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Wolligandt Stephan Ep Change Org Stephan Strassburg 04 07
© Sebastian Schütz / Change.org
2021 Netzpolitik Netzfreiheit

Dieser Mann organisiert den Kampf gegen Upload-Filter

Stephan Wolligandt ist der Anführer, aber alleine steht er nicht. Er hat es geschafft, dass binnen kürzester Zeit mehr als eine halbe Million Menschen seine Petition gegen Upload-Filter unterzeichnen.

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Sein Xing-Profil existiert gerade mal vierzehn Tage, bei Twitter hat er bislang 3 Tweets abgesetzt: Daraus könnte man schließen, dass Stephan Wolligandt das Internet reichlich egal ist. Aber das Gegenteil ist der Fall. Er ist der Sprecher der europaweit aktiven Gruppe "Save the Internet". Sie hat eine beispiellose Petition gestartet - denn noch nie haben so viele Menschen eine Kampagne in Deutschland via Change.org unterstützt ("Stoppt die Zensurmaschine – Rettet das Internet!").

Bis jetzt sind weit mehr als 700.000 Unterschriften zusammengekommen, die sich gegen die Empfehlung des EU-Rechtsausschusses zu den Themen Upload-Filter und Leistungsschutzrecht stellen. Während ganz Europa - oder zumindest die Fußballbegeisterten - mit den ersten Spielen der Fußball-WM beschäftigt war, hatten sich die EU-Experten für die umstrittene Einführung von Uploadfiltern auf großen Online-Plattformen und das sogenannte Leistungsschutzrecht für Presseverlage ausgesprochen. Zum Leidwesen zahlreicher Youtuber, Content-Creators und Internetverbände.

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Unter dem Hashtag #savetheinternet sammelt sich der Widerstand. Am Mittwoch entlädt sich der geballte Protest dann in Straßburg,wenn Wolligandt und seine Mitstreiter die Unterschriften an den Abgeordneten Axel Voss (CDU), Befürworter der Gesetzesnovelle, übergeben. Denn das EU-Parlament wird am Donnerstag, 05. Juli 2018, über die Zukunft des Internets abstimmen.

David oder Don Quijote?

"Ich achte sehr genau darauf, was ich im Internet über mich preisgebe", begründet Wolligandt seine bisherige Social-Media-Scheu. Mit seiner Entscheidung, als offizieller Sprecher der Initiative zu firmieren, hat er sich jetzt dazu durchgerungen, seine Präsenz in den sozialen Netzwerken zu starten. Denn er weiß, dass die Journalisten - auch die Autorin dieses Texts - erst mal googlen, wer ihnen da gegenübersteht. Außerdem spricht noch eines dafür: "Ich gebe den Leuten die Möglichkeit, mich zu kontaktieren."

Sein Geld verdient er mit dem Vertrieb von Merchandising-Produkten. Aber seine Pläne gehen weiter: Als nächstes sei ein Analysetool für Streaming und Youtuber in Planung. Ein Leben als Angestellter kann der 26-Jährige sich nicht vorstellen - und hat im Elternhaus dazu die besten Vorbilder. Zuerst hat der gebürtige Aachener eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann absolviert, bevor er ins elterliche Importgeschäft wechselte. Selbstständig gemacht hat er sich mit einem alten Schulfreund, Simon C. Jung, ihre Firma trägt den Namen Lappenz, wofür es auch eine kuriose Erklärung gibt.

Was hat ihn motiviert, sich jetzt politisch zu engagieren? "Hauptsächlich, weil ich und viele andere davon betroffen wären." Nichtmenschlichen Filtern traut er diese komplexe Aufgabe nicht zu. "Das würde das Internet nachhaltig verändern."

Darin sieht er auch den Grund, warum das Thema so viele auf die Barrikaden treibt - auch außerhalb der engen Kreise von Internetaktivisten wie Netzpolitik.org. "Weil die Menschen verstanden haben, dass das Einfluss auf unseren Internetkonsum hat, egal ob jemand Heavy User ist oder ob es den 70-Jährigen trifft, der etwas in seinem Handwerker-Forum hochladen möchte".

Die wichtigsten Argumente im Video

Die Strategie hinter der Kampagne

"Am Anfang ging es darum, sich erst mal selbst zu organisieren. Dazu waren wir deutschlandweit in Foren unterwegs. Dort haben wir Mitarbeiter gewonnen, die sich um PR, Pressetexte und Social-Media-Accounts kümmern", schildert Wolligandt. Flyer und Social-Media-Posts waren dann der zweite Schritt, mit Infoständen in Frankfurt, Düsseldorf, Berlin und Stuttgart ging es weiter.

Dass der Youtuber LeFloid einer der Unterstützer von Savetheinternet ist, ist kein Zufall. Sein Video zum Thema Upload-Filter zählt zu den beliebtesten auf seinem Kanal, rund eine halbe Million haben es gesehen. "Uns war es wichtig, viele Multiplikatoren zu erreichen. Das war ein entscheidender Punkt für uns, um möglichst schnell viele Leute zu erreichen," sagt Wolligandt. Auch der Youtuber PietSmiet (2,2 Mio. Abonnenten) und die Anwaltskanzlei Wilde Beuger Solmecke (237.000) sind dabei - mit einem eigenen Video zu Artikel 13.

Indes rüsten auch die Unterstützer des Leistungsschutzrechts nach. In der vergangenen Woche haben sie die EU-Parlamentarier mit einem Offenen Brief bearbeitet. Heute legt der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) nach.

Das sind die Argumente der Gegner

"Das EU-Verlegerrecht ist nicht nur im Interesse der großen Medienhäuser, sondern vor allem auch in dem Hunderter von kleinen Zeitschriften- und Zeitungsverlagen mit ihren journalistischen digitalen Start-ups in Europa", sagte VDZ-Präsident Rudolf Thiemann. Nach Einschätzung des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) würden auch die kleineren und mittleren Unternehmen der Medienbranche von einer europaweiten Reform des Urheberrechts profitieren. "Um es klar zu sagen: Kleine und große Verlagshäuser lassen sich auch hier nicht gegeneinander ausspielen."

"Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Kontrolle des Urheberrechts, aber wir wollen weniger fehleranfällige und transparentere Methoden." Stephan Wolligandt

Die Verlagshäuser forderten endlich eine Rechtsgrundlage gegen die Ausbeutung ihrer Inhalte, sagte Thiemann. "Kommt die Regelung nicht, wird die Fortsetzung der Umverteilung weiter zugunsten der Suchmaschinen- und Social-Media-Monopole zu einer Auszehrung und einem Ende der meisten kleinen und mittleren Verlage führen", warnte der Verbandspräsident. "Das wird dann die Freiheit des Internets beschädigen, nicht das EU-Verlegerrecht, das etwa die private Nutzung und das Verlinken nicht berührt."

Seinen Gegnern wirft Thiemann "Desinformation" vor. Diese helfe alleine den Technologiegiganten, die sich keinen Deut um die kulturelle Vielfalt scherten, die Deutschland und Europa ausmachten.

Gemeinsames Anliegen, anderer Weg

Diese Hau-drauf-Mentalität ist Wolligandt fremd. "Definitiv" kann er die Argumente der Gegenseite verstehen. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Kontrolle des Urheberrechts, aber wir wollen weniger fehleranfällige und transparentere Methoden." Noch mahlen die Mühlen der EU, auch die Entscheidung des EU-Parlaments ist erst ein Zwischenschritt, bevor es ernst wird. Bleibt also noch Zeit, weitere Videos zum Thema hochzuladen - solange die Upload-Filter noch in weiter Ferne sind.

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