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How to Storytelling LEAD 03/18

How to: Scrollytelling

Bei Print-Produkten würde man von der Königsdisziplin sprechen: Reportagen und lange Geschichten sind nix für Einsteiger. Und für ungeduldige Menschen auch nicht. Im Netz wird die Sache noch etwas komplexer. Deshalb heute im "How to": Scrollytelling und die Parabel von einem Esel und zwei Heuhaufen.

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Das Scrollytelling, die Longform, die Multimedia-Reportage – wie auch immer man dieses Format nennen will, es hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Und das auf vergleichsweise kurze Zeit. Als 2012 das epochale "Snowfall" der New York Times erschien, wollten alle "Snowfall" machen. Der Boom ging vergleichsweise schnell wieder vorbei. Der Grund: ebenfalls "Snowfall".

Was auf den ersten und zweiten Blick verrückt klingt, ist trotzdem nachvollziehbar. "Snowfall" war eine grandiose Geschichte. Damit macht man echt Gefangene. "Snowfall" ist aber auch ein Fluch. Eine Messlatte, unter der man meistens nur so mittelelegant durchsegeln kann.

Gehen wir also in diesem Howto fürs erste davonn aus, dass du dir "Snowfall" gerne anschauen kannst, keinesfalls aber sofort zum Maßstab für deine eigenen Geschichten machen solltest. Womit wir dann auch schon beim Kern der Sache wären: Multimedia-Geschichten sind deshalb so reizvoll, weil sie unglaublich viele Optionen bieten. Sie sind aus demselben Grund auch so schwierig. Vielleicht kennst du ja die Geschichte von dem Esel, der vor zwei Heuhaufen steht, sich für keinen der beiden entscheiden kann und schließlich verhungert. Bei Multimedia-Geschichten hat man es mit ziemlich vielen Heuhaufen zu tun. Lektion 1 also: Du musst dich entscheiden!

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Deshalb funktioniert dieses "How to" auch anders als die Folge davor. Als erstes reden wir nämlich darüber:

Was du auf keinen Fall tun solltest

  • Multimedia heißt können – nicht müssen. Dazu noch ein Zitat, diesmal vom gewesenen Bundeskanzler Gerhard Schröder: Das Gute an Optionen ist, dass man sie hat. Das heißt aber nicht, dass du jede dieser Optionen auch anwenden musst. Konkret: Versuch nicht, mit Gewalt Video, Audio, Text, Bilder und all die anderen hübschen Spielereien unterzubringen. Eher im Gegenteil: Mach dir vorher Gedanken, welches Mittel deiner Geschichte am ehesten gerecht wird. Und habe im Hinterkopf, dass man User auch überfordern und damit aus der schönsten Geschichte jagen kann.
  • Longform klingt nach Länge. Muss also lang sein, das Stück. Das ist zwar nicht von der Hand zu weisen, aber trotzdem: Longform heißt nicht, dass der User mit endlos Zeit und Geduld kommt. Bitte also keine wissenschaftlichen Abhandlungen, keine Bläh-Texte, keine 10-Minuten-Videos. Sagen, was ist. Gilt auch bei der Longform. Wie lange muss eine Longform sein? Eine Frage, die man immer wieder hört. Einfache Antwort: Müssen tut sie gar nichts. Wenn’s vorbei ist, ist es vorbei.
  • Keinen Plan haben? Tödlicher Fehler bei der Longform. Mehr als bei allen anderen Geschichten braucht man hier unbedingt ein Storyboard.
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Der richtige Plan

Was willst du, was hast du, was kannst du? Bevor du diese Fragen für dich selbst nicht beantworten kannst, solltest du dich nicht an die Arbeit machen (idealerweise überlegst du dir die Antworten auf diesen Fragen, bevor du mit der Produktion beginnst).

In der Praxis erweist es sich dann als sehr hilfreich, wenn man klar zuordnet, welche Funktion welches Medium übernimmt. Die Excel-Fetischisten unter euch werden jubilieren: Mit einer kleinen Tabelle kann man da sehr viel erreichen. Wem Excel nicht reicht oder wer es einfach nicht mag: Mit dem "Storylinecreator" kann man selbst sehr komplexe Geschichten sehr schön planen.

Konkret also: Welche Teile packe ich in ein Video, was mache ich mit Audios, was ist auf Fotos zu sehen? Welche Funktionen erfüllen diese Elemente, in welcher Beziehung stehen sie zueinander? Nirgendwo steht geschrieben, dass jede dieser Formen auftauchen muss. Eine Multimedia-Geschichte kann auch ohne Videos prima funktionieren.

Vor allem muss man sich tatsächlich die geplanten Orte des Geschehens und die Protagonisten sehr genau anschauen. Klingt ein bisschen nach Casting, ist es letztendlich auch.

