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LEAD 03/18 Cyberattacke Cybersecurity

Ein Leben lang toxische Daten

Die Digitalisierung hat auch ihre Schattenseiten. Heutzutage braucht es nicht viel für einen Identitätsklau. Laut Studien sollen bis über 30 Prozent der Deutschen betroffen sein. Die Journalistin Tina Groll ist eine von ihnen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Interpol-Fahnder Cem Karakaya veröffentlicht sie das Buch "Die Cyber-Profis". LEAD hat mit Tina Groll gesprochen.

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Sie wurde monatelang von der Polizei gesucht, es lagen Haftbefehle gegen sie vor und sogar verurteilt wurde Tina Groll. Gewusst hatte die Journalistin von alledem aber nichts: Kriminelle hatten ihre Identität gestohlen und online wie offline missbraucht.

Identitätsdiebstahls ist längst nicht mehr nur Thema in Hollywood, sondern zum realen Massenphänomen geworden. Laut Studien sollen 20 bis über 30 Prozent der Deutschen betroffen sein. Tina Groll ist eine von ihnen, 2009 missbrauchen Kriminelle ihre Identität: Plötzlich liegen Haftbefehle gegen die Journalistin vor und Inkassounternehmen fahnden nach ihr. Der lange Kampf, ihren Namen wieder rein zu waschen, macht sie zur Expertin, heute kämpft sie für mehr Datenschutz und möchte Betroffenen und Journalisten helfen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Interpol-Fahnder Cem Karakaya veröffentlicht sie das Buch Cyber-Profis.

"Ich habe Angst, den Briefkasten zu öffnen. Seit Jahren. Wenn ich abends nach Hause komme, gehe ich sofort zum Briefkasten. Wenn ich länger in den Urlaub fahre, werde ich schon Tage vor der Heimreise nervös beim Gedanken, den Briefkasten nach meiner Rückkehr öffnen zu müssen. Ist es dann so weit, pocht mein Herz laut, meine Hände schwitzen. Ich hoffe, dass ich da nichts Schlimmes drin finden werde. Nein, ich bin nicht verrückt. Ich leide auch nicht unter einer seltenen Phobie. Ich wurde im Jahr 2009 Opfer eines Identitätsdiebstahls. Monate lang flatterten mir beinahe täglich Mahnungen und Drohschreiben von Inkassounternehmen ins Haus. Bis heute bestimmen falsche Daten mein Leben immer wieder fremd...“ (Ausschnitt aus dem Buch "Die Cyber-Profis")
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Journalistin und Buchautorin Tina Groll (Bild: Kay Blaschke)

Wenn Inkassounternehmen vor deiner Tür stehen

Obwohl der Fall mittlerweile neun Jahre zurück liegt, lässt er Tina Groll nicht los. In ihrem Buch rollt sie ihn nochmals auf, erläutert, wie es ihr erging, als sie feststellte, dass jemand ihre Identität missbrauchte. Außerdem berichtet sie von dem langen aufwändigen Prozess, die falschen Daten löschen zu lassen, um ihren Namen wieder rein zu waschen.

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Schulden sollte sie gemacht und Waren im Wert von mehreren Zehntausenden Euro bezogen haben – von Unternehmen, deren Namen sie noch nie gehört hatte.

Sogar Haftbefehle lagen gegen die Redakteurin vor, über Monate hinweg suchte die Polizei nach ihr, es gab Einträge ins Schuldnerverzeichnis und in ihrer Abwesenheit wurde sie sogar verurteilt. "Alles das passierte, während ich nichts ahnend mein normales Leben als Journalistin in Berlin lebte", sagt Tina Groll.

"Es ist schon unheimlich, wenn sich andere für einen selbst ausgeben", berichtet die Wahl-Berlinerin und erläutert, wie dreist die Täter in ihrem Fall waren: "Die Betrüger legten sogar ein Schreiben bei Inkassounternehmen vor, in dem sie behaupteten, Nachbarn zu sein. Nachbarn bei denen die angebliche Tina Groll zwischenzeitlich untergemietet habe und diese Frau hätte angeblich so wahnsinnig viel bestellt, schrieben sie", erinnert sich Groll.

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In hunderten Fällen haben Tina Grolls Betrüger unter einer gefälschten E-Mail-Adresse, die sie aus ihrem Namen und ihrem Geburtsdatum bastelten, binnen weniger Wochen Waren bei Versandhäusern auf Rechnung bestellt.

