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Auch stark eingeschränkt oder sogar vom Aus bedroht - die exzellente Twitter-App Tweetbot (Foto: Tweetbot)
Social Media Twitter Apps

Der Tag, an dem Twitter stirbt

Von der breiten Öffentlichkeit bisher weitgehend unbemerkt, können Millionen von Nutzern den Dienst ab 16. August nicht mehr wie gewohnt verwenden, wenn Twitter drastische Änderungen an seiner Programmierschnittstelle vornimmt. Was das für dich bedeutet.

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Eigentlich läuft es gut bei Twitter. Nach jahrelanger Krise hat sich der Aktienkurs innerhalb eines Jahres verdreifacht – trotz des jüngsten Rückschlags an der Börse, weil das Unternehmen Millionen von Fake-Konten gelöscht hat. Seit US-Präsident Donald Trump als rührigster PR-Mitarbeiter von Twitter täglich für Spektakel sorgt, boomt der Kurznachrichtendienst. Und nach der Fußball-Weltmeisterschaft dürfte Twitter neue Rekordzahlen verkünden. Bereits während der WM 2014 schrieben die Nutzer weltweit 672 Millionen Tweets, und das nur unter den offiziellen Hashtags der FIFA. Beim Turnier in Russland könnte hier die Milliarden-Marke fallen. Doch genau einen Monat nach dem Endspiel folgt der ganz große Kater.

Denn am 16. August führt Twitter drastische Änderungen an seiner Programmierschnittstelle (API) ein, die die Funktionen externer Apps stark beschneiden – und die solche Apps in ihrer Existenz bedrohen. Hardcore-Nutzer trauern und protestieren schon jetzt unter dem Hashtag #BreakingMyTwitter und beklagen im Voraus "den Tag, an dem Twitter starb". Von der breiten Öffentlichkeit bisher weitgehend unbemerkt, können Millionen von Nutzern den Dienst ab 16. August nicht mehr wie gewohnt verwenden. Und man fragt sich: Haben die ’nen Vogel bei Twitter? Wir beantworten die zehn wichtigsten Fragen.

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1. Was passiert am 16. August 2018?

An diesem Tag, so hat es Twitter angekündigt, treten umfangreiche Änderungen an seiner API in Kraft – also an der Schnittstelle, über die externe Apps wie Tweetbot oder Twitterrific auf den Dienst zugreifen. Die beiden einschneidendsten Neuerungen: Timelines aktualisieren sich nicht mehr automatisch, und Push-Meldungen kommen nicht mehr an. "Viele Leute wissen noch gar nicht, dass ihre bevorzugte Twitter-App bald nicht mehr wie gewohnt funktioniert", warnen App-Entwickler auf ihrer gemeinsamen Protest-Website "Apps of a Feather", deren Symbol die ausgerissene Feder des Twitter-Vögelchens ist.

4 Apps Of A Feather
"Apps of a feather" - das Logo für den weltweiten Protest (Foto: http://apps-of-a-feather.com)

2. Was sind die Folgen?

Wer Third-Party-Apps nutzt, also nicht die offizielle Twitter-App, erhält künftig keine Benachrichtigungen mehr, wenn andere Nutzer einen Tweet liken, eine Antwort oder eine Direktnachricht schicken, oder wenn ein Follower dazukommt.

Schlimmer noch: Das Streamen der Tweets quasi in Echtzeit funktioniert dann ebenfalls nicht mehr. Die App-Hersteller wollen zwar versuchen, Tweets nach wie vor so schnell wie möglich anzuzeigen. Doch weil Twitter die Zahl der Updates begrenzt, kann es durchaus zu ein bis zwei Minuten Verzögerung kommen. Was im normalen Alltag noch verkraftbar sein dürfte, ist bei großen Fußballspielen oder anderen Breaking-News-Themen inakzeptabel – wer will Nachrichten-Apps nutzen, die Tore zwei Minuten zu spät melden? Gerade der Live-Charakter, der Twitter so spannend macht, wird dadurch ruiniert.

