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Foto: picture alliance/Oliver Berg/dpa
Ethik Kommunikation Kolumne

Handlungsfähigkeit gibt Hoffnung

Zehn Stunden kämpfte sich unser Kolumnist Johannes Ceh durch Sturm Friederike und überfüllte Lokalbahnhöfe. Dennoch ist er dankbar und berichtet was wir aus solchen Extremsituationen lernen können.

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Erinnert ihr euch noch an den Moment, in dem ihr von 9/11 erfuhrt? Ob ihr in diesem Moment traurig oder wütend wart? Mit wem ihr in diesem Moment in einem Raum wart? Was seine/ihre Reaktion mit euch gemacht hat? Menschen speichern gerade in Extremsituationen innere Bilder ab. Analog erlebte es am vergangenen Donnerstag wohl jeder von uns in der Begegnung mit Sturm Friederike: Bilder von gestrandeten Passagieren, die in Zügen übernachteten... Taxi-Displays, die als Schienenersatzverkehr Beträge von 1.600 Euro aufzeigten.... Kindern, welche in Zügen zur Welt kamen. Bilder, die in Erinnerung bleiben.

Auch ich hatte ein besonderes Date während des Sturms und dadurch entstandene Bilder. Für meine Bahnfahrt von Frankfurt nach Konstanz waren laut Plan 3,5 Stunden eingeplant. Gedauert hat Sie hat zehn Stunden. Auf dem Weg musste ich an acht Lokalbahnhöfen einzeln ein-, aus- und um- und wiedereinstiegen, und dies größtenteils ohne zu wissen, ob/wie/wann es weitergeht.

Was in diesen Momenten um mich herum stattfand war Disruption auf mehreren Ebenen. Mehrere Infrastrukturen brachen parallel und nacheinander zusammen:

  1. Bahnnetz - Immer wieder durch Bäume blockiert. Wenn mal ein Zug bestiegen werden konnte, kam schnell die Meldung „Sie müssen an der kommenden Station aus Sicherheitsgründen aussteigen“
  2. Informationen zu Weiterfahrten: Aufgrund der flächendeckend unstabilen Lage waren weder Informationen durch Bahn-App, Google Maps, Bahnhof-Displays, Fahrpläne zuverlässig. Auch das Personal war überfordert.
  3. Lokalbahnhöfe: Oftmals in diesen Regionen des Schwarzwaldes mit einem, maximal zwei Bahnmitarbeitern ausgestattet, die fast minütlich mit Hundertschaften an irritierten Reisenden konfrontiert waren.
  4. Mobiles Internet: In diesen Regionen verständlicherweise auch ohne Sturm Friederike ohnehin schwächer als in Städten.
  5. Mobilfunk Empfang: Analog zu 4.
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Egal, wonach ich und die anderen Passagiere griffen; keine der Infrastrukturen, welche wir in unserem Alltag gewohnt waren, war wirklich funktionsfähig. Stattdessen waren wir konfrontiert mit der fortlaufenden Frage ob/wie/wo es weitergeht. Der Begriff „Fehlendes Netz“ konnte in diesem Zusammenhang, neben der technischen Komponente, auch mit fehlendem Halt und Orientierung interpretiert werden.

Einem ersten Impuls nach hätte ich vor Hilflosigkeit schreien können. Und mit mir ein Chor gestrandeter Passagiere. Doch was hätte das gebracht? Wie geholfen? Was sich stattdessen herauskristallisierte muss von Außen betrachtet wie eine Mischung aus MacGyver und Dschungelprüfung gewirkt haben: Blitzschnell fanden sich in diesem Chaos die Blicke einzelner gestrandeter Passagiere, welche trotz verloren gegangener Infrastrukturen den Willen nicht aufgaben, ihren Zielort zu erreichen, und im gefühlten Pfadfinder-Dialog miteinander Erfahrungswerte übereinander legten wie „Hornberg müsste nordwestlich liegen, und wenn wir von dort aus weiterkommen, könnten wir eine Chance haben zumindest bis Rottweil durchzukommen“. Abenteuerland.

