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Die menschliche Intelligenz hinter der künstlichen: Abdelmalik Guesaoui, Sven Körner, Georg Müller und Mathias Landhäusser (Bild: thingsTHINKING)
KI Technologien Startup

Künstliche Intelligenz prüft Koalitionsvertrag

Eine KI aus Karlsruhe versteht die Bedeutung von natürlicher Sprache. Ihre Erfinder haben der Maschine das Ergebnispapier zur Analyse vorgelegt, die das bestätigt, was Experten seit Tagen verbreiten: Die SPD hat gut verhandelt.

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Was macht ein Team, das sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, in seiner Mittagspause? Klar, weiter über die KI reden. Das Unternehmen thingsTHINKING (tT) aus dem erst kürzlich zur Innovationsstadt gekürten Karlsruhe arbeitet an einer KI, die mit gesundem Menschenverstand die Bedeutung von Sprache in Texten und Dokumenten verstehen und analysieren kann. tT ist eine Ausgründung aus dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die ähnlich wie Menschen die Wortwahl ignoriert und die eigentliche Bedeutung der Aussage erkennt. 

Das Team um CEO Sven Körner saß gerade mit einem Partner zu Tisch, als das Thema Koalitionsvertrag aufkam. Die Gruppe fragte sich, ob die KI denn nicht mal die den Koalitionsvertrag prüfen und analysieren könne. Gesagt, getan. "In der Mittagspause haben wir dann die entsprechenden Dokumente heruntergeladen und der Maschine gegeben", sagt Dr. Mathias Landhäußer, einer der Geschäftsführer der tT. Alles aus reinem Gag und ohne den Plan, die Auswertung als wissenschaftliche Studie oder Ähnliches zu veröffentlichen.

Mit ihrer Software haben die Karlsruher die Parteiprogramme von CDU/CSU und SPD mit dem Koalitionsvertrag verglichen und stellten schnell fest: Die Ergebnisse der Maschine bestätigen die Aussagen der Experten, dass die SPD gut verhandelt hat.

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Wie hat die Maschine das herausgefunden?

Menschen sind im Umgang mit natürlicher Sprache Computern immer noch stark überlegen. Das gilt vor allem, wenn es darum geht, Sprache kreativ zu verwenden sowie Inhalte zu verstehen. thingsTHINKING bringt Maschinen gesunden Menschenverstand bei. Nach über einem Jahrzehnt Forschungsarbeit kombinieren tT verschiedene KI-Technologien, um Kontexte auszuwerten und um der Maschine beizubringen, Texte zu verstehen.

Konkretes Beispiel: Die CDU schreibt in ihrem Parteiprogramm: "Wir wollen, das [sic] alle unsere Kinder die bestmögliche Erziehung, Bildung und Betreuung erhalten, unabhängig von Herkunft und Lebenssituation der Eltern." Das ist im Endeffekt das Gleiche wie die Aussage der SPD: "Wir werden die Benachteiligung von Kindern armer Eltern beseitigen und ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen." 

Was die CDU oder die SPD sich insgeheim dabei gedacht haben mögen, also ob sie mentale Vorbehalte haben, interne Signalwörter verwenden und sie die Begrifflichkeiten gleich verstehen (ab wann ist man "arm" im Sinne der CDU und wann im Sinne der SPD?) kann die Maschine nicht wissen, wenn es nicht explizit im Text steht. Dennoch: Die entsprechenden Passagen im Koalitionsvertrag lesen sich dann laut Maschine: "Wir wollen, dass Kinder unabhängig vom Elternhaus die gleichen Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe erhalten und ihre Fähigkeiten entwickeln können. [..] Wir wollen die bestmögliche Betreuung für unsere Kinder und die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf."

Die Ergebnisse der KI

Die Maschine hat den Koalitionsvertrag selbständig in rund 8200 Sätze und 4500 Abschnitte gegliedert. Es kann eingestellt werden, wie frei oder strikt die Maschine beim Bewerten der Ähnlichkeiten vorgeht. Zum Beispiel liefert die Maschine bei moderater Einstellung zu den obengenannten Beispielen auch Sätze wie "Eltern wünschen sich, ihre Arbeit und die Kindererziehung partnerschaftlich aufteilen zu können" aus dem SPD-Programm oder Teile aus dem Koalitionsvertrag "Zumeist wollen beide Elternteile nach Trennung und Scheidung intensiv in die Erziehungsverantwortung für ihre Kinder eingebunden bleiben", die damit verbunden sind. Wie weit man hier geht, und wie viel Spielraum man der Maschine lässt, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich - dies können die Benutzer aber ad hoc einstellen.

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Die Übereinstimmung der Parteiprogramme mit dem Koalitionsvertrag: Die SPD hat laut der Maschine deutlich mehr Punkte (Bild: thingsTHINKING)

Die vorläufige Auswertung zeigt ein grobes Verhältnis von 2:1 im Verhältnis für das Parteiprogramm der SPD. Diese Ergebnisse sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da nur Stichproben gemacht wurden. Es zeigt sich auch, dass das Programm der SPD deutlich umfangreicher gestaltet ist als das der Union. Die Christdemokraten schreiben kürzer und insgesamt weniger. Ähnliche Formulierungen sind im Schnitt zehn Prozent kürzer geschrieben.

