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Ceh Johannes Lead Thomas Dashuber Web
LEAD-Kolumnist Johannes Ceh (Foto: Thomas Dashuber)
Ethik Facebook Datenschutz

Von Nebel, Naivität und Verantwortung

Der aktuelle Skandal um Facebook und Cambridge Analytica geht uns alle an. Als Nutzer wie als Gestalter von Kommunikation. LEAD-Kolumnist Johannes Ceh über die Fragen, die sich jeder zwischen Fake News und Big Data spätestens jetzt stellen sollte.

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Die Nachricht erreichte deutsche Haushalte vergangenen Samstag. Irgendwann zwischen "Hertha BSC führt gegen Hamburger SV“, Schlagerparty mit Florian Silbereisen und Kälteschock vor deutschen Haustüren berichteten die New York Times und der britische Observer in einer gemeinsamen Investigativ-Recherche, dass die britische Datenfirma Cambridge Analytica, die für Donald Trumps Kampagne während des US-Wahlkampfs arbeitete, angeblich die Daten von 50 Millionen Facebook-Profilen abgegriffen und daraus Psychogramme der Kontobesitzer erstellt habe.

Dass so etwas möglich sein könnte, hatten viele Facebook-Nutzer bereits vermutet. Schließlich hatte schon vor zwei Jahren ein Artikel für Aufsehen gesorgt, in dem mögliche Kombinationen aus Facebook Daten und Psychogrammen thematisiert wurden. Nicht zufällig wurde der Artikel hierzulande Facebooks meistgelesener Artikel des Jahres. Doch was ist seitdem passiert? Bruchstücke. Nebel.

Auf den Artikel folgte Angst, Empörung, Betroffenheit unter vielen Facebook-Usern. Lawinenhaft posteten die Tage darauf ohnmächtig eine Vielzahl an Nutzern einen Schein-Rechtstext auf Facebook: „Ich widerspreche“. In den Folgewochen blieben entscheidende Fragen jedoch unbeantwortet: Was daran ist wahr? Was daran war ein PR-Stunt eines Datendienstleisters? Gibt es überhaupt einen Schutz von Daten bei Facebook? Und falls dieser Schutz in einem Fall nicht beachtet wurde, wird es einen solchen Schutz zukünftig geben? Schliesslich beteuerte Marc Zuckerberg erst vor ein paar Wochen, es solle bei Facebook wieder mehr um Freunde und "meaningful social interactions" gehen. Hat er etwa Cambridge Analytica damit gemeint? Fragen, auf die es in den letzten Monaten kaum Antworten gab.

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Was sich seit Samstag geändert hat: Ein ehemaliger Mitarbeiter von Cambridge Analytica hat als Whistleblower ausgesagt, die Firma habe auf wesentlich mehr Daten und Userprofile Zugriff gehabt als bisher bekannt. Whistleblower Christopher Wylie ging noch weiter: Facebook wusste angeblich davon seit mehreren Jahren: „Facebook made zero effort to get the data back.“ Es kommt Bewegung in einen Vorfall, der bislang im Nebel lag hinsichtlich der Fragen „Was ist hier wirklich passiert?" und "Wer ist hier eigentlich zuständig?“. Die Antworten haben Bedeutung. Schlagkraft. Nicht nur für Cambridge Analytica. Für Facebook. Und darüber hinaus.

Vor genau einem Jahr präsentierte der CEO von Cambridge Analytica, Alexander Nix, bei den Online Marketing Rockstars. Auf der Bühne wurde er von Philipp Westermeyer und insbesondere SEO Fachmann Marcus Tandler in die Pflicht genommen. Tandler fragte Nix, ob er glücklich damit sei, dass er mit seinem Team Donald Trump zur Präsidentschaft verholfen habe? Die Antwort von Nix war entwaffnend und gleichsam bezeichnend: „I am happy with the job we did.“

Facebook zieht sich aus der Verantwortung - wir sollten es nicht

Nun ist die Bühne der Online Marketing Rockstars weder Gerichtshof der Vereinten Nationen noch der Facebook-Aufsichtsrat. Und bei aller Empörung, dass eventuell Donald Trump durch die Unterstützung und dubiose Datennutzung von Cambridge Analytica Präsident geworden sein könnte - für mich sind zwei ganz andere Fragen zentral:

Was lernen wir aus dieser Angelegenheit? Als Nutzer als auch als Gestalter von Kommunikation? Oder in den Worten von Alexander Nix: „Are we really happy with the job we did?“

Fragen, die jeden von uns angehen. Jeden, der auch nur ansatzweise politisches Interesse hat. Jeden, der tagtäglich „Freundschaften“ auf Facebook „pflegt“. Als auch jede Marke, Agentur, Influencer und sonstige Macher, die Facebook und weitere Kanäle für Inhalte und Anzeigen nutzen. Schließlich stellt sich losgelöst von Trump und Putin die Frage: Sind wir nicht alle schon lange ein wenig naiv, was den Einsatz und die Nutzung von Apps wie „Welchem Hollywood-Star siehst du ähnlich“ angeht? Ist die Frage, was dabei an Informationen abgegriffen und weiterverarbeitet wird, wirklich so unbedeutend? Ein Ende einer solchen „Webnaivität“ forderte Dr. Winfried Felser (Netskill Solutions) schon vor rund zehn Jahren, als es um StudiVZ einen Skandal gab, welcher vergleichbare Irritationen und Fragen aufwarf. Durch den jetzigen Cambridge-Anayltica-Fall ist die Frage nach Naivität und Eigenverantwortung brisanter denn je.

Wir dürfen uns immer wieder in Erinnerung rufen: Wer kommuniziert, trägt Verantwortung. Egal ob die Kommunikation vor dem Spiegel, am Telefon, auf Facebook oder Snapchat stattfindet, Risiken und Nebenwirkung gehören dazu. Wer ein Facebook-Quiz zu „Welche Farbe hat deine Aura?“ spielt, muss damit rechnen, dass ihm seine Daten später anderweitig durch die Hintertür wieder begegnen. Das Posten von Schein- Rechtstexten wie „Ich widerspreche“ hilft dabei nicht weiter. Das Überdenken der eigenen Naivität und Verantwortung dagegen schon.

Johannes Ceh ist Speaker, Berater und Begleiter für Customer Experience Leadership. Er unterstützt Unternehmen an der Schnittstelle von Marktorientierung, Digitalisierung und Zusammenarbeit. Davor arbeitete der gelernte Journalist als Redakteur und Digitalstratege für Unternehmen wie Sport1, SKY, Springer & Jacoby, BMW, Daimler, JungvonMatt und Ogilvy. Aktuell arbeitet Johannes Ceh an einem Buch zu Customer Experience und dem damit verbundenen Wandel in Unternehmen.

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