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Digitale Trends 192943107 Cr Fotolia Web
(Foto: Fotolia)
Digitalisierung 2021 Kommentar

Deutschland ist zu erfolgreich für die Digitalisierung

Während andere Staaten den digitalen Wandel aktiv vorantreiben, wird Veränderung hierzulande als unnötiger Aufwand empfunden. Das hat ­fatale Folgen. Wir dürfen nicht länger zugucken, sondern müssen handeln.

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Mittlerweile haben wir eine neue Bundesregierung und natürlich soll es dieses Mal wirklich losgehen mit der Digitalisierung. Das hören wir gerne, aber so richtig glauben wir alle nicht mehr daran. Zwar hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die Zukunft des Landes davon abhängt, wie gut wir die Digitalisierung meistern, aber Deutschland verändert sich nur im Schneckentempo.

Ich habe den Eindruck, dass der Druck einfach fehlt. Wir haben in Deutschland nahezu Vollbeschäftigung und exportieren wie die Weltmeister. Das verstellt irgendwie den Blick auf die wirklichen Herausforderungen. Obwohl klar sein sollte, dass es nicht immer so weitergehen wird, werden Kraftanstrengungen sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik vollends gemieden. Neidisch geht der Blick nach Frankreich, wo Präsident Macron die Digitalisierung vorantreibt und versucht, das Land mitzuziehen.

Wo es fließend Wasser und Strom gibt, sollte es auch Breitband geben

Wir setzen in Deutschland sehr auf Stabilität und Konsens, aber seit 20 Jahren gucken wir staunend zu, wie die Digitalisierung einen Wirtschaftsbereich nach dem anderen grundlegend verändert und wie sich die Koordinaten der Gesellschaft verschieben. Wenn wir den Status quo erhalten wollen, dann dürfen wir aber nicht mehr länger zugucken, sondern müssen handeln.

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Themen gibt es mehr als genug. Natürlich brauchen wir flächendeckend Breitband, von den Halligen bis zur Zugspitze. Überall dort, wo es fließend Wasser und Strom gibt, sollte es auch Breitband geben, so einfach sieht es aus. Aber ich weiß ganz genau, dass so ein simpler Satz gleich Widerspruch auslöst, weil das ja ein großes Investment darstellt, weil derzeit nicht alle derartig große Bandbreiten brauchen, weil es doch bislang auch so ging und weil überhaupt. Diese Argumente sehen wir immer wieder, egal ob Breitband, digitale Bildung oder digitaler Staat. Warum sollte man ändern, was auch so funktioniert. So viele Behördengänge hat man doch gar nicht, warum soll mit viel Aufwand alles digitalisiert werden, nur damit man dann ein wenig Zeit spart?

Weil es darum geht, dass wir auch in Zukunft noch in der Lage sind, ein attraktives Land zu sein. Dazu gehört nunmal schnelles Netz überall, aber auch eine Verwaltung, die sich an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet und es ermöglicht, dass man mit ein paar Clicks und Swipes seine Behördengänge digital erledigt. Wir sind in Deutschland richtig gut darin, Aufwände zu erzeugen, die unnötig sind, die aber über die Jahrzehnte so entstanden sind oder nie anders waren. Damit sind wir in vielen Bereichen einfach nicht mehr zeitgemäß und werden dadurch immer mehr ins Hintertreffen geraten, weil andere Länder schneller die Zukunftsthemen anpacken.

Besitzstandswahrer blockieren Digitalisierung in Deutschland

Man muss beispielsweise nur mal den Gedanken durchspielen, was passieren würde, wenn man in Deutschland seine Steuer­erklärung machen könnte wie in Estland. Dort rechnet der Staat aus, was man an Steuern zahlen muss und schickt die Steuer­erklärung vorausgefüllt per E-Mail zu. Die meisten Esten klicken einfach kurz auf „ja“ und sind dann mit der Steuererklärung fertig. In Deutschland machen wir es so, dass möglichst viele Menschen involviert werden, von den einzelnen Bürgerinnen und Bürgern, die Daten zusammentragen müssen, über die Steuer­berater bis zu den Beamten in den Finanzverwaltungen, die die Steuererklärungen überprüfen. Würde man dies radikal ändern, gäbe es massiven Widerstand. Das kann man in beliebig vielen Bereichen durchspielen, natürlich im Gesundheitswesen, in der kommunalen Verwaltung, bei Versicherungen, in großen Unternehmen, überall dort, wo es viele Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter gibt. Durch künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen werden diese Jobs in naher Zukunft überflüssig werden.

Diese Entwicklung kann Deutschland nicht aufhalten, aber wir sollten sie gestalten. ­ Damit wir den Übergang so verträglich wie möglich hinbekommen. Wenn wir uns aber nicht bewegen, dann gestalten andere diesen Übergang für uns. Was das bedeutet, haben ­ wir in den letzten 20 Jahren deutlich gesehen. Das libertäre Gedankengut des Silicon Valley ­ ist nur bedingt verträglich mit unseren Konzepten von Gesellschaft und sozialer Marktwirtschaft.

China wird zwei Milliarden Dollar in den Aufbau eines gigantischen Forschungsclusters zum Thema künstliche Intelligenz investieren, weil China dort globaler Marktführer werden will. Die Bundeskanzlerin führt mit Experten Gespräche, weil die Bundesregierung künstliche Intelligenz als Zukunftsthema ansieht. Weiter sind wir allerdings auch nicht und wieder guckt Deutschland zu, wie andere Länder Fakten schaffen. Uns geht es einfach zu gut.

Lumma Nico
(Foto: Nico Lumma)


Zum Autor: Nico Lumma ist Managing Partner der Start-up-Schmiede next media accelerator. Er gehört als Business Angel, Unternehmer, Autor und Mitbegründer sowie Co-Vorsitzender des netzpolitischen Vereins D64 zu den bekanntesten Figuren in der deutschen Digitalszene.

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