Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Img 1337
Rekonstruktion von Holzskulpturen (Foto: 3D Holzdesign
LEAD 1/2019 Handwerk Digitalisierung

Die E-Handwerker kommen!

Maschinenbefehle über Computer zu geben verlangt Handwerkern viel ­neues und komplexes Know-how ab. Doch ist die Programmierung erst ­erledigt, geht ­alles schneller und damit deutlicher günstiger als die traditionelle Produktion ­­per Hand. Das E-Handwerk boomt!

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Neulich hatte Bild mal wieder so ein schönes Thema, das sich gut an die große Glocke hängen ließ. "Deutschland in der Klempner-Krise" titelte die immer noch ­führende Boulevardzeitung groß auf Seite eins. Was war passiert?

Einige Menschen hatten unverhältnismäßig lange auf dringend benötigte Handwerker gewartet, manche bis zu zwei Jahre, sie wurden vertröstet, mit Wasserschäden hängengelassen und von teuren Kostenvoranschlägen abgeschreckt. Und was sagten die Beschuldigten dazu? Vor allem mit zwei Gründen baten sie um Verständnis: Zeit- und Personalmangel.

Die vollen Auftragsbücher ließen sich nur mit Mühe abarbeiten, denn es fehle vielerorts an Nachwuchs. Jugendliche seien kaum noch für die körperlich oft anstrengende Arbeit zu begeistern. Hinzu komme ein immer stärkerer Preisdruck, da Kunden Rechnungen oft überhöht finden und sich mit den Zahlungen Zeit ließen.

Handwerksbetriebe: ein Viertel digitalisiert schon

Summa summarum: Das Handwerk steht unter Druck. Traditionell einer der am meisten geschätzten Berufszweige in Deutschland, doch die durch das Internet-Zeitalter veränderten Kundenerwartungen bringen die Klempner, Schreiner, Maler und Installateure jetzt in Zugzwang. Schneller Service, günstige Preise – Online-Geschäfts­modelle im Einzelhandel, aber auch in Service-Branchen wie dem Reinigungswesen, bei Airlines oder touristischen Plattformen haben die Ansprüche der Endverbraucher enorm steigen lassen. Und das Handwerk bekommt es zu spüren.

Anzeige

Doch viele Betriebe reagieren, beharren nicht auf traditionell gewachsenen Strukturen. Und es werden immer mehr, wie Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks eindrucksvoll zeigen: "Ein Viertel aller Handwerksbetriebe in Deutschland hat allein im vergangenen Jahr verschiedene Maßnahmen zur Digitalisierung umgesetzt“, sagt Stephan Blank, Projektleiter im Kompetenzzentrum Digitales Handwerk beim ZDH. Das sind 250.000 Handwerksfirmen, die unter anderem damit begonnen haben, Arbeitsabläufe zu digitalisieren, sich computergesteuerte Werkzeug­maschinen anzuschaffen oder über Social Media mit ihren Kunden zu kommunizieren.

Auch interessant: Mobile First & Cobots: Welche digitalen Trends das Handwerk verändern werden

Eine davon ist die Georg Ackermann GmbH im fränkischen Wiesenbronn. 1934 gegründet, wird der Betrieb derzeit in der dritten Generation von Frank Ackermann geleitet. Erste Maschinen, die über einen Bildschirm angesteuert wurden, installierte der Inhaber bereits Anfang der Neunziger und nur wenige Jahre später hatte die Computersteuerung bereits die Oberhand über die Werkzeuge gewonnen. Heute sind in dem Unternehmen alle Prozesse und Arbeitsabläufe durchdigitalisiert.

Was nicht heißt, dass heute weniger Menschen bei Ackermann arbeiten als früher. Im Gegenteil. Die Bedienung der hochkomplexen Geräte verlangt mehr denn je große handwerkliche Fähigkeiten. Die Folge sind viele Bestellungen von Einzelanfertigungen: ein Empfangs­tresen für die New Yorker Börse, Architekturmodelle für den Louvre-Ableger in Abu Dhabi, ein Akustikmodell für die Hamburger Elbphil­harmonie. Keinen dieser Groß­aufträge hätte Ackermann ohne sein digitales Know-how bekommen. Auf traditionellem Weg wären die vielfach gebogenen Formen nicht realisierbar gewesen.

Ctab Mittelstand Contentbild
Der Mittelstand digitalisiert sich!

