Anzeige
Anzeige
Leadership Interview Diversität

Powerfrau mit Handicap

Die meisten Menschen mit Behinderungen haben es schwer, sich in den Alltag und im Berufsleben zu integrieren. Die Powerfrau Lina Maria Kotschedoff erzählt im Interview mit LEAD, wie sie mit Handicap bei wohltätigen Organisationen engagiert, Marathons läuft und ein Buch schreibt. Und das, obwohl sie fast blind ist.

Lina Maria Kotschedoff erzählt im Interview mit LEAD, wie sie als Blinde trotz Handicap erfolgreich im Business ist (Bild: Lina Maria Kotschedoff)
Anzeige
Anzeige

LEAD: Lina Maria, seit du neun bist, bist du sehbehindert und seit Jahrzehnten siehst du nur noch mit fünf Prozent auf beiden Augen. Dein persönlicher und beruflicher Werdegang dürfte also für die meisten Menschen nahezu unvorstellbar sein. Wie bist Du dahin gekommen, wo Du heute bist?

Lina Maria Kotschedoff: Mein erstes duales Studium habe ich wegen der Praxisnähe an der Berufsakademie gemacht, um dann mit dem BWL-Studium mit Schwerpunkt auf Messe- und Eventmanagement bis 2014 an der Leipziger Messe zu arbeiten. Bis 1992 lag meine Sehstärke noch bei etwa 40 Prozent, die dann bis 2006 progressiv auf fünf Prozent gesunken ist, was dann natürlich zu einer echten Herausforderung wurde.

Meinem Charakter folgend wollte ich mir, aber auch der Welt beweisen, dass ich trotzdem alles tun und erreichen kann und dass man nicht unbedingt sehen muss, um eine gute Eventmanagerin oder in einem anderen Beruf erfolgreich zu sein. Ich habe diese Einstellung auch auf persönlicher Ebene immer gelebt und bin zum Beispiel während meiner Weltreise auf Bora Bora mit meinem Freund einem Roller über die Insel gefahren, der mir dann immer gesagt hat, wenn da ein Auto kommt oder sowas.

Anzeige

Das funktionierte sehr gut und wenn ich ein Mal Gefallen an etwas gefunden habe, dann möchte ich das immer wieder und vor allem richtig machen. Ich denke, die Einstellung, also das Mindset ist einfach wichtig, wie man mit der Behinderung umgeht. Als Eventmanagerin ging dass dann irgendwann so weit, dass ich bei einer Veranstaltung eine Liste genommen habe, um sie zu lesen und erst dann ist mir eingefallen, dass ich das ja gar nicht lesen kann und dann bin ich intern ins Strategiemanagement gewechselt. Als dann nach insgesamt neun Jahren der Burnout kam, wusste ich: "Ok, it’s time to change."

LEAD: Was war der Auslöser und was hast du geändert?

Lina Maria: Ich habe Messen neu entwickelt, das Portfolio gemanagt und alles was zum Job gehörte. Dabei habe ich im Rahmen meines Self-Managements festgestellt, dass ich zu oft versucht habe, dem gerecht zu werden, von dem ich dachte, dass es die Vorstellung und Anforderung anderer über mich sei. Und letztlich verrätst du dich damit nur selbst und zahlst es auch irgendwann sehr teuer. Bei mir dann letztendlich in Form einer Ohnmacht und eines massiven Burnouts. Die Diagnose, die ich bekommen hatte, lautete “reaktive Depression aufgrund von Mobbing”, was mich ganz schockiert hatte, weil ich ja nicht gemobbt wurde. Stattdessen habe ich mich irgendwo einfach selbst gemobbt, durch den Druck, den ich mir selbst aufgebaut hatte.

Ich habe danach zu mir gesagt, dass das Grund genug ist, da raus zu gehen und etwas zu verändern und habe 2014 mein ganzes Leben umgekrempelt. Ich habe meinen MBA gemacht, meine langjährige Beziehung beendet und zwar nicht aus dem Grund, um auf Teufel komm raus etwas zu verändern, sondern, da sie nicht mehr mit meinem sich verändernden Leben in Einklang zu bringen war. Ich bin dann auch aus Leipzig zurück nach Düsseldorf gekommen, habe Leute aus der Wirtschaft angeschrieben, die teils bis heute noch meine Mentoren sind.

Dazu kam noch ein Projekt bei einem internationalen Wirtschaftsprüfungsunternehmen, was mir auch gezeigt hat, dass Berater, genauso wie Ärzte keine Götter in Arbeitskleidung sind. Ich wollte da hinter die “Illusion” sehen. Also mit Blick auf die Jobs, die Positionen, die Werdegänge, die nach außen hin vermittelt werden. Und auch wie man sich als behinderter Mensch in solchen Unternehmen verhalten “muss”.

LEAD: Wie war diese Erfahrung da für dich selbst?