Noch viel mehr für eine Handvoll älterer Damen um uns herum, welche eigentlich nur zu den Enkeln an den Bodensee wollten und sich ängstlich an uns festklammerten. Es fand sich also um mich herum eine achtköpfige Dschungeleskorte, welche mit aktiviertem Steinzeit-Überlebensmodus sich schrittweise bis nach Konstanz durchkämpfte. In Konstanz nach 10 Stunden angekommen, verabschiedeten sich die erleichterten älteren Damen und ich konnte beobachten, wie mein Puls und mein Hirn vor Aufregung noch bis zum nächsten Tag brauchten, bis sie halbwegs beruhigt waren. Wow! Was für eine Erfahrung.

Spannend finde ich nach solchen Extrem-Situationen zu reflektieren, was gerade wirklich passiert war. Was es daraus gegebenenfalls zu lernen gibt. Was bleibt.

  1. Halt: Infrastrukturen geben Menschen Halt und Struktur. Sowohl physische Infrastrukturen als auch Daten. Brechen diese weg, ist unsere Wahrnehmung umso extremer. Erst recht, wenn dieses Wegbrechen nacheinander/parallel passiert. Menschen suchen in diesen Situationen nach Halt - äußerlich wie innerlich. Auf meiner Dschungelsafari durch den Schwarzwald war ich mir vermutlich nicht bewusst, wie viele Risiken auch in einer Weiterfahrt stecken können. Um so mehr Respekt an die Verantwortlichen der Bahn, den Schritt zu gehen und den Bahnverkehr stillzulegen. Ich finde es beruhigend zu wissen, dass bei aller Betriebsamkeit unserer Zeit, Grenzen der Sicherheit gewahrt werden.
  2. Demut: Nichts ist entwaffnender bezüglich unserer Bedeutung als Mensch als eine Naturkatastrophe. Wir werden zurückgeworfen auf den Boden der Tatsachen. Bezeichnend, wie schnell inflationär der Begriff Disruption im Zuge der Digitalisierung eingesetzt wird. Unserer eigenen Bedeutung werden wir Menschen uns jedoch weiterhin am deutlichsten in solchen Begegnungen mit Mutter Natur bewusst gemacht. So manch andere Disruption unserer Zeit in Relation gesetzt.
  3. Achtsamkeit: „Mobile phones become extensions of ourselves“ - diese Annahme birgt auch gewisse Risiken. So sehr uns Apps wie Google Plus, das Leben erleichtern können, so sehr erzeugen sie auch das Risiko, dass unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird, wenn sie auf einmal nicht mehr funktionieren. Immer wieder finden sich seit Jahren Plädoyers im Netz für das Lesen von Karten, um angeblich damit verbundene Verdummung zu verhindern. Ich war Donnerstag jedenfalls sehr froh, mir bei aller Begeisterung für digitale Techniken über die Jahre ein gewisses inneres Raumgefühl und einen Kompass bewahrt zu haben.
  4. Handlungsfähigkeit: Trotz aller Ohnmacht bestehen fast immer Handlungsoptionen. Bei aller Panik im Außen können ein klarer Kopf, ruhiger Atem, der Austausch mit Gleichgesinnten sowie das Herz in Hand gute Wegbegleiter sein. Es ist beruhigend, erleben zu dürfen, Halt in uns selbst finden zu können.
  5. Handlungsfähigkeit - auch nach dem Ereignis: Unseren Austausch darüber. Die Verarbeitung. Sehr hilfreich waren für mich in diesem Prozess meine Gespräche mit dem Publizisten Gunnar Sohn und Bahn-Marketingleiterin Antje Neubauer. Beeindruckt hat mich hierbei, dass sich Antje Neubauer trotz nahezu 24 Stunden Volleinsatz in der Bahnzentrale im Zuge von Sturm Friederike, Freitagabend noch Zeit für einen Austausch mit mir nahm. Chapeau.

Egal, wo und wie, ihr Donnerstag, den 18.01.2018, erlebt habt, ich wünsche jedem Einzelnen von uns, dass ihr und eure Lieben eure Begegnung mit Sturm Friederike gesund überstanden habt. Und auch, dass wir uns im gemeinsamen Dialog als Gesellschaft Zeit nehmen, über solche Ereignisse zu sprechen. Und damit nicht nur die Verarbeitung solcher Extremsituationen aktiv zu gestalten, sondern auch unsere Zukunft. Handlungsfähigkeit gibt Hoffnung.

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