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Moon 8 Lars Norgaard Moon Ribas Klein
Tänzerin, Cyborg und Aktivistin Moon Ribas (Bild: Lars Nordgaard)
KI Cyborg Moon Ribas

"Der Mensch ist ein schreckliches Wesen"

Nie zuvor waren Mensch und Technik so stark miteinander verflochten wie heute. Viele empfinden das als Bedrohung. Aber wie sieht das ein Cyborg? Moon Ribas im LEAD-Interview über Ethik, KI und die Defizite des Menschen.

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Im Jahr 2018 sprechen wir über künstliche Intelligenzen (KI): über KI, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft effizienter machen; aber auch solche, die als suprahumane Wesen den Menschen irgendwann beherrschen könnten. KI hat ein Ethikproblem. Und damit auch ein Imageproblem. Die spanische Künstlerin Moon Ribas ist ein Cyborg: ein Mischwesen aus Mensch und Maschine. In ihrem Fuß ist ein seismischer Sensor implantiert. Bei jedem Erdbeben, egal wo auf der Welt, spürt sie eine Vibration in ihrem Fuß. Wie nur wenige sonst hat sie eine persönliche Perspektive auf das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. LEAD hat mit der Spanierin über Technologie, Ethik sowie die Defizite des Menschen gesprochen.

Wie lebt es sich mit einem Erdbebensensor?

Es ist, als hätte ich zwei Herzschläge: einen in meiner Brust und einen in meinem Fuß. Früher war der Sensor im Arm, aber jetzt befindet er sich oben an meinem Fuß. Es fühlt sich einfach natürlicher an. Gerade bin ich in Barcelona und würde jedes Erdbeben spüren, ob das jetzt in Japan oder Kalifornien ist. Das kann mal alle zehn Minuten, manchmal alle 20 Minuten, mindestens zweimal pro Stunde passieren.

Du fühlst dich sicher mit den Menschen verbunden, die gerade ein Erdbeben erleben.

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Bei dem schweren Erdbeben in Nepal damals habe ich mich echt schlecht gefühlt, den ganzen Tag lang; ich fühle mich auf eine Art und Weise mit den Leuten verbunden, sorge mich um die Menschen. Aber es geht auch um ganz positive Gefühle. Darum, dass ein Großteil der Beben keine schlimmen Folgen hat. Wir verbinden mit Erdbeben immer etwas Negatives. Das ist wie bei Regen: Schlimm ist doch eigentlich nur, dass wir uns diesem Naturphänomen noch nicht angepasst haben.

Auf die Idee, sich einen seismischen Sensor zu implantieren, muss man aber erst einmal kommen.

Für mich ist das Kunst. Für Technologie habe ich mich noch nie besonders interessiert, dafür aber für Natur, Tiere - und eben Kunst. Ich habe Choreografie studiert und während meines Studiums wurden wir dazu ermuntert, Technik in unsere Performances einzubinden. Mein Problem mit der Technologie war, dass ich sie als unpersönliches, kaltes Werkzeug empfunden habe. Ich fand es natürlicher, sie zum Teil meiner Erfahrung als Künstler zu machen.

Was genau bedeutet dein Konzept „Cyborg Art“?

Der seismische Sinn ist mein Kunstwerk, deren Zuschauer ich selbst bin, da er ja Teil meines Körpers ist. Um dieses Kunstwerk mit dem Publikum zu teilen, verwandle ich es in Percussion und Tanz. Das klingt ein wenig kompliziert, aber bei Cyborg Art verschmelzen Publikum, Kunst und Künstler zu einer Person.

Du hast schon mit verschiedenen Technologien experimentiert. Hast du einen Favoriten?

Für mich war das ein Prozess, weil ich nach einem Sinn suchte, den ich wirklich weiterentwickeln wollte. Anfangs habe ich andere Projekte verfolgt, weil ich erst einmal sehen musste, welchen Sinn ich wirklich weiterentwickeln möchte. Angefangen habe ich mit den Speedometer Gloves (siehe unten, Anm.d. Red.), aber dann suchte ich etwas, das nicht von Dingen oder anderen Menschen abhängt. Auf die gleiche Art, wie ich älter werde, soll auch meine Wahrnehmung wachsen. Die Erde bewegt sich ständig: nicht nur, weil sie sich dreht, sondern weil sie permanent von Erdbeben erschüttert wird. Die Vorstellung dieser massiven Kraft und Bewegung hat mich einfach fasziniert. Deswegen erfüllt mich mein seismischer Sinn am meisten, würde ich sagen.

Du liebst Tiere und die Natur. Warum genügen dir dann deine natürlichen Sinne nicht?

Ich denke, das ist sehr subjektiv. Natürlich gibt es viele Menschen, die damit zufrieden sind. Aber für mich persönlich ist es so, dass ich es aufregend finde selbst zu bestimmen, wie ich Realität erfahre. Im Moment leben wir beispielsweise überhaupt nicht so, wie es für unseren Planeten gut wäre. Vielleicht verstehen wir die Erde mit den neuen Sinnen besser, vielleicht wird sich auch unser Verhalten ändern. Wir von der Cyborg Foundation wollen uns selbst statt unsere Umgebung verändern, um im Einklang mit der Natur und anderen Lebewesen zu leben. Vielleicht können wir irgendwann selbst Licht oder Wärme erzeugen, statt Energie für Heizungen und Lampen aufzuwenden. Das ist der normale Lauf der Evolution: Lebewesen passen sich ihrer Umgebung an. Der einzige Unterschied heute ist, dass wir sie selbst vorantreiben können.