Die E-Handwerker kommen! Dank Digitalisierung wird im Handwerk jetzt einiges möglich, was gerade noch unmöglich erschien. Das verlangt neues Know-how, bietet im Mittelstand aber auch viele Chancen: jetzt im LEAD Bookazine 1/2019.

Ein Besuch im Makerspace

Img 20190218 143906
Foto: TUM Makerspace

Was digitales Handwerk heute heißt, zeigt sich nirgends so vielfältig und geballt wie in der Mietwerkstatt Makerspace auf dem Garchinger TU-Campus. Hier stehen Lasercutter, die Holz, Kunststoff und Papier mithilfe der Programmierung im Computer automatisch schneiden, unmittelbar neben 3D-Druckern unterschiedlicher Größen, deren Lagentechnik inzwischen fast völlig glatte Oberflächen möglich macht, CNC-Fräsen, bei denen keine Hand mehr in Gefahr gerät und Wasserstrahlschneidern, die selbst Beton in jede beliebige Form bringen.

In einer Ecke sticht eine elektronische Stickmaschine in Sekunden, wofür Menschen Stunden brauchen würden. "Durch die bunte Mischung von Studenten, Start-ups, Mitarbeitern von etablierten Unternehmen und auch allen Handwerksbereichen herrscht eine einzigartige, kreative Atmosphäre im Makerspace", sagt Geschäftsführer Dirk Rossberg. "In der Kombination der Disziplinen entstehen völlig neue Möglichkeiten Ideen zu realisieren und in ein profitables Geschäftsmodell zu wandeln."

Der Unternehmer erklärt sein Vorgehen: "Wir fertigen von jedem Projekt zur genauen Definition erst einmal ein 3D-Modell im Computer an, um den Kunden jede noch so verwinkelte Stelle realitätsgetreu vorführen zu können." Ist der Auftrag fix, geht es an die Umsetzung des Computermodells. Und hier gibt es kaum einen Arbeitsschritt, der nicht von einem Programm fern­gesteuert wird. Mit elektronisch gesteuerten Laserschneideanlagen und CNC-Maschinen geht es dem Material zu Leibe. Wie von Geisterhand bewegt fräsen, sägen, bohren und schneiden sich die Werkzeuge durch die Platten. All das passiert nicht von selbst, der Zeit­aufwand für die Einarbeitung der Mitarbeiter ist groß. Hinzu kommen hohe Investitionen in die Technik: Die Kosten für Lasercutter und CNC-Maschinen können sich leicht zu sechsstelligen Beträgen summieren.

"Viele Handwerker sehen in der Digitalisierung eine Gefahr, dabei bietet sie den klassischen ­Handwerksberufen viele neue Chancen, sowohl in der Gestaltung als auch in der Umsetzung." Dr. Dirk Rossberg, Geschäftsführer UnternehmerTUM MakerSpace

Zähne aus dem 3D-Drucker, Drohnen über dem Dach

Die meisten Handwerker arbeiten jedoch zu dritt, zu viert, vielleicht zu fünft. Große Betriebe wie Ackermann gibt es selten. Entsprechend geringer fallen dort auch die Digitalisierungskosten aus. Laserschneider gibt es schon ab 10.000 Euro, kleinere CNC-Fräsen ab 3000 Euro.

Doch wo am besten mit der Digitalisierung anfangen? Rat gibt es zum Beispiel vom Kompetenzzentrum Digitales Handwerk, gefördert vom Bundeswirtschafts­ministerium. Fachveranstaltungen und Publikationen informieren interessierte Handwerker aller Sparten, all die digitalen Wunderwerkzeuge lassen sich in sogenannten Schaufenstern aber auch ganz direkt in Augenschein nehmen, dazu stehen 50 Digitalisierungsberater mit Rat und Tat für die Handwerksbetriebe bereit. "Die Digitalisierung bringt tiefgreifende Veränderungen mit sich", sagt Stephan Blank, "und ist für unsere Handwerks­betriebe Chance und Herausforderung zugleich."

So könnten Dachdecker sich ihre gefährliche Arbeit mit dem Einsatz von Drohnen stark erleichtern, ebenso Orthopädietechniker, die auf 3D-Drucker setzen. Doch es tun sich auch neue Fragen auf. "Was passiert beispielsweise mit den Zahntechnikern", meint Blank, "wenn Zahnersatz nicht mehr von Hand im Labor hergestellt wird, sondern viel günstiger aus dem 3D-Drucker des Zahnarztes kommt? Und werden freie Kfz-Werkstätten künftig noch alle nötigen Daten von den Autoherstellern bekommen, um Fahrzeuge zu warten oder zu reparieren? Oder können Autofahrer sich künftig nur noch an Vertragswerkstätten wenden?"

