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leadfaces KI Kolumne

„German Angst“: Warum unsere Furcht vor Neuem nix Neues ist

Mit Furcht vor dem Fortschritt kommen wir als Gesellschaft nicht weiter - dennoch dient sie wunderbar anderen Interessen.

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German Angst: englisch, etwa: „typisch deutsche Zögerlichkeit“ Wikipedia
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Mein geschätzter Lead-Kolumnen-Kollege Johannes Ceh hat hier letztens ein sehr schönes Interview veröffentlicht. Darin spricht er mit Jay Tuck, dem Autor des Buches „Evolution ohne uns: Wird künstliche Intelligenz uns töten?“ Der Titel ist natürlich feinstes Clickbaiting – oder wie man das in der Buchbranche sonst so nennen mag. Allerdings hat er damit wohl erreicht, was er wollte: Aufmerksamkeit.

Ich bin kein Psychologe, Wissenschaftler oder Forscher. Ich unterhalte mich aber gerne mit Menschen auch außerhalb meiner Filterblase – etwa über die digitale Transformation und andere Veränderungen in unserer Gesellschaft. Was mir speziell zum Thema Digitalisierung auffällt ist, dass es zwei verschiedene Barrieren im Umgang mit Veränderungen gibt. Etwa die Angst vor dem Unbekannten, um die es jetzt geht.

Angst ist eine Emotion, die uns weitaus stärker zum Handeln motiviert als zum Beispiel Wünsche und Verlangen. Daher spielt die Werbung auch gerne mit Ängsten. Produkte werden damit beworben, dass sie den Kunden vor schlimmen Szenarien bewahren oder dabei helfen, die Angst zu überstehen oder zu beenden. Denken wir an Versicherungen, aber auch an Winterreifen, Zahnfleischbluten, Hunger – oder Flecken auf dem Lieblingshemd.

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„Neue Technologien werden mich krank machen, meinen Arbeitsplatz kosten oder direkt die ganze Menschheit vernichten.“

Auch die Medien tragen gerne zum Angstszenario bei. Nicht umsonst lauten die meisten Headlines in Zeitungen oder in Blogs genau so, wie sie sind. Mit Angst lässt sich einfach Stimmung machen. Und gerade, wenn das Thema noch sehr neu, unbekannt oder schwer zu greifen ist, nehmen die Schauergeschichten kein Ende. Was die Zukunft so bringt, vermag niemand vorauszusehen. Aber ein Blick in die Vergangenheit hilft mir, die Ängste besser zu verstehen:

Sehr passend finde ich das Beispiel von der ersten Eisenbahnfahrt in Deutschland am 7. Dezember 1835. Viele waren entsetzt von dieser neuen Maschine, befürchteten schlimmste Krankheiten und das Ende der Welt. "Die Eisenbahn ist ein Teufelsding, sie kommt aus der Hölle, und jeder der mit ihr fährt, kommt geradezu in die Hölle hinein!"

Dieses, und weitere Zitate über die Gefahren der Eisenbahn findest du unter folgendem Link: „Jubel aber auch Angst und Schrecken verbreiteten sich bei den ersten Eisenbahnfahrten“. (Vorsicht, die Seite wurde vor über zehn Jahren das letzte Mal aktualisiert und verdient eigentlich selbst einen Platz im Museum.)

Ähnliche Schauergeschichten kenne ich selber noch über Computerspiele, die uns alle zu Amokläufern machen werden. Oder die zunehmende Verbreitung sozialer Netzwerke, wodurch wir alle zu analogen Autisten ohne echte soziale Kontakte werden sollen.

„Angst“ begegnet mir als Thema oft auch auf meinen Vorträgen. Beim Thema Chatbots kommt es fast immer zu der Frage nach „Jobfressern“ oder alles vernichtender künstlicher Intelligenz.

Die Angst, dass Roboter uns Arbeitsplätze stehlen, ist kein deutsches – und erst recht kein neues Phänomen. Schon 1928 schrieb die New York Times auf der Titelseite “March of the Machine Makes Idle Hands”.

Das folgende Bild stammt aus den 1980er-Jahren – auch damals ging es schon darum, dass Roboter und Maschinen uns Menschen schrittweise die Jobs wegnehmen.

Das folgende Bild stammt aus den 1980er-Jahren – auch damals ging es schon darum, dass Roboter und Maschinen uns Menschen schrittweise die Jobs wegnehmen.

Arobotisafter Your Job
(Quelle: New York Times Archiv)

Wer sich für noch mehr historische Beispiele über den Kampf um die Arbeitsplatzverteilung zwischen Robotern und Menschen interessiert, dem empfehle ich den Artikel „Robots have been about to take all the jobs for more than 200 years“ von Louis Anslow.

Mein aktueller Lieblingsartikel zum Klischee-Thema „böse und gefährliche Killermaschinen“ ist dieser hier: Facebook muss zwei Bots „töten“, weil sie offenbar eine eigene Sprache entwickelt haben. Die Headline in Kombination mit dem T-800 aus dem Hollywood-Endzeit-Blockbuster „Terminator“, in dem die Maschinen sich selbständig machen und beschließen die Menschheit zu vernichten, hat alles, was ein ordentlicher Clickbaiting-Artikel über Angst benötigt.

Facebook Totet 2 Bots

Um mich nicht falsch zu verstehen: Natürlich ist es richtig und wichtig, dass wir diese Diskussion führen und Leitplanken für neue Technologien definieren. Hier sind alle Experten aus Technologie, Wirtschaft und Politik gemeinsam in der Verantwortung. Wir müssen erklären, was der Wandel bedeutet und wie sich jeder Einzelne damit auseinandersetzen kann.

„Die meisten Mythen ranken sich darum, dass der Mensch ersetzt wird. Das ist derzeit nicht darstellbar“, sagte Uwe Weiss, CEO von Blue Yonder am Rande der DLD Campus in Karlsruhe.

Aber: Wir dürfen uns davon nicht zum Stillstand bringen lassen. Denn, wie schon Sokrates – wahrscheinlich nicht bekannt als Zukunftsoptimist – wusste: „Stagnation ist der Anfang vom Ende!“ Mit Fortschrittsverweigerung lässt sich nichts ersparen – mit dem richtigen Einsatz der neuen Möglichkeiten dagegen viel gewinnen.

Alles wird gut.

Zum Autor: Matthias Mehner ist Vice President Strategy & Innovation bei WhatsBroadcast. Für LEAD schreibt er sonst über aktuelle Entwicklungen, Tipps und Tricks rund um das Thema Messenger.

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