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Interview Mit Christian Alvart
Credit: Netflix
Netflix Streaming Film

Als Netflix anklopfte, hatte Christian Alvart seinen Serien-Pitch schon fertig

Mit „Dogs of Berlin“ ist 2018 die zweite deutsche Netflix-Produktion erschienen. LEAD-Autor David Streit hat mit Schöpfer und Regisseur Christian Alvart über das Tempo der Streaming-Kultur gesprochen.

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In „Dogs of Berlin“ treffen die Polizei, ein türkischer Familienclan, die kroatische Wett-Mafia und ein Nazi-Verein aufeinander. Alle Geschichten bewegen sich um die beiden Ermittler Kurt Grimmer (Felix Kramer) und Erol Birkan (Fahri Yardim), die eigene Absichten verfolgen und sich damit das Leben gegenseitig schwer machen.

Die erste Staffel stellt die Frage, ob man das soziale Milieu, in das man hineingeboren wurde, auch verlassen und selbst entscheiden kann, wer man sein möchte. LEAD hat mit Regisseur Christian Alvart gesprochen.

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„Dogs of Berlin“: Vom Roman zur Netflix-Serie

LEAD: Wie sah der Entwicklungsprozess für das Projekt aus?

Christian Alvart: Ich habe „Dogs of Berlin“ schon im Jahr 2009 begonnen als Roman zu schreiben, weil mir die Geschichte von Anfang an zu komplex für einen Spielfilm erschien. Aber mitten im Prozess war mir auch die Sprache nicht mehr visuell genug. Als ich dann über eine Serie nachdachte, wusste ich erst überhaupt nicht, wo das seinen Platz finden könnte. Trotzdem habe ich das Buch für einen Piloten und einen Ausblick auf die nächsten neun Folgen fertiggestellt und in meiner Ideen-Schublade verstaut.

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In den nächsten Jahren habe ich dann an meiner Karriere weitergearbeitet. Zusammen mit dem NDR sind zum Beispiel „Banklady“, sowie die Borowski- und Tschiller-„Tatorte“ entstanden. Sie fanden auch „Dogs of Berlin“ spannend, aber sahen nie so richtig eine Möglichkeit, den Stoff in ihre sendeplatzbasierte Struktur zu gießen. Denn pro Uhrzeit gibt es bestimmte Budgets und Jugendschutzvorgaben.

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Wie bitte?

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten zu kommunizieren. Wie Unternehmen es dennoch schaffen, ihre Botschaft erfolgreich zu vermitteln? Das LEAD Bookazine 4/2018 gibt unter anderem Tipps für den Einsatz von Voice-Skills, UX und Change-Management im Arbeitsleben. So gelingt Kommunikation – ohne Missverständnisse.

Wann kam dann Netflix dazu?

2015 erhielt ich eine Facebook-Nachricht von Erik Barmack, der für Netflix’ internationale Produktionen verantwortlich war. Er hat mir geschrieben, dass sie in Deutschland nach Geschichten suchen und ich konnte ihm gleich meine ausgearbeitete Idee pitchen. Zu der Zeit entstand mit „Marseille“ gerade die erste europäische Serie – ich wurde also eingeladen, vor Ort mit den Verantwortlichen zu sprechen und stieß auf großes Interesse.

Dann kam es zu einem großen Luxus-Problem: Ich sollte als nächstes den Tatort-Zweiteiler mit Til Schweiger drehen, „Tschiller: Off Duty“ stand bereits in den Startlöchern und auch meine Thriller „Steig. Nicht. Aus!“ und „Abgeschnitten“ waren schon in der Entwicklung. Ich war also fortwährend am Zittern, ob Netflix das Interesse noch nicht verloren und in der Zwischenzeit ganz andere Projekte priorisiert hat. Und als ich dann endlich Zeit für „Dogs of Berlin“ hatte, gab es immer noch grünes Licht. Puh!

Wie sähe die Serie aus, wenn du sie trotzdem für den NDR realisiert hättest?

Also ich glaube nicht, dass es groß anders geworden wäre. Vor allem in der Zusammenarbeit mit Thomas Schreiber, dem Unterhaltungskoordinator, sind immer Sachen entstanden, die erzählerisch eher rebellisch sind. Aber wir wären wohl auf die Zusammenarbeit mit einer anderen Anstalt angewiesen gewesen und wer weiß, was dann dabei rausgekommen wäre. Da es sich ja um meine eigene Geschichte handelt, wäre ich nie bereit gewesen, Dinge für eine Redaktion zu ändern, die mir nicht gefallen.

Die größte Änderung für Netflix war es wiederum mitzudenken, dass international nicht jeder unsere kulturellen Codes kennen wird. So mussten wir über die Bildsprache oder Kostüme Dinge miterklären oder eindeutig zuordnen, dass es auch in Amerika oder Brasilien verstanden wird.

Welcher Teil deiner Arbeit fordert dich am stärksten heraus?

Das ist bei mir definitiv der Schnitt. Beim Drehen selbst habe ich eine super konkrete Vorstellung von den Längen verschiedener Einstellungen und produziere genau das, was ich brauche. Im Schnittraum trifft das Material dann auf die Realität – wie andere Meinungen vom Team oder den Zuschauern. Da muss ich immer lernen loszulassen, durchlässig zu werden und allein das Ergebnis sprechen zu lassen.

