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Gehlen Dirk Von Sueddeutsche Zeitung Cr Barbara Renner Img 2473 Web
Dirk von Gehlen schreibt für LEAD über Smartphones (Bild: Barbara Renner)
Smartphone Digitalisierung Mobile

Bring das Instrument zum Klingen!

Das Smartphone ist eine großartige ­Erfindung; so toll, dass sie uns als Gesellschaft zuweilen ­überfordert. ­Deshalb brauchen wir Vorbilder in ­Schule und ­Familie, die den Umgang damit vorleben.

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Dieser Text lädt zu einem Experiment ein: Leg doch bitte für die nächsten vier Minuten dein Smartphone zur Seite. So lange wirst du brauchen, um lesend ans Ende der Seite zu gelangen. Gelingt es dir, die kommenden vier Minuten nicht nach deinen Mails zu schauen, deinen Instagram-Status zu überprüfen oder eine Textnachricht zu schreiben? Und wenn du dann weiterblätterst: Wie lang kannst du dein Smartphone ungenutzt liegen lassen? In diesem Heft folgen noch zig Seiten mit spannendem Inhalt, wirst du die zu Ende lesen, ohne auf dein Handy zu blicken?

Vermutlich nicht. Vermutlich wirst du zum Smartphone greifen und vermutlich erwartest du, dass ich dir jetzt deswegen ein schlechtes Gewissen machen will: dass ich von schwindender Konzentration schreibe, von schlimmen Angewohnheiten oder gar von Abhängigkeit. Ich kann dich beruhigen: Das wird nicht passieren. Das wäre mir nämlich viel zu simpel. Ich bin im Gegenteil sogar der Meinung: Es ist überhaupt kein Problem, wenn du zum Handy greifst. Vielleicht auch jetzt, bevor du weiterliest und feststellst, dass ich genau das nämlich loben möchte. Ich möchte den regelmäßigen Griff zum Smartphone gegen all die Anfeindungen verteidigen, denen er seit Jahren ausgesetzt ist. Es gibt fast niemanden – von Omas Kaffeetafel bis zur Talkshow-Couch – der sich noch nicht kritisch dazu geäußert hat, dass "alle ständig aufs Handy gucken". Da ist man sich so schnell einig, dass vor lauter einhelliger Smartphone-Beschimpfung ein möglicher Grund für die Beliebtheit des Geräts beständig unter den Tisch fällt: Das Smartphone ist einfach eine ziemlich großartige Erfindung!

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Dieser Text wurde für exklusiv das erste Print-Bookazine von LEAD verfasst - für weitere Infos hier klicken

Was wir kennengelernt haben, als wir jung waren, erheben wir zur Wahrheit

Warum eigentlich glauben wir, dass die erhöhte Präsenz der Geräte in unserem Alltag ein Hinweis für Abhängigkeiten sei? Warum lassen wir Studien über Smartphone-Nutzung von der Drogenbeauftragten präsentieren? Kurzum: Warum gestatten wir uns eigentlich nie die Erkenntnis, dass wir deshalb so oft zu dem Gerät greifen, weil das Leben mit Smartphone bunter, erfüllter, kommunikativer und auch inspirierender ist als ohne?

Weil es etwas gibt, zu dem Menschen noch schneller greifen als du zu deinem Smartphone: Zu ihren eigenen Erfahrungen – und den darauf beruhenden Bewertungen. Denn das, was wir kennen­gelernt haben, als wir jung waren, erheben wir nahezu automatisch in den Status der Wahrheit. Abweichungen davon – zum Beispiel durch technische Erfindungen, die später dazukommen – sortieren wir sofort als bedrohlich ein und erkennen darin den drohenden Untergang der Kultur. Das war beim Auto so, beim Fernsehen und ist auch jetzt beim Smartphone nicht anders. Die Generation, die noch eine Welt "ohne" kennengelernt hat, überführt ihre eigene Verwirrung stets in ein drohendes zivilisatorisches Problem. Und genau diese Generation, die gerade die Sachbuchbestenlisten anführt und Talkshow-Stühle warmsitzt, redet uns deshalb jetzt ein, das Smartphone sei mit Substanzen zu vergleichen, die per se abhängig machen. Der Diskurs über Smartphones ist dadurch so versaut, dass man schon als naiver Optimist gilt, wenn man nur vorsichtig anmerkt: Smartphones sind Werkzeuge, mit denen richtig umzugehen wir anhand guter Vorbilder lernen müssen.

Die Gesellschaft steht im Umgang mit Smartphones noch ganz am Anfang

Denn es stimmt ja: Man kann Smartphones auch sehr schlecht einsetzen. Man kann sich darin verlieren, wie man auch sinnlos Zeit vor dem Fernsehen verballern kann. Und es stimmt auch: Als Gesellschaft stehen wir noch ganz am Anfang, was einen erwachsenen Umgang mit den Geräten angeht. Oder kennst du gute Vorbilder, die in Schule oder Familie vorleben, wie man ohne Hysterie und ohne Panik mit Smartphones umgeht? Eben! Aber du kannst bei dir selbst anfangen. Immerhin hast du jetzt schon drei Minuten dein Handy nicht angeschaut.

Smartphones sind großartig, aber wir müssen erst lernen, wie man sie sinnvoll einsetzt. Und dabei hat sich ein Mechanismus bewährt, den du auch von anderen Instrumenten kennst: Du wirst besser Klavier spielen, wenn du regelmäßig übst. So wirst du auch souveräner mit dem Smartphone umgehen lernen, wenn du es übst. Wenn wir als Gesellschaft die Möglichkeiten des Smartphones zum Klingen bringen wollen, sollten schon Schülerinnen und Schüler den souveränen Umgang mit diesen immer mächtigeren Instrumenten lernen. Deshalb gehören Smartphones nicht nur in Schulen, sondern auch in den Unterricht. Wir müssen Lehrerinnen und Lehrer zu Vorbildern für den Umgang mit Smartphones machen. Damit das gelingen kann, sollten wir aufhören, Smartphones mit Drogen zu vergleichen oder sie durch ein vollständiges Verbot an Schulen noch interessanter zu machen. Ein souveräner Umgang mit dem Smartphone setzt voraus, dass wir anerkennen: Es handelt sich um Instrumente, nicht um abhängig machende Substanzen.

Deshalb lade ich dich ein: Nimm jetzt wieder dein Smart­phone zur Hand und schreib genau das dem größten Handy-Kritiker in deinem Bekanntenkreis. Denn erstaunlicherweise besitzt ja selbst der ein Smartphone – weil es eben eine ziemlich großartige Erfindung ist.

Dirk von Gehlen hat gerade zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen veröffentlicht. So lautet der Untertitel seines Buches "Das Pragmatismus-Prinzip". Der Diplom-Journalist leitet bei der "Süddeutschen Zeitung" die Abteilung Social Media/Innovation – und hat in seinem Blog Digitale Notizen soeben ein sogenanntes Blockstöckchen zum Thema Smartphone-Nutzung geworfen, das heißt, er lädt andere Blogger ein, davon zu berichten, wie diese ihr Handy nutzen.

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