Das richtige Team

Mit einem Plan für die Geschichte ist es bei diesem komplexen Thema leider noch nicht getan. Stattdessen brauchst du, richtig gelesen, ein Team. Weil es bisher zumindest noch keinen einzigen Einzelkämpfer gegeben hat, der eine solche Geschichte stemmt (der Autor freut sich über jeden Hinweis auf Geschichten, bei denen es anders gelaufen ist).

Leider gibt es keinen für alle Fälle passenden Plan für ein Team. Das variiert von Fall zu Fall, so wie ja auch die Geschichten immer unterschiedlich sind. Idealerweise also die oben beschriebene Excel-Tabelle nehmen und die einzelnen Elemente den einzelnen Team-Mitgliedern zuordnen. Ok, wenn ihr nur zu zweit seid, erübrigt sich das. Ansonsten aber: Je klarer die Zuordnung und je mehr Leuten gemäß ihren Fähigkeiten eingeplant werden, desto besser.

Auf jeden Fall dabei sein sollte aber jemand, der sich mit Technik und Programmierung auskennt. Zwar kann man mit ein paar Tools solche Storys auch ohne Programmierkenntnisse erstellen (dazu später mehr), trotzdem: Ganz ohne jemandem mit technischem Sachverstand stößt man dann doch an Grenzen. Was schade wäre, wenn man schon einen solchen Aufwand betreibt.

Und ja, das Auge liest mit: Hol dir jemanden ins Boot, der fürs Visuelle zuständig ist!

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Minimal-Onliner oder Technik-Enthusiast?

Tinder ersetzt die Bar, Alexa die Sekretärin. Die digitale Welt ist mit der realen Welt längst eins geworden. Nur will die Realität nicht jeder wahrhaben. Wie souverän bewegst du dich im vernetzten Leben?

Die richtige Struktur

Wenn das alles erledigt ist, wird es erst richtig komplex. Weil Multimedia-Storys nicht wie gewohnt linear, also in einer chronologischen Reihenfolge erzählt werden müssen. Im Gegenteil. Scrollyteling heißt, dem User Angebote zu machen. Die kann er nutzen, muss er aber nicht.

Das wiederum bedeutet: Man weiß nie, was und wo der User gerade macht. Man muss also irgendwie das Kunststück hinbekommen, dass der User die Geschichte aus den unterschiedlichsten Varianten heraus anschauen und sie dennoch verstehen kann. Klingt paradox, oder? Man entscheidet sich aus vermutlich sehr guten Gründen für ein Video, muss aber dann dennoch davon ausgehen, dass sich der User das Video gar nicht anschaut.

Was sich bewährt hat: die Einteilung der Geschichte in Kapitel. Das hat den Vorteil, dass es so etwas wie einen roten Faden gibt, an dem man sich entlanghangeln kann. Ich habe jedenfalls bisher noch keine gelungene Geschichte gesehen, die sich den Verzicht auf Kapitel (oder Ressorts) leisten kann.

Die richtigen Tools

Wenn man nicht gerade alles in Eigenproduktion macht, braucht man erstmal Software, mit der aus der Ansammlung von Texten, Bildern, Videos und Audios eine ansehnliche Geschichte wird.

Aus meinem eigenen Nähkästchen geplaudert: Ich habe bisher noch nicht die eine Software für alle Gelegenheiten gefunden. Beispielsweise ist "Pageflow" eine großartige Software – wenn man denn hauptsächlich mit Videos, Fotos und Audios arbeiten will (genaue Beschreibung: hier)

Deswegen habe ich mit "Atavist" immer noch eine zweite Variante in petto, wenn es denn mal eher textlastig sein soll. Das war bisher auch immer problemlos, allerdings ist Atavist inzwischen zur großen Wordpress-Familie gewechselt. Was daraus wird, wissen sie dort anscheinend selbst noch nicht. Allerdings könnte eine Kombination aus Wordpress und Atavist schon spannend sein. Bisherige User können Atavist weiterverwenden, neue hingegen haben gerade keine Möglichkeit, sich auch nur anzumelden.

Schwer im Kommen ist die Software "Shorthand", ebenso liest man Gutes über "Storyform" und "Storybuilder".

Unbedingt empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang die Seite von Matthias Eberl, der dort immer wieder neue Werkzeuge und Entwicklungen zum Thema vorstellt. Meine Empfehlung: Probeaccounts anlegen und einfach mal ausprobieren. Weil ich die eine, unbedingte und ausschließliche Empfehlung nicht geben mag.

Sicher aber ist: Wenn man sich erstmal mit den Möglichkeiten des Storytellings ernsthaft auseinandersetzt, wird man schnell feststellen, dass es noch nie so viele großartige Möglichkeiten gab, Geschichten zu erzählen.

Und alleine diese Perspektive sollte alle Mühen wert sein.

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