Lina Maria: Ich habe sehr viel gelernt, hatte aber noch nicht direkt den Mut, etwas eigenes zu machen und war auch einfach noch nicht so weit. Ich habe mich umgesehen, um einen Job zu finden, bei dem ich meine Innovationskraft und meine Stärken aber dennoch umsetzen kann. Etwas, das mit Menschen, Netzwerken und damit zu tun hat, ihre Potenziale zu entwickeln. Ich habe mich dann für die Stadtwerke in Düsseldorf entschieden und war dann zunächst ein Jahr lang Business Developerin und habe anschließend den Posten der Community Managerin übernommen, um den Coworking-Space und die Community der Stadtwerke zu entwickeln und zu betreuen.

LEAD: Du sagtest bereits in einem anderen Interview, dass Du gelernt hast, Deine Behinderung als Stärke zu nutzen. Was meinst Du damit genau?

Lina Maria: Das waren in den letzten Jahren zwei Dinge, die mir das lebensverändernd deutlich gemacht haben. Zum einen meine erfolgreiche Einschreibung an der WHU - Otto Beisheim School of Management, die sehr hohe Zugangsvoraussetzungen an ihre Studenten stellen. Ich hatte mich bis dahin immer überall als Liability, also eine Art Klotz am Bein gesehen. Und das wurde aber nicht im Ansatz so gesehen, was ich aber erst ein Jahr später zu hundert Prozent realisiert hatte.

Auf dem Campus sagte mir ein Kommilitone, dass ich aufhören solle, mich als Belastung für andere zu sehen, sondern ganz im Gegenteil als Bereicherung. Meine Stärken habe ich letztlich durch meine Hartnäckigkeit entwickelt, nicht aufzugeben und hinter die Fassade von Menschen zu blicken und mit dem Herzen zu sehen. Das war mir nur lange nicht in der Form bewusst.

Die zweite Sache war meine Entscheidung 2018 den Marathon in Düsseldorf zu laufen. Als Halb-Brasilianerin bin ich für einen guten Zweck gelaufen, um ein Hilfsprojekt dort zu unterstützen. Meine Stärken habe ich bei der Vorbereitung gefunden, auch dank der Leute, die mir dabei geholfen haben. Und nicht zuletzt zeigte sich das in meinem Durchhaltevermögen, dass für den Marathon unerlässlich ist. Mein “inneres Auge”, nicht alle Außenreize wahrzunehmen, hat mir beim Lauf sehr dabei geholfen mein Ziel klar zu sehen und nicht aufzugeben. Letztlich ist es die Fähigkeit, sich auf seinen Instinkt zu verlassen, was wir eigentlich alle sehr gut können.

Lead 4 Cta Mock Up 1200X1200 Cover

Das neue LEAD Bookazine Nr. 3 ist da! Diesmal zeigen wir dir, wie du deine Brand richtig boostest! Wir haben 5 Strategien, wie du deine Marke stärkst und erlebbar machst. Brand Trust schaffen, digital denken, Kooperationen ausbauen, Leader für Millennials etablieren und Brand Design neu erfinden – Hol dir jetzt deine LEAD!

LEAD: Glaubst Du, dass uns dieser Instinkt in einer modernen oder hierarchischen Arbeitswelt verloren gegangen ist?

Lina Maria: Ich finde hier das Zitat aus “Der Kleine Prinz” passend, wo der Fuchs sagt: “Man sieht nur mit dem Herzen richtig gut, denn das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.” Wir vergessen das häufig und überlassen es dann anderen, berufliche und persönliche Entscheidungen für unser eigenes Leben zu treffen. Wir bekommen das oft einfach nicht beigebracht, unsere eigenen Stärken zu finden und bewusste, klare Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Man sollte sich Meinungen anhören, Hilfe annehmen und vor allen Dingen den “Mut-Muskel” trainieren, um dann selbstverantwortlich für sich zu entscheiden.

LEAD: Als Community Managerin des Coworking-Space bist du mit einer Menge Unternehmen und Startups in Kontakt. Wie laufen deine weiteren Projekte in diesem Umfeld?

Lina Maria: Bedingt dadurch, dass ich eine Halb-Brasilianerin, sprich eine leidenschaftliche Vollbrasilianerin im Herzen und eine Volldeutsche bei der Logik bin, habe ich da ein Projekt gestartet. Zusammen mit einer Partnerin vor Ort arbeiten wir daran, eine Brücke zwischen der brasilianischen und der rheinländischen Startup-Szene zu bauen. Zum nächsten Februar planen wir die Startups für eine Woche zum Digital Demo Day nach Düsseldorf zu holen. Die Intention dahinter ist, wieder mehr Innovation und Startup-Gründungen in das Land zu bringen, was unter der momentanen brasilianischen Regierung leider kein Thema ist. Es gab zwar allein 2018 fünf Unicorns in Brasilien, aber leider werden solche Erfolge dort sehr schlecht vermarktet.