Im Netz sei das kein Problem, meint die Expertin, die Geschäftspolitik der Onlineshops mache es Kriminellen leicht: "Sie liefern an irgendwelche Adressen – in dem Vertrauen darauf, dass der Besteller schon bezahlt", meint Groll. "Die Versandhäuser prüfen allenfalls die Bonität bei der Schufa. Ist diese gut, werden die Waren versandt. In meinem Fall wurden Lieferungen im Wert von mehreren Zehntausend Euro verschickt." Die Identität eines Menschen zu klauen, sei mittlerweile sehr einfach, so Groll. „Man braucht nur seinen Namen und sein Geburtsdatum. Daten, die man leicht im Internet findet. Hat man dann noch einen weiteren Anhaltspunkt, beispielsweise den Beruf der Person, kann man sich munter von dessen Bonität bedienen."

Die Konsequenzen eines Identitätsdiebstahls

Bis zum heutigen Tage ist es ungeklärt wie und wo genau die Täter an die Daten von Tina Groll kamen. "Sie müssen diese nicht notwendigerweise aus dem Netz abgefischt haben", sagt sie. Die Ermittlungsbehörden damals seien sogar davon ausgegangenen, dass die Betrüger "einfach so auf" Tina Groll gestoßen waren, professionelle Warenbetrüger die ihre Opfer gar nicht kennen.

"Bei Journalisten werden oft die Geburtsdaten unter Veröffentlichungen angegeben", so Groll – und das sei wohl bei ihr der Fall gewesen kurz vor Beginn des ID-Diebstahls. "Das einzige, was cyber an der Sache war, war, dass die Täter online auf Rechnung unter meinem Namen und unter Verwendung meines Geburtsdatums in hunderten Fällen Waren im Wert oft von vierstelligen Summen bestellten. Mehr Daten braucht man bis heute nicht für Warenkreditbetrug in Verbindung mit ID-Diebstahl."

Die Tat an sich sei gar nicht das Schlimmste gewesen, sondern der Rattenschwanz den sie nach sich zieht: "Die echte Belastung entsteht durch die falschen Daten, die von Schufa und Co – es gibt mittlerweile über 80 solcher Unternehmen in Deutschland – weiterverteilt und mit anderen, realen ID-Datensätzen, zusammengeführt werden. So entsteht ein völlig falscher Datensatz."

Denn die datenverarbeitenden Unternehmen und Auskunfteien leiten diese falschen Daten an ihre Vertragspartner – meist Banken, Versicherungen und Telekommunikationsunternehmen weiter. Und auch diese Unternehmen würden oft ganz oder teilweise die falschen Daten gemeinsam mit den realen bei ihnen gespeicherten an ihre Geschäftspartner weitergeben. Und diese dann wiederum an die ihrigen. "Wer was wohin verteilt ist völlig intransparent", erklärt Groll. "So kommt es, dass ein ID-Diebstahl für ein Leben lang toxische Daten mit sich bringt, die man auch durch das Löschen an einer Stelle nicht los wird."

Durch die DSGVO sei es allerdings einfacher geworden, falsche Daten zu löschen. Das Unwissen bei Firmen sei allerdings noch groß: In vielen Fällen habe ihr Anwalt den Unternehmen sogar mehrmals erklären müssen, wie die Datenlöschung nach dem Datenschutzgesetz zu erfolgen hat.

Nach etwa einem Jahr, ganz viel Energieaufwand und 800 Arbeitsstunden sind die meisten falschen Daten über Tina Groll dann doch bereinigt. Gemeinsam mit ihrem Anwalt konnte sie ihren Namen wieder rein waschen.

Alles das kostet viel Geld.

"Mein Anwalt rechnet auf Stundenbasis ab. Am Ende werde ich feststellen, dass es günstiger gewesen wäre, einfach die Schulden der Betrüger zu bezahlen", heißt es auf Tina Grolls Webseite. "Der Schaden für meine Reputation lässt sich noch nicht einmal beziffern. Ich wollte nie Expertin für Identitätsdiebstahl werden. Aber manchmal findet man nicht die Themen, sondern die Themen finden einen selbst."

Daher setzt sich die Journalistin heute für Betroffene und Opfer ein, klärt auf und informiert über dieses recht komplexe und noch undurchsichtige Thema.

Was muss man also tun, wenn man feststellt, dass seine eigene Identität missbraucht wird? "Nicht ignorieren, sondern sofort reagieren und den Forderungen widersprechen. Die Beweislast liegt beim forderden Unternehmen."

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