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Zukunft Der Arbeit 1196893075 Shutterstockweb
Aus Angst im digitalen Wettrennen abgehängt zu werden, vergleichen sich Unternehmer mit Kollegen aus dem Silicon Valley - ein Fehelr (Bild: Shutterstock)
LEAD 1/2019 Arbeitsmodelle Zukunft

"Einen auf Google machen" wird auf Dauer nicht funktionieren

Aus Angst im digitalen Wettrennen abgehängt zu werden, vergleichen und ahmen Unternehmer etwa Firmen und Start-ups im Silicon Valley nach. Davor warnt Franz Kühmayer, Experte für Zukunft der Arbeit. LEAD spricht mit dem Strategieberater über den Einfluss des Bay-Area-Hypes auf Deutschland, Veränderungen in der Arbeitswelt, KI und die Zukunft des Mittelstandes.

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Das Zukunftsinstitut weiß, wie es um die Zukunft der Arbeit steht. Franz Kühmayer, Zukunftsforscher und Autor des Leadership-Reports 2019,widmet sich dem Mittelstand und erklärt, warum man dem Silicon-Valley-Hype nicht blind folgen muss, um erfolgreich zu sein.

LEAD: Herr Kühmayer, für den Leadership-Report 2019 haben Sie im Silicon Valley recherchiert. Sind die Vordenker in der Bay Area so viel innovativer als hier?

Kühmayer: Der deutschsprachige Mittelstand muss sich vor dem vermeintlich gelobten Land sicher nicht verstecken. Im Gegenteil. Hier findet man genug von einer der wichtigsten Leadership-Zutaten: Herzblut.

LEAD: Also, Finger weg vom Silicon-Valley-Hype?

Kühmayer: Deutsche Unternehmen sind gut beraten, nicht einem durch eine rosarote Brille betrachteten Zerrbild der Silicon Valley Traumwelt nachzueifern. Die Sorge, vom digitalen Express abgehängt zu werden, macht nicht selten blind für die Schattenseiten der hochgetakteten Blase an der US-Westküste. Ich hoffe, dass die unzähligen Besichtigungstouren durch die Vorzeigeunternehmen der Bay Area auch dazu führen, dass ernsthaft gelernt, reflektiert und interpretiert wird, und nicht nur nach Vorlagen gesucht, die sich kopieren lassen.

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LEAD: Kicker im Snoezelenraum und Hoody im Meeting allein sind wohl keine Erfolgsgaranten...

Kühmayer: Genau. Es reicht eben nicht aus, Zweireiher und Krawatte gegen Poloshirt und Sneakers einzutauschen und mal rasch einen auf Google machen zu wollen. Von anderen lernen zu wollen ist smart. Wer aber den langfristigen Erfolg sucht, sollte sich vor der Verlockung hüten, durch Kopieren von sogenannten Best Practices einen Entwicklungsprozess zu beschleunigen. Wer es trotzdem tut, riskiert, die eigene Identität zu verlieren.

LEAD: Wie wird sich diese Identität in den kommenden zehn Jahren verändern?

Kühmayer: In einer globalisierten Welt gibt es immer Einflüsse aus anderen Kulturen. Das war schon immer so und wird auch so bleiben. Das einzig positive, das man der aktuellen "My country first"-Politik (USA und Brexit) abgewinnen kann, ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und Identität. Daraus kann man die Hoffnung ableiten, dass Europa sich auf seine ureigensten Werte besinnt: Ein aufgeklärtes und sorgfältig durchdachtes Bild von der Zukunft in sich zu tragen.

LEAD: Wieso sollte Europa das tun?

Kühmayer: Weil die wesentliche Führungsaufgabe nicht lauten kann, Vorgehensweisen anderer zu kopieren, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem wertstiftende Arbeit nach und nach aus der Zusammenarbeit von selbstständig denkenden und handelnden Menschen entsteht. Wir brauchen in Deutschland mehr Innovation und weniger Imitation.

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Die Zukunft des Arbeitens!