Noch ist vieles nicht entschieden, doch tendenziell zeichnen sich in den meisten Branchen große Vorteile für den Konsumenten ab. Kommt etwa der Heizungstechniker ins Haus und repariert das Thermostat in fünf Minuten, ist auf seinem Handy schon alles Weitere vorbereitet: zwei Klicks und die Rechnung steht. Kein umständliches Hervorkramen von Montagezetteln mehr, der Zeitgewinn geht klar zu Gunsten des Endverbrauchers. Oder eben das vorhin erwähnte Thema Hausbau: Drohnen inspizieren jederzeit den Baufortschritt, sehen von oben jede Ecke, ohne dass Dachdecker oder Maurer persönlich erst einmal alles checken müssen, bevor der nächste Arbeitsschritt begonnen werden kann.

Zeitgewinn: enorm. Vorteile bietet die Digitalisierung aber auch dank der neuen Informationskanäle. So konnte die Metzgerei Max im bayerischen Hof ihren Kundenstamm zuletzt beträchtlich vergrößern, weil sie diesen zum einen auf Facebook ausführlich zu Tierhaltung und Fleischherstellung informiert und ihn zum anderen über einen Online-Shop auch über weitere Strecken bedient.

"Durch die Digitalisierung konnten wir den Umsatz so sehr steigern, dass wir sogar zwei zusätzliche Mitarbeiter eingestellt haben, die sich nur um den Online-Shop kümmern." Florian Köhn, Geschäftsführer Max Fleischerfachgeschäft GmbH

Russische Kirchenorgel wird im Chiemgau verziert

Welche gewaltigen Vorteile allein schon eine ansprechende Präsenz im Netz hat, und erst recht in Kombi­nation mit einer guten Suchmaschinenoptimierung, zeigt eine Schreinerei im Chiemgau, die vollständig auf die computerunterstützte Holzbearbeitung setzt. "Vom Landkreis allein könnte ich nicht leben", sagt Andreas Weinzierl, Inhaber von 3D Holzdesign. Die ländliche Gegend ist recht dünn besiedelt, komplexe Schreinerleistungen werden hier eher selten gebraucht.

Dafür kann Weinzierl hochkarätige Kunden mit sehr speziellen Wünschen von weit her anziehen. Für eine russische Kirchenorgel besorgte er die Verzierung, eine kunst­historisch wertvolle Barockfigur aus der Münchner Theatinerkirche konnte auch dank seiner computer­gesteuerten Frästechnologie wieder instandgesetzt werden, selbst Brillengestelle und Uhrengehäuse stellt Weinzierl aus Holz her.

Auch interessant: Wie die Digitalisierung im Mittelstand ankommt

Falls barocke Kirchenfiguren oder New Yorker Börsen­tische jetzt aber so gar nicht deine Welt sind, du dafür lieber ohne lange Warterei und umständliches Suchen einfach mal eine Reparatur oder auch größere Renovierungsarbeiten in deiner Wohnung erledigt haben willst: Das Internet schafft auch hier Abhilfe.

Mit Crafty haben Christiane Wolff, Ex-Kommunikationschefin der Agenturgruppe Serviceplan und Jens Zabel, seit 30 Jahren als Geschäftsführer der Zabel Group erfolgreich im Facility Management tätig, kürzlich in München das deutschlandweit erste Handwerksunternehmen gegründet, das alle Gewerke aus einer Hand anbietet. Kein umständ­liches Kreuz-und-quer-Suchen nach Monteuren, Malermeistern oder Fliesenlegern mehr: ein Anruf genügt. Crafty soll es bald in jeder Stadt ab 100.000 Einwohnern geben, immer mit Vor-Ort-Präsenz durch eigene Handwerker. Wolff und Zabel denken gerne groß. Auch so eine Sache, die durch die Digitalisierung wesentlich einfacher geworden ist.

Die Hälfte meines Umsatzes mache ich jedes Jahr mit Neukunden, die im Netz meine Homepage finden.“ Andreas Weinzierl, Inhaber 3D Holzdesign
Newsletter & Messenger

Mit dem LEAD Newsletter und dem LEAD Tech Newsletter immer top informiert zu allen Themen des digitalen Lebens. Egal ob beruflich oder privat. In deiner Inbox oder per Messenger.

Anzeige
Anzeige
Verlagsangebot
Anzeige
Anzeige
Aktuelle Stellenangebote
Alle Stellenangebote