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(Bild: stock.adobe.com/Jonathan Stutz)
Yvonne Göpfert Blockchain UN

Flüchtlingshilfe via Blockchain

Geld per Blockchain an Flüchtlinge auszahlen? Das geht. Die Vereinten Nationen gestalten mit der Technologie ihre Hilfe. Und sparen dabei richtig Geld.

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Was wäre, wenn die UNO in einem einzigen Flüchtlingscamp 4 Millionen Euro im Jahr sparen könnte? Oder vielleicht sogar noch mehr? 10 Euro kosten Windeln für zwei Monate für ein syrisches Flüchtlingskind. 80 Euro reichen für 20 Decken. 150 Euro kosten drei Nothilfspakete mit Hilfsgütern wie Wasserkanistern, Schlafmatten, Kochsets und Seife. Für 4 Millionen Euro könnten die Vereinten Nationen also viel mehr Flüchtlinge deutlich besser versorgen.

Und so machen sich Menschen wie Houman Haddad, zuständig für Finanzen beim World Food Programme (WFP), auf die Suche nach Ideen, wie die Hilfe effizienter organisiert werden kann. Das World Food Programm verteilt für die Vereinten Nationen Hilfsgüter in Krisengebieten. Einrichtungen wie das Innovation Accelerator Programm des WFP helfen dabei, neue Ideen zu finden, um diese Hilfe zu verbessern. Eine dieser Ideen lautet Geldtransfer via Blockchain.

Der tägliche Bedarf - bezahlt aus der Blockchain

Per Blockchain will das WFP sicherstellen, dass die Zahlungen, die Flüchtlinge bekommen, um ihren täglichen Bedarf zu decken, auch wirklich bei den Flüchtlingen ankommen und dort auch nicht missbraucht werden. Früher hat das WFP Reis und Naturalien verteilt. Heute ist es Geld. Und so hatte Houman Haddad die Idee, dass die Blockchain-Technologie helfen könnte, Güter effizienter zu verteilen. 2016 wurde ein Pitch ausgeschrieben, den das Unternehmen Datarella mit Sitz in München und Danzig, gewann.

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Anfang April 2017 stand schließlich fest: Der Prototyp sollte in einem Flüchtlingslager in Jordanien, nahe der syrischen Grenze, installiert werden. Nun galt es die nächste Hürde zu überwinden: Die Flüchtlinge werden in diesem Lager mit Hilfe biometrischer Daten identifiziert. Genauer gesagt, per Iris-Scan. Nur wenn sie als Flüchtlinge identifiziert werden, dürfen sie in den Camp-Supermärkten auch einkaufen. Doch das Identifizierungssystem ist aus Sicherheitsgründen nicht ans Internet angeschlossen und besitzt keine Schnittstellen. Datarella musste sein Blockchain-Abrechnungssystem also an das Biometrie-System andocken, um schließlich für jeden Flüchtling ein Konto samt Kontobewegungen verfügbar zu machen. Die Blockchain-Konten sind also der Identifizierung nachgelagert - in einem eigenen Blockchain-System.

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Ein Flüchtling identifiziert sich am Eingang des Camp-Supermarktes per Iris-Scan. (Bild: Datarella)

Datarella und das WFP setzen auf eine private Blockchain. Damit fließt das virtuelle Geld, das jedem Flüchtling, beziehungsweise jeder Familie zusteht und mit dem jeder Flüchtling im Supermarkt des Camps einkaufen kann. Die Geldflüsse werden mittels Hash-Werten verschlüsselt. Nachdem der Flüchtling identifiziert wurde, gibt er an der Supermarktkasse seine Blockchain-Kontonummer an den Kassierer. Dieser tippt die Nummer in die Kasse ein und sieht, ob das Konto gedeckt ist. Wenn dem so ist, wird der Kauf abgebucht. Früher bekamen Flüchtlinge das Geld auf eine Smart Card gebucht. Doch die Smartcards verschwanden regelmäßig. Betrug am System ist jetzt nicht mehr möglich.

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Flüchtlinge authentifizieren ihren Einkauf per Smartphone und Autorisierungscode. Geprüft werden die Zahlungsdaten in der Blockchain. (Bild: Datarella)

Hier sparen die Vereinten Nationen richtig Geld

Die Blockchain-Lösung bietet mehrere Vorteile. Einer der größten Vorteile: Die Daten liegen in Echtzeit vor. "Ein großes Risiko für die UNO ist nämlich, dass ein Flüchtling aufgrund veralteter Daten vielleicht nicht versorgt werden kann", erzählt Michael Reuter. Da das Blockchain-System jedoch an allen Kassen jederzeit zur Verfügung steht, muss kein Flüchtling abgewiesen werden, weil ein veralteter Kontostand die Zahlung blockiert.