Lässt man die Maschine die Parteiprogramme in Klassen einteilen, so findet sie eine breitere Themen(Klassen)-Abdeckung des CDU/CSU-Parteiprogramms im SPD-Parteiprogramm (197 ähnliche Themencluster) als bei die SPD im CDU/CSU-Parteiprogramm (hier hat die SPD 134 ähnliche Themengebiete). "Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, aber die Maschine findet im Schnitt zwei- bis dreimal so viele thematische Verbindungen des SPD-Parteiprogramms im Koalitionsvertrag als im CDU/CSU-Programm", so CEO Sven Körner. "Man kann der Maschine sagen, wie frei sie Aussagen interpretieren darf - das Verhältnis der Abdeckung im Koalitionsvertrag verschiebt sich aber nicht. Das scheint sich stringent durchzuziehen."

Die SPD hat deutlich mehr Teile ihres Parteiprogramms im Koalitionsvertrag unterbekommen. Teilweise sind die Punkte zwar anders formuliert, aber sie bedeuten dasselbe. Genau das ist es, was die Maschine aus Karlsruhe am besten kann. Die Entwickler haben den Vergleich zusätzlich umgedreht und geprüft, wieviel Koalitionsvertrag im Parteiprogramm steckt und sogar die Parteiprogramme untereinander verglichen. Fazit: Es ist mehr Koalitionsvertrag im SPD-Programm und die beiden Parteiprogramme selbst sind zu einem Drittel semantisch, also von der Bedeutung her sehr ähnlich.

"Die Maschine ist ein Gabelstapler fürs Hirn"

Die Gründer um Dr. Sven J. Körner nennen ihre Maschine einen "Side-Kick" oder "Gabelstapler fürs Hirn". Sie unterstützt Menschen in aufwendigen Vorgängen wie juristischer Recherche, Steuerverarbeitung, im Verwalten von Verträgen und Anforderungen im Bereich Maschinenbau. Einer der großen Vorteile ist die Geschwindigkeit und Unermüdlichkeit, mit der die Maschine vorgeht. Die Prüfung der Parteiprogramme mit dem Koalitionsvertrag dauerte wenige Sekunden.

Viele Prozesse in den oben genannten Anwendungsfällen sind bisher rein manuelle und von Menschen durchzuführende Arbeiten. Auch mit dieser Künstlichen Intelligenz wird sich das nicht ändern. thingsTHINKING ersetzt keine Menschen - lediglich der Aufwand für Lesen und Verstehen wird enorm gekürzt. Menschen werden nach wie vor Entscheidungen treffen müssen, auch wenn die Maschine hier Handlungsvorschläge machen kann. "Es ist, als ob jemand alles für dich vorliest, einschätzt und dir schön markiert vorlegt", beschreibt Chief Product Officer Abdelmalik El Guesaoui die Plattform der Firma.

Konkrete Anwendungsfelder sind das schnelle Prüfen großer Mengen von Unterlagen im Bereich Due Dilligence, Requirements Engineering und natürlich Unterlagen zu und von Versicherungen. Ein wichtiger Punkt der Zusammenarbeit für tT sind Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Kanzleien, deren Prozesse im Bereich Accounting/Tax/Auditing durch die Lösung profitieren. Doch Vorsicht: Die KI muss man sinnvoll einsetzen. "KI kann man nicht aus dem Regal nehmen. Es ist wichtig, dass Fachleute aus der jeweiligen Fach-Domäne die Maschine richtig einsetzen. Unsere Aufgabe ist es, uns - die Techniker - und die Partner so zusammenzubringen, dass die Maschine sofort einen klaren Mehrwert liefert."

Die Künstliche Intelligenz braucht den Menschen

Im Interview mit LEAD erklärt Sven Körner, dass es für das Unternehmen, das rein aus technisch ausgebildeten und promovierten Mitarbeitern besteht, wichtig sei, Kooperationspartner für Lösungen in der echten Welt zu finden. Denn die Maschine arbeitet mit gesundem Menschenverstand. Manchmal aber verstehen wir "normale Bürger" einen Sachverhalt über Gerechtigkeit anders als zum Beispiel ein Jurist. Und dieses Expertenwissen kann die Maschine natürlich ebenfalls nicht ersetzen. "Die Maschine weiß zwar viel über die Welt, aber im juristischen Bereich gelten teilweise andere Regeln. Das muss man der Maschine zeigen und das kann nur ein Jurist leisten", meint Micha Manuel Bues von der European Legal Tech Association (ELTA). 

Menschen, die den Fortschritt der Künstlichen Intelligenz fürchten, weil sie die Menschheit irgendwann ersetzen könnte, dürfen bisher also beruhigt sein. thingsTHINKING ist ein perfektes Beispiel dafür, dass die KI lediglich eine Stütze für den Menschen ist und ihn nicht ersetzt – jedenfalls nicht in den nächsten 15 Jahren, wie Sven Körner glaubt.

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