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Deutschland Spricht Gespraechspaare Web Cr Alexander Probst
Gesprächspaare der Initiative "Deutschland spricht" von Zeit Online ( Foto: Alexander Probst)
Initiativen gegen rechts Online Digitalisierung

Initiative für Streit in Person: Diskutieren außerhalb der Filterblase

Die sozialen Netzwerke haben unsere Art, Auseinandersetzungen zu führen, verändert. In der Anonymität des Internets endet so manche Diskussion im Capslock-Modus. Damit sich Gesprächspartner unterschiedlicher Ansichten persönlich gegenüberstehen, gründete Zeit Online die Initiative „My Country Talks“. Zehntausende stellten sich schon ihren Antagonisten.

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Von wüsten Beschimpfungen im Internet zum Meinungsaustausch im Café: Teilnehmer beantworten kritische politische Fragen vorab per Online-Fragebogen. Auf dieser Basis stellt ein Algorithmus möglichst unterschiedliche Gesprächspartner zusammen. An einem vorher festgelegten Tag treffen sich diese zur persönlichen Diskussion.

Zum ersten Mal fand „Deutschland spricht“ im Juni 2017 statt, zu Beginn tauschten schon 12.000 Menschen ihre unterschiedlichen Standpunkte aus. Damit gelang den Redakteuren allerdings eine Weltpremiere – so ein Projekt gab es noch nie.

In diesem Jahr traf die Initiative auf noch offenere Ohren. Am 23. September beteiligten sich 28.000 Menschen in ganz Deutschland an der Aktion. 10.293 Gesprächspaare fanden sich. Um auf die Aktion aufmerksam zu machen, verbündeten sich elf deutsche Medienhäuser. So wollten die Initiatoren mehr unterschiedliche Meinungen zusammenbringen.

Ein Notizzettel voller Argumente

Wenn man sich die Gesprächsprotokolle und Interviews anschaut, wirkt es tatsächlich so, als ob hier ein konstruktiver Austausch gelungen ist. In Dresden trafen sich etwa ein Taxifahrer und eine Rentnerin. Ob es zu viele muslimische Einwanderer in der Stadt gibt, ob Donald Trump gut für die USA ist, ob die #MeToo-Bewegung sinnvoll ist: Beide bewaffneten sich mit einem Notizzettel voller Argumente, vor allem das Thema Migration beschäftigt sie.

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Nach dem Gespräch wollen sie, wie viele andere auch, nochmal über ihre Standpunkte nachdenken und in Kontakt bleiben. Allerdings melden sich natürlich nur solche Menschen bei dem Experiment an, die offen genug sind, sich einer Diskussion zu stellen. Diese lebten vornehmlich in einer Großstadt, waren zu zwei Dritteln männlich und durchschnittlich 41,6 Jahre alt. Menschen, die extreme Meinungen vertreten, blieben in ihrer Filterblase.

Auch Zeit Online-Chefredakteur Jochen Wegner war selbst dabei und traf einen Maschinen- und Anlagenführer zum Gespräch. Unterschiedlicher Meinungen waren sie zum Thema Atomkraft, Putin und Flüchtlinge. Vor allem aber polarisierten bei dem Gespräch die unterschiedlichen Ansichten zum Feminismus.

Als sie nach drei Stunden das Café verlassen wollen, mischt sich der Wirt ein: "Ich habe euch die ganze Zeit heimlich zugehört, das ist das beste politische Gespräch, das ich seit Langem gehört habe. Darf ich euch einladen?"

Frei verfügbare Software

Die nächste Gesprächsrunde fand am 13. Oktober in Österreich statt. 3.800 andersdenkende Paare tauschten sich aus, 10.000 Menschen hatten sich angemeldet. Es trafen sich Islamkritiker und Muslime und einer wird von seiner Gesprächspartnerin zum Veganismus inspiriert.

Zuletzt sprach die Schweiz am 21. Oktober. 4.000 Menschen hatten sich dort registriert, rund 1.400 Teilnehmer diskutierten schließlich. Auch hier zeigte sich ein klarer Trend: Die Gesprächspartner lernen, Andersdenkende zu verstehen und überwinden Unterschiede.

Mit 39 Partnermedien in 14 Ländern wollen die Redakteure das Projekt auch beispielsweise nach Italien, Norwegen, Tschechien und nach Alaska bringen. Die Software für das Projekt ist frei verfügbar. Sie soll als Open-Source-Projekt die Anmeldungen von Nutzern verwalten und Paare zu politischen Gesprächen zusammenbringen.

Auch das zeigt: Die Digitalisierung und der Siegeszug der sozialen Netzwerke haben die Art, wie Menschen zueinander finden, grundlegend verändert. Sie haben das Phänomen der Filterblasen verstärkt, aber vielleicht können sie auch helfen, wieder einen Weg herauszufinden.

Bleibt zu hoffen, dass das Format also bald „The World talks“ heißt. Hoffentlich ohne Capslock-Modus.

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