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LEAD: Sie sagen, wahre Tech-Giganten seien konservative Alleinentscheider. Dennoch verstünden sie Führung als Dienstleistung. Wie passt das zusammen?

Kühmayer: Das hat mit dem eigenen Selbstverständnis zu tun. Führung bedeutet nicht mehr Command-und-Control, sondern ist zunehmend eine Dienstleistung. In dem Wort stecken zwei Begriffe: Dienen und leisten. Deutsche Manager sind sehr viel stärker auf leisten getrimmt, als sie dienen gewohnt sind. Wenn es mehr darum geht, die Mitarbeiter zu coachen, zu unterstützen und zu ertüchtigen, eigene Verantwortung zu zeigen und einzubringen, dann wird der "Dienen"-Aspekt an Bedeutung gewinnen.

LEAD: WerdenHierarchien in Zukunft dennoch weiter abflachen?

Kühmayer: Ja, weil Hierarchie grundsätzlich immer mehr an Bedeutung verliert. Führung kommt seltener von der Spitze des Unternehmens – auch wenn der Vorstand noch so smart ist, muss er dennoch anerkennen, dass ihm die Deutungshoheit über die VUCA-Welt abhanden kommt. (Anm.d.Red.: VUCA ist ein Akronym und steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity. in der VUCA-Welt geht es darum, Zukunft vorauszudenken und mit zeitgemäßen Lösungen das Miteinander in Unternehmen zu stärken) Logische Konsequenz: Verantwortung abgeben. Führung geschieht dann aus der Mitte der Organisation und hat damit zu tun, dass Menschen Ideen folgen. Dafür braucht es keine klingenden Titel auf der Visitenkarte und kein Chefbüro.

LEAD: Im Silicon Valley regiert seit jeher der top-ausgebildete, junge, weiße Mann. Wird sich das nochmal ändern?

Kühmayer: Es reden zwar alle von Diversity, aber in Wahrheit ist davon wenig zu sehen. Nur bei den traditionellen IT-Riesen wie etwa IBM liegt das mittlere Alter über 35, bei Facebook, LinkedIn, Tesla, Google ist man nicht älter als 30. Kein einziges der Hightech-Unternehmen erreicht auch nur annähernd eine Gender-Parität: Bei nahezu allen Unternehmen der Branche sind drei Viertel der Beschäftigten Männer. Aber das bröckelt, glücklicherweise. Wer glaubt, #metoo und andere Bewegungen können an der High-Tech-Branche spurlos vorübergehen, hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren.

LEAD: Das Leben im Valley ist ein Leben in einer Blase, die vielleicht bald platzt?

Kühmayer: Es wird sicher weiterhin Hot Spots geben, an denen technologisch weit fortgeschritten an der Zukunft gearbeitet wird. Dazu trägt ja auch das gesamte Ökosystem rundherum bei: Die Spitzen-Unis, der Venture-Kapital-Markt, usw. Es wird aber nicht mehr dieses eine heilige Land geben, sondern viele solcher Hot Spots über den Globus verteilt: China, Indien, Singapur, und wohl auch Deutschland. Also nicht eine einzelne Blase, sondern ein Gebilde aus vielen Blasen, die miteinander in Beziehung stehen – ein Schaum sozusagen.

LEAD: Im Leadership-Report 2019 sprechen Sie von der zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft. Wie begründen Sie diese?

Kühmayer: Wir erleben auf politischer Ebene, dass die gemeinsamen Errungenschaften immer seltener gewürdigt werden. Die USA steigen aus globalen Abkommen aus, der Zusammenhalt in Europa nimmt ab und auch innerhalb der Staaten wird die Distanz zwischen den Einzelinteressen größer. Hier angestammte Bevölkerung, dort fremde Zuwanderer; hier Autofahrer, dort Radfahrer; hier Steakliebhaber, dort Veganer. Die Zielgruppen-analytischen und Sinus-Milieu-geformten Cluster lösen sich zugunsten ultra-individualistischer Moleküle auf. Dieses Auseinanderdriften wird auf der Ebene der Arbeit durch „New Work“ verstärkt, in der die Individualisierung von Arbeitsmodellen voranschreitet.