Ich habe im Mai mal einen Deep Dive in die Startup-Szene in São Paulo gemacht und genau das festgestellt: die Vermarktung als Fußballnation funktioniert da wunderbar, die der wirklich guten IoT-Lösungen für B2B-Unternehmen für die Industrie leider gar nicht. Somit gehen die meisten Startups in die USA. Also haben wir einen ehrenamtlichen Verein gegründet, der diese Szene mit dem industriell geprägten Rheinland verbinden soll. In diesem Rahmen betreue ich auch aktiv drei Startups pro bono. Eins davon hat bereits mehrere Preise für einen Einkaufsplaner für Blindfische wie mich gewonnen, den man mit in den Supermarkt nehmen kann, um seine Produkte zu finden.

LEAD: Der erste Marathon wäre geschafft. Wo geht es in Zukunft für Dich hin?

Lina Maria: Mitte September launche ich die Website LinaRennt.de, die meinen nächstes Marathon begleitet, den ich am 15. März 2020 in Barcelona laufe. Auch da laufe ich wieder für einen guten Zweck und zwar für eine Tanz- und Ballettschule in Brasilien, die sich für behinderte und sozial schwach gestellte Kinder einsetzt, um ihnen neue Perspektiven für ihre Leben zu geben. Es ist die erfolgreichste Institution dieser Art, die mit ihren blinden Ballerinas bereits in 16 Ländern aufgetreten ist. Um auch hier etwas zurückzugeben, habe ich für diese Associação Fernanda Bianchini Workshops zum Thema Unternehmertum gegeben, um den Müttern der Tanzschülerinnen die Grundlagen bei Gründung und Vermarktung zu vermitteln.

Im Rahmen von LinaRennt.de werde ich übrigens auf Social Media-Kanälen Aufrufe starten, wer mir für meinen Lauf am Sonntag seine Augen leiht. Also mit mir im Rahmen meiner Marathonvorbereitung läuft und ein bisschen auf mich aufpasst. Ich möchte damit auch zeigen, dass jeder etwas bewegen kann, ob mit seiner Hilfe, Spenden oder seinem Engagement. Und mag es noch so klein sein, ist es immer wichtig und wertvoll.

LEAD: Vielen Menschen würde alleine das neben ihrem Beruf vermutlich schon den Zeitrahmen sprengen, aber Deine Energie reicht offenbar für noch mehr.

Lina Maria: Ich sehe mich eben als Unicorn. Neben meiner Coachingtätigkeit als Personal und Business Coach arbeite ich gerade an einem Buch, das meine eigene Geschichte erzählt und voraussichtlich im nächsten Jahr erscheint. Das war zwar nicht geplant, aber ich wollte schon immer ein Buch schreiben, denn ich bin der festen Überzeugung, dass ich etwas zu erzählen habe. Und dadurch, dass ich durch Auftritte im Fernsehen, in Podcasts und in relevanten Publikationen wie dieser zunehmend eine Stimme für das Thema Inklusion bekomme, habe ich eine Entscheidung getroffen: Ich möchte ein stärkeres Role Model für Menschen sein, die in irgendeiner Weise handicapped sind. Also habe ich zusammen mit einem Freund in Düsseldorf den Verein Open Your Eyes gegründet, das eine Plattform wird, die die Geschichten von Blinden zeigt, die beruflich sehr erfolgreich geworden sind.

Neben meiner Speaker-Tätigkeit bei Disrupting Minds bin ich zusätzlich noch Botschafterin für Life Ace, einem Projekt in Bielefeld, das eine Medienmarke rund um das Thema Inklusion aufbaut. Ich begleite die Veranstaltungsreihe, die Sport und Musik an Kinder und Jugendliche heranträgt als Speakerin, aber eben auch als Botschafterin mit viel Herzblut. Bei jedem Beitrag, den ich leiste, geht es mir immer um die Themen Selbstverantwortung, Self-Leadership und darum, Barrieren abzubauen. Sowohl im Sinne von Inklusion behinderter Menschen, aber letztlich bei uns allen. Persönlich, beruflich und menschlich. LEAD: Vielen Dank für die Inspiration und das Interview.

Lead 4 Cta Mock Up 1200X1200 Red Pag7

Sie bestimmen die Schlagzeilen, verändern eine ganze Generation und gehen mutig voran: Junge Frauen wie Greta Thunberg, Carola Rackete und Luisa Neubauer sind die neuen Rolemodels. Sie beweisen: Frauen verändern viel und zeigen zeitgemäße Perspektiven auf. Im aktuellen LEAD Bookazine 3/2019 bekommst du einen modernern Blick auf das starke Geschlecht, der sich auch in der Digitalbranche lohnt.

Anzeige
Verlagsangebot
Anzeige
Aktuelle Stellenangebote
Alle Stellenangebote
Anzeige