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Johannes Ceh/Strength And Balance
Foto: Johannes Ceh/Strength And Balance
Ethik Facebook Kolumne

Geküsst. Bewertet. Bloßgestellt.

Warum uns die Digitalisierung zu gesellschaftlichem Diskurs und neuer Erinnerungskultur auffordert.

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Als Teil der gesellschaftlichen Erinnerungskultur werden zu historischen Ereignissen wie Mauerbau, DDR-Volksaufstand oder Wiedervereinigung Gedenktage, Gedenktafeln und Vergleichbares eingerichtet. Im Zuge der Häufigkeit und Dichte an Ereignissen wie Terroranschlägen oder Amokläufen der letzten Jahre wird eine solche Erinnerungskultur schnell an ihre Grenzen gebracht. Menschen fällt es zunehmend schwer, sich an all diese Ereignisse differenziert zu erinnern, geschweige denn diese zu verarbeiten.

Erinnerst du dich an Peeple? Es würde mich überraschen, denn als ich mich zur Vorbereitung dieses Textes in meinem Bekanntenkreis umhörte, war der Name, als auch das damit verbundene Ereignis niemandem geläufig. Ich finde es jedoch wichtig, dass wir uns an Peeple erinnern. Uns damit auseinandersetzen. Daraus lernen. Die US-Amerikanerin Julia Cordray kaum auf die Idee: Wenn Menschen im Internet ihren Arbeitgeber, Ärzte und Restaurants bewerten, warum sollten sie nicht auch dort ihren Ex-Partner, Flirt oder Liebhaber bewerten? So dass auch im Sexualbereich das Web möglichst viel Transparenz und einen nutzerfreundlichen Überblick verschaffen kann?

Während manche Leser dieser Kolumne den Gedanken an solch eine App vielleicht völlig bizarr finden, mag es anderen Lesern nun vielleicht dämmern. Da war doch was?

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Ja, da war was. Was in diesem Video von Juli 2014 noch wie übertriebene Comedy gewirkt haben muss, nahm zum Jahresende Realität an. Mit Peeple kündigte sich das Yelp, Kununu oder jameda im Sexualbereich an. Frei nach dem Motto: „Dein Date war nicht gut im Bett? Dann bewerte seine/ihre Performance doch einfach öffentlich.“ Und als ob das nicht schon schräg genug wäre - „ohne dessen Zustimmung“.

Während ich mich die ersten Berufsjahre vergleichsweise harmlos bezüglich Ethik erinnerte, wie Mitarbeiter von Agenturen sagten, sie könnten es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, für Tabak- oder Alkohol-Kunden zu arbeiten, ging es vom Härtegrad hier um etwas ganz anderes: Ich konnte es mir schlicht nicht vorstellen, dass es sich ein Unternehmen zum Geschäftsmodell machen würde, Menschen die Möglichkeit zu geben, einen anderen Menschen bezüglich ihrer Sexualität zu beurteilen, zu verurteilen und öffentlich bloßzustellen. Wir sprechen hier nicht davon, dass ein Mitarbeiter sich weigert, die Botschaft „Zigaretten machen dich cool“ zu verbreiten. Hier wird ein Mensch und sein Intimstes zur Zigarette, zum öffentlichen Brennpunkt. Und damit wird Geld verdient. 

Mit einer Studentengruppe machte ich hierzu eine interessante Erfahrung. Als ich in einem Seminar das Angebot einer App benannte, mit welcher Sexpartner nach Bewertung ausgesucht werden können, kamen als Erstreaktion platte Sprüche wie: „Klasse. Wo find' ich die App?“ Absurderweise drehte sich die Stimmung erst nachdenklich, als wir das Spiel umdrehten und uns in der Gruppe empathisch vorstellten, dass einzelne Studenten bewertet werden sollten. Es braucht wohl manchmal erst die persönliche Betroffenheit, um zu merken, wie sehr wir Menschen im Rahmen sich rasant weiterentwickelnder digitaler Infrastrukturen die Kontrolle über diese zu verlieren scheinen. Mit den Risiken und Nebenwirkungen konfrontiert sind. Ein solch erschrecktes Erwachen zeigt sich beispielsweise immer wieder, wenn Facebook mal wieder seine AGB updated und eine Vielzahl an Nutzern verzweifelt ohnmächtig einen Schein-Rechtstext öffentlich postet: „Ich widerspreche“.

Im Falle Peeple zeigte sich Digital Analyst Brian Solis überhaupt nicht ohnmächtig, sondern forderte die Eigentümerinnen, die mit ihrem Portal wohl eine Art Rache an Expartnern und der Gesellschaft ausleben wollten, immer wieder öffentlich heraus.

Solis lies nicht nach, bis Peeple tatsächlich irgendwann eingestellt wurde, und musste es sogar dabei über sich ergehen lassen, bedroht zu werden. Eine wahre Heldentat.

Mich hat das Schreiben dieser Kolumne nachdenklich und wütend gemacht. Zwar trifft es sicher nicht auf jeden Einzelnen  zu, dass er in seinem Arbeitsalltag eine App wie Peeple konzipieren oder verantworten wird. Jedoch finde ich erschreckend, wie schnell ein solches Ereignis in Vergessenheit gerät, aus Unwissenheit Spaß mit Fremdschämfaktor damit gemacht wird.

Und ich glaube, dass es unser Gesellschaft guttut, solche Beispiele immer wieder vor Augen und einen Diskurs hierzu zu führen. Weil es kein Branchenthema ist, sondern unser gesellschaftliches Miteinander durch solche Ereignisse auf den Kopf und infrage gestellt wird. Ohne wirklich zu  wissen, wer eigentlich zuständig ist, bzw. wie wir uns schützen können. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft zu diesen Phänomenen eine Erinnerungskultur etabliert.

Ich wünsche mir, dass in der Marketing- und Digitalbranche weniger darüber philosophiert wird, ob Kreation oder Content wirkungsvoller ist. Ob Programmatic die klassische Mediaplanung schlägt und was die neueste Definition von agil ist. Ich wünsche mir, dass wir stattdessen den interdisziplinären und gesellschaftlichen Diskurs zu Ethik im Rahmen der Digitalisierung intensivieren. Ich wünsche mir, dass wir uns eingestehen, welche wichtige Funktion Fachjournalisten bei einem solchen gesellschaftlichen Diskurs haben können. Ich wünsche mir, dass Verbände nicht nur die zehn besten Instagram-Hacks ihren Mitgliedern vermitteln, dass Politiker nicht 20 Jahre abstrakt über Breitband reden, sondern solche Institutionen verstärkt im Dialog mit Pädagogen Infomaterial zu Ethik erarbeiten, um Führungskräfte, Entwickler und Schulen für deren eigenen Diskurs zu stärken.

Die größte Angst, die wir vor den Entwicklungen der Digitalisierung haben, ist wohl, dass etwas so schlimm wie der Mensch sein könnte und dann nicht mal mehr menschlich sein müsste.

Johannes Ceh ist gelernter Journalist und arbeitete als Digital- wie Content-Stratege für Unternehmen wie Sport1, SKY, Springer & Jacoby, BMW, Daimler, JungvonMatt und Ogilvy. Heute unterstützt er als strategischer Berater Unternehmen an der Schnittstelle von Customer Experience, Digitalkultur und Organisationsentwicklung. Außerdem arbeitet Johannes Ceh derzeit an einem Buch zu Customer Experience und dem damit verbundenen Wandel in Organisationen.

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