Nenne mir bitte ein Vorurteil über deinen Job, das stimmt.

Da gibt es eine Sache, die ich früher immer absurd fand. Wenn ich also auf Geburtstagsfeiern bin und mich mit Leuten unterhalte, die nicht aus der Filmbranche kommen, dann gehen sie oft davon aus, dass der Regisseur auch die Kamera hält. Aber es gibt natürlich den Beruf von Kameramann und Kamerafrau! In meinem Fall stimmt ihre Annahme aber oft genug. (Er lacht) Denn ich bin immer selbst Camera-Operator und manchmal sogar Kameramann. Ich führe durch die Linse Regie, wenn man so will.

Was wäre der größtmögliche Erfolg, den du mit deinem kreativen Output erreichen möchtest?

In meiner Twitter-Biografie heißt es ganz passend: „Will make a great film one day“. Ich habe mir selbst das Ziel gesetzt, einmal im Leben einen Film zu kreieren, den man als Hater anfängt zu schauen und am Ende doch lieben muss. Wo es also egal ist, mit welcher Laune, auf welchem Medium oder in welcher Umgebung du ihn schaust – er muss dich wegblasen. Meiner Meinung nach habe ich den noch nicht gemacht. Aber ich spüre, dass er in mir steckt. Für mich sind zum Beispiel „Blade Runner“, „Zwei glorreiche Halunken“ oder auch „Rocky“ über alle Zweifel erhaben.

Du kennst sowohl Kino, als auch Fernseh-Produktionen mit großen und kleinen Budgets. Wo wird sich das Streaming einpendeln?

Die Größenordnung der Budgets wird auch beim Streaming weiter variieren. Netflix ist ganz klar, dass historische Stoffe wie „The Barbarians“, was jetzt in Deutschland entsteht, teurer sind als beispielsweise Komödien, die sehr in ihrem kulturellen Umfeld verhaftet sind. In so großen Produktionen steckt daher ein riesiges internationales Potential! Grundsätzlich haben wir in Deutschland immer eher zu wenig Geld für alles und das hat sich auch durch Streaming-Anbieter noch nicht geändert. Alles wird teurer und speziell der Anspruch an visuelle Effekte steigt rasant – nur die Budgets passen sich dem nicht an.

Wie geht die Nachwuchs-Ausbildung damit um?

Wenn eine Sache in Deutschland funktioniert, dann ist es die Förderung junger Filmtalente durch Preise und Festivals. Problematisch wird es, sobald diese Instrumente nach dem ersten oder zweiten Film wegfallen und der Nachwuchs sich dem knallharten Wettbewerb stellen muss. Bei deinem fünften Film kannst du keine Leute anheuern und ihnen nur 70 Prozent vom Tarif zahlen. Genau da brechen viele weg.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, wohin würde sich das Streaming der Zukunft dann entwickeln?

Ich würde mir wünschen, dass die Streaming-Anbieter das Kino als Abspielstätte viel ernster nehmen. Sie hätten dann auch das Potential neue Standards durchzusetzen – zum Beispiel, dass Leinwände in ländlichen Regionen besser verteilt sind, keine Werbung mehr läuft oder der Ton einheitlich laut abgespielt wird. Mir geht es darum, dass das Kino ein magisches und schützenswertes Erlebnis ist. Und ich erlebe die Branche aktuell in Todeszuckung, da sollte man wie beim Theater oder der Vinylplatte durch Förderung dagegen wirken. Es wäre für mich das Größte, wenn Streaming-Giganten sich daran aktiv beteiligen würden.

"Ich würde mir wünschen, dass die Streaming-Anbieter das Kino als Abspielstätte viel ernster nehmen."

Wie sehen deine eigenen Streaming-Gewohnheiten aus?

Ich habe bei mir Zuhause ein kleines Kino eingerichtet, in dem ich der Kurator bin. Dann präsentiere ich meinen Kindern bewusst die Vielfalt der Filmgeschichte, bevor es zu spät ist und sie langsame Geschichten überhaupt nicht mehr aufnehmen können. Ich finde es nämlich gut, dass sie die Ruhe und Geduld haben, Klassiker wie „Die Zeitmaschine“ aus dem Jahr 1960 noch zu schauen und davon tagelang begeistert zu sein.

Die Erde dreht sich heute so schnell, dass es immer schwerer wird, Gemeinsamkeiten über Generationen hinweg zu finden – einfach, weil man die Welt ganz anders erlebt. Ich glaube nämlich, dass man mit seinen Kindern heute weniger gemeinsam hat, als noch vor 50 oder 100 Jahren. Wer weiß, welche Berufe es in einigen Jahren gibt? Meine Leidenschaft für den Film kann ich aber heute authentisch wiedergeben und dadurch mit ihnen teilen.

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Zum Ende habe ich noch drei schnelle Fragen. Hörst du eher auf exakte Daten oder auf dein Bauchgefühl?

Ich brauche die Daten für das Bauchgefühl.

Film oder Serie?

Beides, 50/50.

Dein letzter Streamingtipp an einen Freund oder eine Freundin?

Das war die Serie „Brooklyn Nine-Nine“.

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