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Konferenz Rückblick re:publica

Digitaler Blumenstrauß: Rückblick zur re:publica

Event verdaut, Kopf sortiert: Andrea Petzenhammer zieht für LEAD ihr Fazit zur re:publica. Sie findet: Zu groß ist sie nicht geworden. Im Gegenteil!

Foto: re:publica
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Die re:publica umreißt neben der technischen auch die politische und gesellschaftliche Dimension der Digitalisierung. Direkt zum Einstieg skizzierte etwa Danah Boyd in der Opening Keynote, wie Algorithmen die Welt unterlaufen können. Beispielsweise kaperten rechtsgerichtete Gruppen bei vergangenen Attentaten Reddit und Twitter, um so die bei Google sichtbare Live-Berichterstattung während eines Attentats zu beherrschen. Boyd benutzt den Begriff "Culture War" anstelle von Fake News, weil wir uns ihrer Ansicht nach einem Medium gegenüber sehen, das die Macht verleiht, eigene Wahrheiten zu definieren. Für die Besucher der re:publica 2018 spiegelte sich die zunehmende Bedeutung der Veranstaltung letztlich auch in dem teils vehementen Willen diverser Player, als Aussteller und Vortragende die eigene Bekanntheit in der digitalen Szene zu erhöhen. Skurriler Weise zählte dazu auch die Bundeswehr, die ohne Genehmigung der Veranstalter und trotz deutlicher Kritik der Besucher auf einen Informations-Truck vor dem Eingang der re:publica bestand. Bereits am ersten Tag schlug die Empörung so hohe Wellen, dass sowohl die re:publica als auch die Bundeswehr medienwirksam Stellung bezogen. Gewerkschaften wie die IG Metall, Verdi und DGB wollen inzwischen in der Rubrik "Arbeit & Innovation" sowie natürlich im Bewusstsein der digitalen Szene vertreten sein. Sie taten dies unter anderem durch die Vorstellung ihrer Kooperationen mit Universitäten und Think Tanks.  

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Gewerkschaften zwischen WhatsApp und agilen Teams

Im Fokus der Gewerkschaften steht zum einen, durch digitale Tools verstärkte Beteiligung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter*innen zu schaffen. Andererseits beobachten sie kritisch neuartige Bedrohungen auf eigentlich altbekannten Schlachtfeldern – etwa bei der Schichtdienstorganisation via Whatsapp-Gruppen, zulasten der immer gleichen Mitarbeiter*innen wie Auszubildenden. Untersuchungen zeigen zudem, dass die Intensität der Arbeitsbelastung beispielsweise in agil arbeitenden Projektteams zunimmt. Das Prinzip, dass sich ein Team unabhängig von einer klassischen Leitung eigene Ziele definiert und diese eigenständig wöchentlich überprüft, soll erlauben, Teams effizienter und flexibler einzusetzen. Die größten Hürden auf dem Weg zu einer besseren Arbeitswelt innerhalb agiler Teams seien den Forschern zufolge, dass Mitarbeiter häufig nicht kommunizierten, wenn die Arbeit zu viel wird oder sie schlicht Technikprobleme aufhalten. Insbesondere introvertierte Charaktere kämen in agilen Teams schneller unter die Räder. Themen wie Karrierewege oder Gehaltserhöhungen müssten sogar ganz neu gedacht werden, wenn der klassische Vorgesetzte fehlt.In Testläufen rund um digitale Assistenzen wurde für die Gewerkschaften außerdem deutlich, das der Preis für verbesserte, automatisierte Arbeitsplätze oft in ein Datenschutzproblem mündet und dass der Umgang mit den von den Mitarbeitern gewonnenen Daten in Betriebsvereinbarungen geregelt werden muss.  

Arbeitnehmer wollen Veränderung, Arbeitgeber verharren

Das Fraunhofer Institut hat diverse Zukunftsszenarien entwickelt, in die uns die Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt führen könnte. Bindung an bestimmte Räume bzw. Arbeitsflächen oder an Routinen gingen bereits verloren, statisches Spezialistentum werde künftig nicht mehr gebraucht. Schlüsselkompetenzen der Mitarbeiter*innen der Zukunft seien Kreativität und Lernfähigkeit. Auch die Unternehmen müssten sich auf Veränderungen einstellen: Die dynamischen technologischen Entwicklungen forderten von kleinen wie großen Firmen, von starren, hierarchisch organisierten Strukturen weg zu kommen und verstärkt kompetenzgemischte, flexible Teams ins Rennen mit dem Wettbewerb zu schicken. Gleichzeitig wünschten sich Arbeitnehmer bereits heute mehr Flexibilität und flachere Hierarchien, während ein Großteil der Arbeitgeber noch kaum Handlungsbedarf empfände.  

In der Workshop-Session "Work fiction: Neue Arbeitszeitgestaltung in 2030+"wurde schnell klar, dass es viele Wahrheiten gibt, schon allein in der noch überschaubaren Teilnehmerzahl der Session auf der re:publica. Beim Nachdenken darüber, wie der Arbeitsmarkt potenziell durch Automatisierung beeinflusst werden könnte, ergab sich aus diversen Perspektiven je ein positives wie ein negatives Szenario. Ganz gleich, ob künftige Verteilung von Arbeit, Anerkennung von Leistung oder Zugang zu Bildung und Weiterbildung: Ob eine solidarische oder eine konkurrenzorientierte Herangehensweise für die kommenden Herausforderungen gewählt werden wird, wird maßgeblich davon abhängen, ob und wie gut die gesetzlichen Regularien dazu ausfallen – insbesondere hinsichtlich Finanzierungsmodellen für flexiblere Arbeitsmodelle und Inhalte.  

Gut gemeint vs. gut gemacht: Frauenquote ist nicht genug

Nach wie vor gilt: In technischen Berufen fangen nur wenige Frauen ein Studium an, noch viel weniger gelangen ins Management oder gründen selbst – und das, obwohl Frauen-Gründungen durchschnittlich erfolgreicher sind, mehr Geld erwirtschaften und auch länger im Geschäft bleiben. Laura Sophie Dornheim skizzierte in ihrem Vortrag "Braucht das Silicon Valley eine Frauenquote?" nicht nur erwartbare Zahlen, sondern auch die sprichwörtlichen Klassiker des weiblichen Empowerments. Vergleichsweise junge, digital versierte Unternehmen wie Rocket Internet bleiben nach der Darstellung von Dornheim in Sachen Geschlechtergerechtigkeit sogar noch hinter der Old Economy zurück: Die Entscheider im Management seien fast durchgängig männlich und weiß. Der Inkubator falle mit weniger als 2.000 Mitarbeitern nicht unter die gesetzliche Regelung der Frauenquote. Im direkten Vergleich sehe sogar die Führungsriege des Old-Economy-Giganten SAP besser aus – dieser engagiere sich aber auch schon länger bewusst für Gleichstellung und falle zudem unter die gesetzliche Regelung.

Andrea Petzenhammer ist Senior Account Director bei der Tech-PR-Agentur Frische Fische. Sie studierte Medien und Informationswesen, arbeitete danach in PR-Agenturen unter anderem mit Tech-, Immobilien- und Finanzfokus.

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