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    Moon Ribas' hat in England Tanz und Choreographie studiert (Bild: Michael Sharky)
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    (Bild: Michael Sharky)
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    (Bild: Michael Sharky)
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    (Bild: Michael Sharky)
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    (Bild: Michael Sharky)
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    (Bild: Michael Sharky)
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    (Bild: Michael Sharky)

Wie hat sich die Wahrnehmung von Cyborgs in den letzten Jahren verändert?

Zumindest werden sie als normal wahrgenommen. Früher gab es Cyborgs nur in der Science-Fiction-Welt. Mittlerweile hat die Gesellschaft es schon akzeptiert, dass man seinen Körper aus medizinischen Gründen verändert. Vielleicht werden sie in Zukunft auch akzeptieren, dass du deinen Körper und Geist einfach aus Neugierde oder der Kunst wegen veränderst.

Die Cyborg Art Foundation beschäftigt sich auch mit der medizinischen Relevanz von Cyborgs.

Nein, nein, wir machen schon Kunst. Uns geht es nicht darum, körperliche Defizite zu verbessern. Wir erweitern Sinne aus Neugierde, einfach weil wir es können.

Die immer stärkere Verflechtung von Mensch und Maschine sorgt derzeit für Unruhe. Zu Recht?

Vor der Technologie selbst habe ich keine Angst. Ich habe Angst vor den Menschen. Menschen haben schon so viele furchtbare Dinge getan – auch ohne oder gerade trotz technischen Fortschritts. Deswegen glaube ich nicht, dass sich deswegen etwas verändern wird. Die Interaktion zwischen Mensch und Technologie ist nichts Schlechtes, sondern im Gegenteil eine gute Sache.

Wie rüsten sich Cyborgs gegen Risiken durch technischen Fortschritt?

Natürlich werden neue Gefahren entstehen. Deswegen arbeiten wir auch an speziellen Regelungen, die uns Cyborgs vor Hacks aber auch gesellschaftlicher Diskriminierung schützen sollen.

Auch ein Cyborg ist doch ein auf Perfektion angelegtes Wesen?

Wir sehen uns nicht als Supermenschen oder Superhelden. Und erhaben fühlen wir uns auf keine Weise. Eher umgekehrt: Mit diesen neuen Sinnen machen wir uns bewusst, dass wir Wesen alle in einer horizontalen, nicht hierarchischen Beziehung zueinander stehen. Für uns ist es so, dass wir uns als Alternative, nicht als in der Hierarchie über anderen stehend begreifen. Wir Cyborgs enthüllen Realität, statt eine künstliche Wirklichkeit zu schaffen, wie bei AR und VR aktuell der Fall.

Zurzeit kursiert die Panik, die Menschheit könnte irgendwann von den KI, die sie selbst erschaffen hat, zerstört werden.

Generell gesprochen: Wenn Leute sagen, es wäre schlimm, wenn wir keine Menschen mehr wären, sehe ich das genau umgekehrt: Wir sind schreckliche Wesen, die sich seit jeher gegenseitig umbringen. Auch wenn eine andere Spezies entsteht und diese Spezies vielleicht intelligenter ist als wir, dann bin ich mir doch sicher, dass sie zumindest nicht töten würden, dass sie sich respektvoll verhalten würden. Oder uns ganz einfach ignorieren.

Gibt es Überschneidungen zwischen Cyborgs und KI?

Wir Cyborgs sehen KI eher für den praktischen Einsatz gedacht, zur Übermittlung von Information. Bei uns geht es um etwas anderes: Wir haben künstliche Sinne, mit der wir die Realität besser und tiefer erfahren können.

Über Moon Ribas

Moon Ribas  Neil Harbisson Klein Quer
(Bild: Neil Harbisson)

Seit 2007 experimentiert die 32-jährige Künstlerin mit verschiedenen Technologien und Implantaten, die ihre Sinne erweitern. Zum Beispiel der Speedometer Glove, ein Handschuh, mit dem sie exakt jede Bewegung in ihrer Umgebung messen und über Vibration spüren kann. Den Erdbebensenor trägt sie seit 2013. Per Wlan ist er mit Online-Seismographen verbunden und erfasst jedes Beben ab Stärke 1 auf der Richter-Skala. Je nach Stärke eines Bebens vibriert er in unterschiedlicher Intensität – wie auch im Gespräch mit LEAD, das sie kurz unterbricht, weil ein starkes Beben ihren Fuß vibrieren lässt.

Ribas ist in erster Linie Künstlerin. So hat sie die Tanzperformance Waiting for Earthquakes entwickelt, die sich nach den Vibrationen ihres Sensors richtet. Sie beginnt erst, sobald sie ein Beben spürt. Solange verharrt sie regungslos auf der Bühne. Zusammen mit Neil Harbisson gründete sie 2010 die Cyborg Foundation, eine Organisation, die sich für Forschung, Entwicklung und rechtliche Aspekte im Umfeld des Cyborg-Konzeptes einsetzt. Harbisson selbst ist farbenblind und kann mittels einer auf dem Kopf implantierten Antenne Farben hören. Ribas' neueste Errungenschaft ist übrigens ein Sensor, mit dem sie Mondbeben spürt.

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