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Ärzte wollen die Digitalisierung (Foto: DusanPetkovic/ iStockphoto)
Daten Datenschutz Medizin

Die Datenlandschaft braucht eine OP

Daten sind aus keinem Lebensbereich mehr wegzudenken. Das gilt auch für die Medizin. Doch wenn man die Daten braucht, sind sie in einem Datensilo versackt. Was Krankenhäuser besser machen können.

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Unsere Kleidung bestellen wir über das Internet. Filme streamen wir über Netflix und Co. Die Steuererklärung wird per ELSTER ans Finanzamt übermittelt. Doch wenn es ins Krankenhaus geht, verfallen wir zurück ins Papier-Zeitalter.

Problem Nummer 1: Ist der Datenschutz mit dem Leben vereinbar?

Wer sich heute im Krankenhaus behandeln lassen darf, betritt eine andere Welt. Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, zurück in die Zeit der 80er Jahre – in die Zeit vor dem Internet. Viele Daten, die bei der Behandlung eines Patienten gesammelt werden, werden noch auf Papier notiert. Im Laufe der Untersuchungen sammelt sich dann eine dicke Plastiktüte an, in der mehrere hundert Gramm Papier den Zustand des Patienten dokumentieren.

Unter Datenschutzgesichtspunkten sicher eine prima Sache. Aber wenn es um Leben und Tod geht, dann ist es mir persönlich lieber, dass der behandelnde Arzt weiß, dass ich unter Herzrhythmusstörungen leide, Bluter bin oder eine Allergie auf Antibiotika habe, als dass er mich unwissend behandelt und damit mein Leben riskiert.

Doch genau dieser Wissensfluss, den wir außerhalb eines Krankenhauses für selbstverständlich halten, ist innerhalb der Krankenhausmauern nicht gegeben.

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Alles auf Papier (Foto: Yvonne Göpfert)

Problem Nummer 2: Datenkompatibilität

Noch schlimmer: Weil die Krankenhäuser nicht durchdigitalisiert sind, geht viel Effizienz verloren. So kann es vorkommen, dass die Radiologie an einem Tag ein MRT erstellt. Am nächsten Tag sollen diese Daten als Grundlage für eine Operation herangezogen werden.

Doch dann steht der ganze Operationsbetrieb still, weil die Abteilung Kardiologie die Daten aus der Abteilung Radiologie nicht auslesen kann. Schon mal nachgerechnet, was eine Stunde nicht benutzter OP-Saal plus OP-Personal eigentlich kostet?

Das Problem: Insbesondere Unikliniken bestehen aus einzelnen Häusern, die historisch gewachsen sind. Jedes dieser Häuser hat seinen eigenen Chef und seine eigenen Datensysteme. Wenn Daten in einem dieser Häuser erhoben werden, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Datenformat im anderen Haus nicht ausgelesen werden kann, ziemlich groß.

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Problem Nummer 3: Schnell mal Daten besorgen

Doch es sind nicht nur die verschiedenen Systeme, die in der Praxis Probleme machen. Auch am Datenfluss hapert es. Die Patientin Frau B aus Nordhof im Landkreis Rosenheim kämpft gegen Krebs. Sie hat bereits ein paar Chemobehandlungen hinter sich. Und sie nimmt entsprechende Medikamente, die man ihr auf der Onkologiestation verschrieben hat.

Doch dieses Mal ist sie mangels freier Kapazitäten nicht auf der Onkologiestation gelandet, sondern in der Kardiologie, wo noch ein Bett frei war. Auf der Kardiologiestation wird sie gefragt, wie hoch die Dosierung ihrer beiden Medikamente ist. Sie weiß es nicht. Sie sagt: "Fragen Sie doch in der Onkologie nach."

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Doch der Informationsfluss zwischen Onkologie und Kardiologie scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Es beginnt hektisches Telefonieren mit mehreren Verwandten, die zu Hause auf die Tablettenpackung schauen sollen, um Medikament und Dosis zu übermitteln. Doch natürlich sind sie im Moment des Anrufs nicht erreichbar. Und so geht auch hier wieder Zeit ins Land: Statt mit ein paar Klicks diese Informationen abzurufen, müssen die Daten umständlich beschafft werden.