Daneben kann es durch die Änderungen zu weiteren Einschränkungen kommen. So weiß Twitterrific-Entwickler The Iconfactory aus den USA bis heute nicht, ob sich unter iOS und Android mit seiner App künftig noch Direktnachrichten anzeigen lassen.

3. Welche Apps sind betroffen?

Jede Third-Party-App, die nicht direkt von Twitter stammt, also beispielsweise Tweetbot, Twitterrific, Tweetings oder Talon. Die Änderungen betreffen zudem jede Plattform, egal ob iOS oder Android, PC oder Mac. Auf Mobilgeräten, die besonders häufig mit Push-Nachrichten arbeiten, dürften sich die Änderungen am gravierendsten auswirken.

4. Wie reagieren die App-Hersteller?

Sie befürchten, dass ihnen die Kunden davonlaufen, wenn die gewohnten Funktionen ab 16. August wegfallen. Deshalb informieren sie ihre Nutzer auf "Apps of a Feather" zunächst einmal darüber, dass nicht sie als Entwickler an den Problemen schuld sind – sondern Twitter selbst. Dort heißt es: "Wir tun alles, um unsere Apps regelmäßig zu aktualisieren. Trotz vieler Anfragen hat uns Twitter jedoch keinen gangbaren Weg angeboten, die verlorenen Funktionen wiederherzustellen. Wir warten seit mehr als einem Jahr und hatten nur mehr eine Gnadenfrist." Doch die läuft nun ab.

3 Twitterific
Vögelchen traurig (Foto: The Iconfactory/Twitterific)

Twitterrific hat seine Apps für iOS und Mac bereits abgespeckt. Neue Nutzer erhalten schon jetzt keine Push-Nachrichten mehr. Und auch Twitterrific für die Apple Watch ist ab sofort nicht mehr verfügbar. Andere Entwickler werden folgen. Für die Iconfactory sind die Änderungen besonders bitter. Denn Twitterrific ist prinzipiell kostenlos, und finanziert sich durch In-App-Käufe für Funktionen wie Push-Nachrichten. "Wir versuchen, die App so lange zu betreiben, wie es nur geht", heißt es beim US-Studio – was beinahe schon nach Abschied klingt.

5. Warum gibt es überhaupt Third-Party-Apps?

Erfahrene Nutzer wissen, dass Twitter quasi zweimal existiert – auf der einen Seite die offizielle App und die offizielle Website, und auf der anderen Seite die Third-Party-Apps. Die "User Experience", wie es heute heißt, ist dabei komplett unterschiedlich. Twitter selbst würfelt sowohl per App als auch auf der Website die Timeline eines Nutzers komplett durcheinander. Funktionen wie "Falls du es verpasst hast" oder "Was dir auch gefallen könnte", sowie priorisierte Tweets, "Trends" und Werbung sollen ähnlich wie bei Instagram für Unterhaltung und Abwechslung sorgen, nerven viele erfahrene Twitter-Nutzer aber extrem.

Im Gegensatz zu diesem Wirrwarr liefern Apps wie Tweetbot für iOS und Mac eine aufgeräumte Timeline, die ausschließlich chronologisch angezeigt wird und die auf Werbung verzichtet. Zudem bieten diese Apps häufig übersichtlichere Menüs und cleverere Funktionen als Twitter selbst. Das heute unverzichtbare "Pull to refresh", also das Nach-unten-ziehen einer Seite für die Aktualisierung des Inhalts, hat Tweetbot erfunden. Und so wirbt Twitterrific durchaus zurecht: "Die Twitter-App für Leute, die Twitter tatsächlich benutzen."

Tweetbot für iOS kostet beispielsweise 5,49 Euro, am Mac sind es 10,99 Euro – besser können Twitter-Fans ihr Geld gar nicht investieren. Wobei: Derzeit empfiehlt es sich tatsächlich nicht, für eine neue Twitter-App Geld auszugeben, solange nicht klar ist, wie diese Apps ab Mitte August funktionieren.