LEAD: Also könnte die Zukunft der Arbeit fast ausschließlich aus stark individuell geprägten Protagonisten bestehen?

Kühmayer: Diese Entwicklung hat ja viel Positives. Individualisierung ist ein hohes Gut, wir wollen ja alle die Nadel sein und nicht der Heuhaufen. Es wäre jedoch trügerisch, im Lichte der unbestrittenen Vorteile einer stärker individualisierten Arbeitswelt nicht auch die Schattenseiten zu erkennen: Unternehmen sind ja nicht nur zufällige Gemeinschaften, sondern Sozialsysteme. Daher: Um der Gefahr der Entsolidarisierung zu entgehen, bedarf es höherer Anstrengungen, auf politischer Ebene, aber auch und verstärkt auch auf Seiten der Unternehmen.

LEAD: KI treibt die digitale Revolution voran. Wie weit wird sie in zehn Jahren sein?

Kühmayer: Die Revolution ist zunächst mal angesagt, tatsächlich findet sie momentan noch eher auf Sparflamme statt. Wir erleben die Anfangsgründe von KI und werden in den nächsten zehn Jahren so große Fortschritte machen, dass wir ernsthaft über eine Revolution sprechen können: Weil wir dann nämlich ein neues Verständnis von Arbeit, Sozialsystem, Besteuerung, ja Gesellschaft insgesamt brauchen werden. Politik und Wirtschaft sind gut beraten, diese nächsten zehn Jahre dazu zu nutzen, nicht nur Technologie voranzutreiben, sondern auch die Folgen vorzubereiten. Denn noch jede Revolution hat ihre Kinder gefressen.

Franz Kühmayer-Zukunftsinsitut
(Bild: Zukunftsinstitut)

LEAD: Ein Forschungsteam der Universität von Oxford hat prognostiziert, dass 47 Prozent aller Jobs binnen der nächsten 20 Jahre von KI übernommen werden könnten. Ist das realistisch?

Kühmayer: Wenn nur die Hälfte davon eintritt, würde das schon reichen, um unser aktuelles Gesellschaftssystem ins Wanken zu bringen. So rasch wird es aber nicht gehen, wir werden in den nächsten zehn Jahren eher eine bipolare Jobsituation erleben: Am einen Ende wird sehr rasch eine Reihe von niedrig qualifizierten oder routinebehafteten Jobs durch Automatisierung wegfallen, am anderen Ende wird die Nachfrage nach hochqualifizierten Menschen weiter stark steigen. In Summe wird das für den Arbeitsmarkt vielleicht sogar neutral oder positiv sein, bloß kommt es zu einer massiven Verschiebung und damit auch zu sozialen Spannungen. Denn ob Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen Schritt halten werden, ist mehr als fraglich.

LEAD: Und danach? In welchen Sektoren wird es einen Job-Boom geben?

Kühmayer: Es wird einen Anstieg in drei Segmenten geben: Einerseits Technologische, naturwissenschaftliche Berufe, die naturgemäß von dieser Entwicklung profitieren. Dann Berufe, die Menschen und Organsiationen dabei unterstützen, den Wandel zu meistern, also Unternehmensberater, Change-Spezialisten aber auch Coaches, Psychologen, Lehrer. Und drittens werden jene Berufe wertvoller, die nicht von Maschinen übernommen werden können: Soziale, kreative Tätigkeiten.

LEAD: Wird es den Mittelstand in etwa zehn bis fünfzehn Jahren noch geben oder werden große Konzerne diesen geschluckt haben?

Kühmayer: Da habe ich keine Sorge. Im Gegenteil, Digitalisierung ist ja ein enormer Demokratisierungsfaktor der Produktionsmittel: Was vor wenigen Jahren noch Rechenzentren und Heerscharen von IT-Spezialisten gebraucht hat, und daher nur Konzernen zugänglich war, ist heute nur eine Kreditkartenzahlung entfernt. Daher: Wenn der Mittelstand es smart anstellt, wird er von der Entwicklung enorm profitieren können!

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