie sich jederzeit ihr Herz upgraden lassen würden, wenn sie damit vom Couchpotato zum Marathonläufer werden würden. Würden Sie da mitgehen?

Kramer: Ich kenne die Szene ziemlich gut und ich weiß, dass die Jungs, die solche Thesen raushauen, damit natürlich gerne PR machen. Ich persönliche würde nicht ein funktionierendes gesundes Körperteil durch ein Künstliches ersetzen lassen. Das ist bei mir einfach meine ganz persönlich ethisch-moralische Grenze. Nur weil ein künstliches Herz vielleicht besser ist, muss ich sagen: Mir reicht mein Jetziges. Anders liegt der Fall, wenn ich eine neue Hüfte brauche. Wenn ich mich sowieso unters Messer legen muss, dann nehme ich doch gleich eine neue Hüfte, die mir mehr Funktionen bietet. Technisch ist das sicher möglich.

LEAD: Wie sieht es nun aus, wenn man versucht, ans Gehirn anzudocken? Das wäre ja irgendwann der nächste logische Schritt. Das Gehirn ist ja nur eine Ansammlung elektrischer Impulse, die wild durcheinandersurren und dadurch Aktionen im menschlichen Körper auslösen. Was, wenn man da andocken könnte?

Kramer: Manche Firmen prognostizieren, dass wir in den nächsten acht bis zehn Jahren die ersten Gehirnimplantate erleben, mit denen eine direkte Kommunikation zwischen Hirn und Internet möglich wird. Auf dem Weg dahin werden wir in den nächsten Jahren verstärkt sogenannte Brain-Computer-Interfaces (BCIs) erleben. So forscht die Automobilindustrie z.B. schon an Assistenzsystemen, die mich als Fahrer direkt über ein BCI mit dem Auto verbinden, wodurch schnelleres und direkteres Handeln am Steuer möglich sein wird.

LEAD: Wenn die Rede von einem direkten Anknüpfen an Hirnfunktionen ist, also wenn es möglich wäre, eine Art Vernetzung zwischen Internet und Hirn zu realisieren - macht Ihnen das Sorgen?

Kramer: Nein. Denn es ändert sich nur die Art und Weise, wie wir Technik nutzen. Es wird nur einfacher, digitale Inhalte über eine Schnittstelle zu erhalten und zu teilen. Aber das heißt nicht, dass jemand unsere Gedanken lesen kann. Und wenn wir in Zukunft echte Gehirnschnittstellen hätten, können wir unsere Erinnerungen an Erlebnisse und Gefühle in einer Cloud auslagern. Unser Gehirn wird dadurch quasi um das zig-fache leistungsfähiger. Die Vernetzung mit dem menschlichen Geist zu Kommunikationszwecken wird ebenfalls ein ganz großes Thema werden. Denn mal ehrlich: Wie praktisch wäre es, wenn ich die Gehirnströme nutzen könnte, um mich eindeutig z.B. an meinem Smartphone zu identifizieren, um direkt eine WhatsApp-Nachricht zu schicken? Facebook ist da schon dran. Denn eigentlich dauert das Schreiben von Nachrichten viel zu lange. Warum nicht denken statt tippen? Schnittstellen werden das nächste große Thema, was ich sehr faszinierend finde. Und ich glaube, es wird die Menschheit in der Evolution ein ganzes Stück nach vorne bringen.

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LEAD: Und wie lange, glauben sie, werden wir auf den Entwicklungssprung noch warten müssen?

Kramer: Ich glaube nicht an diesen Zeithorizont von acht bis zehn Jahren, der von einigen Firmen prognostiziert wird. Einfach, weil das Gehirn nach wie vor viel zu komplex ist und wir überhaupt nicht wirklich verstanden haben, wie beziehungsweise wo was funktioniert. Und wir können ja auch nicht einfach hergehen und den Kopf aufsägen und irgendwelche Elektronen irgendwohin pflanzen, Batterie rein und wieder zu machen. Solange es noch keine Nanotechnologie gibt, wo ich Nanobots in die Blutbahn spritze und diese dann eigenmächtig den Weg über die Blutbahn ins Gehirn finden, solange ist das noch Zukunftsmusik.

LEAD: Wird auch in Deutschland an diesen Dingen geforscht?

Kramer: Selbstverständlich. Wenn gleich auch zögerlich im internationalen Vergleich. Ich bin viel auf internationalen Innovation-Events und Kongressen unterwegs und ich habe mehr und mehr Angst, dass wir in Deutschland das ganze Thema Digitalisierung verschlafen. Wenn ich sehe, was zum Beispiel in Dubai in Sachen Smart City passiert und wenn ich dann daran denke, dass unsere Kinder nicht mal ein entsprechendes Schulfach zum Thema Digitalisierung haben, dann zweifle ich daran, wie unser Land aussieht, wenn meine Kinder mit der Schule fertig sind.

Ich habe wirklich große Angst, dass wir komplett hinter den Digitalisierungsthemen herhinken. Und ich hoffe, dass das Thema irgendwann auch bei den Wahlen viel stärker ausschlaggebend sein wird. Denn das sind die Wettbewerbsthemen der Zukunft. Ich kann mich heute in Deutschland nicht mehr darauf ausruhen, dass ich mal Exportweltmeister war. Das ist viel zu kurzsichtig.

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