6. Warum greift Twitter zu diesen Maßnahmen?

Die Antwort liefert eigentlich schon Frage 5. Natürlich will Twitter, dass seine Nutzer auch die Werbung sehen, mit der es sich finanziert. Und die User sollen zu den Inhalten bugsiert werden, die Twitter für interessant und spektakulär hält. Bei den ungeliebten Third-Party-Apps fehlt Twitter diese Kontrolle. Sie sollen deshalb möglichst vom Markt verschwinden. Die App-Entwickler schreiben dazu auf "Apps of a Feather": "Das Unternehmen hält Dritte aktiv davon ab, Apps anzubieten, die es ebenfalls ermöglichen, Twitter zu verwenden."

7. Wie reagieren die Nutzer?

Schon jetzt mit Wut und Zorn – obwohl sich die Änderungen noch längst nicht über den harten Kern hinaus herumgesprochen haben. Unter #BreakingMyTwitter heißt es "Warum wollt ihr eure eigene Plattform denn so unbedingt kaputt machen?" oder "Twitter, warum hasst ihr uns?" Kurzformel: #RIPTwitter. Oder auch: "Zitter um Dein Twitter!"

8. Gibt es noch einen Ausweg?

Theoretisch ja. Die Entwickler könnten für die Aufrechterhaltung der bisherigen Funktionen bezahlen. Doch die Gebühren, die Twitter dafür verlangt, sind dermaßen unrealistisch hoch angesetzt, dass sie sich für keinen App-Anbieter rechnen. Dieser Premium-Service würde monatlich 2.899 Dollar (2.475 Euro) pro 250 Nutzer kosten. Allein um diesen Zugriff plus einige Nebenkosten zu finanzieren, müsste die App-Nutzung pro User rund 16 Dollar (13,65 Euro) im Monat kosten – ein Preis, den der Markt schlichtweg nicht hergibt. Und das weiß auch Twitter sehr genau.

9. Was können Nutzer tun?

2 Breaking My Twitter

Eine Last-Minute-Einigung zwischen Twitter und Entwicklern ist zwar nach wie vor nicht ausgeschlossen, wird aber zunehmend unrealistischer. Diesmal scheint es Twitter tatsächlich darauf anzulegen, Third-Party-Apps so unattraktiv zu machen, dass sie nach und nach vom Markt verschwinden. Um den Druck auf Twitter zu erhöhen, rufen die App-Entwickler ihre Nutzer dazu auf, unter #BreakingMyTwitter und durch Tweets an @TwitterDev zu protestieren. Weitere Maßnahmen: Die Öffentlichkeit in Blogs oder Podcasts zu informieren.

10. Welche Tricks helfen ab 16. August?

Dass die Nutzer der Third-Party-Apps, die auf eine chronologische Timeline Wert legen, sofort massenweise zur offiziellen Twitter-App oder auf twitter.com abwandern, scheint ausgeschlossen – zu groß ist die Abneigung gegenüber der konfusen offiziellen Twitter-Timeline. Wie die Apps tatsächlich mit der neuen API klarkommen, wird sich erst nach deren Freischaltung zeigen.

Beste Lösung scheint derzeit zu sein, weiterhin mit der gewohnten App zu twittern, zu lesen und zu schreiben – und sich zusätzlich die offizielle Twitter-App für Push-Nachrichten oder für besonders aktuelle Events zu installieren. Denn zumindest daran soll sich nichts ändern: Es wird weiterhin möglich sein, mehrere Twitter-Apps mit dem gleichen Account beispielsweise auf einem Smartphone oder Tablet zu installieren.

Einigermaßen brauchbare Alternative, wenn auch nur auf dem Desktop, ist das mehrspaltige Tweetdeck, das direkt von Twitter stammt, und das ebenfalls noch eine chronologische Timeline anzeigt.

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