Ein Einzelfall? Ganz skurril wird es, wenn Daten, die bereits digital vorliegen wie zum Beispiel ein EKG, auf Papier ausgedruckt werden. Hat ein Krankenhaus eigentlich schon einmal ausgerechnet, wie viele Kosten sich sparen ließen, wenn dafür kein Papier mehr benötigt würde?

Ärzte wollen die Digitalisierung

Noch werden Notizen von Medizinern meist handschriftlich verfasst, Mails haben Briefe noch lange nicht ersetzt und die elektronische Patientenakte fristet ein Nischendasein. Aber obwohl sie beim Einsatz digitaler Anwendungen momentan noch zögerlich sind, sehen sieben von zehn Ärzten die Digitalisierung als große Chance für die Gesundheitsversorgung.

Das ergab eine Umfrage, die der Digitalverband Bitkom zusammen mit dem Ärzteverband Hartmannbund durchgeführt hat. Demnach sagen 67 Prozent der Ärzte, dass Arztpraxen und Krankenhäuser ihre Kosten mithilfe digitaler Technologien senken können. 62 Prozent meinen, dass digitale Technologien die Prävention verbessern werden und jeder Dritte (34 Prozent) geht sogar davon aus, dass sie die Lebenserwartung der Menschen verlängern.

Allerdings werden selbst einfachste digitale Gesundheitsangebote derzeit nur sehr spärlich eingesetzt. Neun von zehn Klinikärzten (93 Prozent) geben zwar an, dass ihr Haus den Patienten die Untersuchungsergebnisse auch auf CD zur Verfügung stellt und 39 Prozent der Krankenhausärzte tauschen sich untereinander per Telemedizin aus.

Doch die telemedizinische Überwachung von Patienten (10 Prozent) oder die Online-Terminvereinbarung (10 Prozent) werden derzeit selbst von Krankenhäusern kaum eingesetzt.

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Sieben von zehn Ärzten sehen die Digitalisierung als große Chance für die Gesundheitsversorgung (Grafik: Bitkom)

Erste Projekte mit KI

Doch es laufen erste Pilotprojekte und Gehversuche. So hat das Klinikum Rechts der Isar, das zur TU München gehört, ein kardiologisches Projekt zur Überwachung von Herzpatienten mit der Teleclinic gestartet. Man bietet die telemedizinische Nachsorge an, die vor allem für Praxen und Patienten auf dem Land Vorteile bietet.

Dabei setzt man ganz auf smarte Geräte, die Daten zum Herzrhythmus oder zum Blutdruck übers Handynetz an die Klink übersenden. Die Teleclinic hat hier viele Sensoren angebunden, die den Blutdruck oder den Herzrhythmus messen und übermitteln. Die Auswertung soll eine künstliche Intelligenz übernehmen - doch bisher müssen noch die Ärzte kontrollieren und für die korrekte Interpretation der Daten sorgen.

Neben der korrekten Auswertung der Daten stellt sich für Eimo Martens, Oberarzt und Elektrophysiologe am Klinikum Rechts der Isar und Leiter des Projektes KI-gestütztes Clinical Decision Support System für die kardiologische Telemedizin zudem die große Frage: "Wie können wir Patienten besser einbinden?"

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Das ist derzeit vor allem auch eine Frage der personellen Kapazitäten. Das deutsche Vergütungssystem sieht für die Umstrukturierung keine finanziellen Mittel vor. Wenn die Patienten Daten senden, erwarten sie auch, dass ihre Daten ausgewertet werden und dass sie Feedback bekommen. Bislang scheint das noch nicht so recht zu funktionieren.

Langfristig will man die Daten im gesamten Klinikum in einem System zusammenbringen. Bislang gibt es nämlich noch keine Standard-Schnittstellen. Und Martens will eine Datenbank schaffen, die Rohdaten und Befunddaten strukturiert abspeichert. Die Daten sollen online auf einem Wissenschaftsserver für zukünftige interne wie auch klinikübergreifende Projekte gespiegelt werden.

Fazit: Ideen sind vorhanden. Fördergelder fließen. Doch es ist eine Frage der Kapazitäten einerseits und der rechtlichen Rahmenbedingungen andererseits, die die Fortschritte in der Telemedizin derzeit noch hemmen.

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