Auch Transaktionskosten sinken: Flüchtlinge kaufen häufig nur ein oder zwei Produkte pro Einkauf. Es finden also sehr viele Mikrotransaktionen statt, für die jedes Mal eine Gebühr anfällt. Doch der Preis für eine Transaktion in den Krisengebieten auf dieser Erde ist höher als die Transaktionskosten für sichere Länder. Jeder Einkauf ist somit allein schon durch die Transaktionskosten sehr teuer. Mit der Blockchain fallen diese Transaktionsgebühren fast komplett weg. Houman Haddad hat auf dem Entwicklungshilfe-Kongress Aidex gezeigt, das 98 Prozent der Transaktionskosten entfallen. Das macht allein in diesem einen Flüchtlingscamp in Jordanien 4 Millionen US-Dollar (aktuell rund 3,2 Millionen Euro) im Jahr.

Nun kann eindeutig nachvollzogen werden, welchen Weg finanzielle Hilfsgüter genommen haben, verrät Michael Reuter, einer der Gründer von Datarella. Denn aus Erfahrung weiß man, dass das Geld, das an lokale Stellen geschickt und von dort an die die Empfänger verteilt wird, hin und wieder mal verschwindet. Dank Blockchain-Technologie wird jetzt erst einmal mit virtuellem Geld operiert. Das echte Geld zahlen die Vereinten Nationen erst für die tatsächlich verteilte Ware aus. Im Nachhinein. Nicht mehr im Vorhinein. So kommt der Geldfluss auch garantiert dort an, wo er ankommen soll.

"Und einer der größten Sparposten sind die internen Audits, die sich einsparen lassen", ist sich Michael Reuter sicher. Die Geberländer verlangen nämlich ein umfassendes Audit, also Infos darüber, wohin ihre Hilfsgelder geflossen sind. Diese Audits sind in der Regel deutlich kostenintensiver als bei klassischen Unternehmen. Und so prüfen im Nachhinein zahlreiche Buchhalter die Geldflüsse. Mit der Blockchain ist dagegen jederzeit transparent nachvollziehbar, wann, wo und wofür Geld ausgegeben wurde. Es muss also nur einmal das Blockchain-System an sich zertifiziert werden. Wenn die Daten alle korrekt sind - und das wird gerade geprüft - dann sparen die Vereinten Nationen in Zukunft sehr viel Geld für die Wirtschaftsprüfung.

Und auch die Flüchtlinge sehen klarer

Und schließlich lässt sich auch noch die Bedarfsberechnung optimieren. Denn es werden nicht nur die Ausgaben der Flüchtlinge erfasst, sondern auch alle Produkte, die diese kaufen. So lässt sich eine bessere Verbrauchsplanung erstellen.

Für die Flüchtlinge bedeutet Bezahlen per Blockchain mehr Transparenz. Denn sie können jetzt jederzeit einen Blick auf Ihren Kontostand werfen und wissen, wie viel Geld ihnen noch zur Verfügung steht. In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen das Geld nicht für Lebensmittel verwendet wurde. Via Blockchain wird nun ganz genau getrackt, wer was wann gekauft hat. Für Familienmitglieder ist jetzt also schwerer, das Geld für den Eigenbedarf umzuleiten.

Datarella hatte nur drei Wochen Zeit, ihr Blockchain-Modell in das System zu integrieren. Zum 1. Mai 1017 sollte das System live gehen. "Wir wollten es mit 50 Probanden testen. Aber die Mail mit der Einladung ging dann statt an 50 an 5.000 Flüchtlinge" erinnert sich Michael Reuter. Der Run auf das System war eine Belastungsprobe. Aber das System hat bestanden. Bis heute. Das Blockchain-Projekt ist in Jordanien mit 10.000 Teilnehmern gestartet. Jetzt wird es auf 500.000 Teilnehmer erweitert. In den nächsten zwei Jahren soll das Projekt ausgeweitet werden auf weitere Regionen. Wo ist im Moment noch nicht entschieden. Aber dass es weitere große Einsparungen bringen wird, ist heute schon sicher.

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