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Headquarter Das Zeichen Vor Dem Haupteingang Zu Facebook Facebook
(Bild: Facebook)
Kommentar Facebook Datenschutz

Warum die Diskussion das eigentliche Problem verfehlt

Es ist die Rede von einem gigantischen Datenskandal: 50 Millionen Facebook-Profile sollen von Cambridge Analytica illegal erworben worden sein, um so über 200 Millionen Amerikaner mit Wahlwerbung zu beeinflussen. Facebook hat davon gewusst und nichts unternommen. Entsprechend groß ist die Entrüstung. Was in der öffentlichen Debatte untergeht: Nichts an diesem Datenzugriff war tatsächlich illegal.

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Der Sachverhalt: Cambridge Analytica hat die Daten von Aleksandr Kogan, der diese im Rahmen eines Forschungsprojekts für die University of Cambridge mithilfe der App "Thisisyourdigitallife" erhoben hat, abgekauft. Die Erhebung dieser Daten war legal, der Verkauf von Aleksandr Kogan an Cambridge Analytica nicht. Facebook hat seit 2016 von dieser illegalen Weitergabe gewusst und um Löschung der Daten gebeten. Auf die Aufforderung Facebooks reagierte niemand und Facebook unternahm nichts. Das Problem: in der aktuellen Diskussion werden drei Dinge miteinander in Verbindung gebracht, die man sauber voneinander trennen sollte: (1) das Verhalten der Facebook-Nutzer, (2) das Verhalten von Cambridge Analytica sowie (3) das Verhalten von Facebook selbst.

Die Nutzer haben der Erhebung der Daten zugestimmt

Der mediale Echo lässt vermuten, die Daten seien auf illegale Weise erhoben worden. Das ist schlichtweg falsch, denn es war ein Datenzugriff im Rahmen der Guidelines und mit Zustimmung der Nutzer. Sie wurden vor der Datenerhebung gefragt, ob der Entwickler Zugriff auf die Daten erhalten darf. Wenn man also die Aussage tätigt, es handele sich in der Causa Facebook um einen "Datenklau", dann attestiere ich derjenigen Person mangelndes Verständnis für die Thematik. All diese Daten können durch jeden von Facebook zertifizierten Entwickler generiert werden, sofern der Nutzer zustimmt. Etwas anders verhält es sich mit dem Vorwurf, dass die Daten der Nutzer von Kogan und Cambridge Analytica zweckentfremdet wurden, ohne dass es die Nutzer wussten. Das ist richtig und auch ein klarer Verstoß gegen die AGB von Facebook. Aber dafür kann Facebook erst einmal nichts.

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Der Fall Cambridge Analytica: rechtlich illegal

Cambridge Analytica erscheint durch die Veröffentlichung eines Videos, in dem unlautere Praktiken des derzeit suspendierten CEOs Alexander Nix aufgedeckt werden, in einem zwielichtigen Licht. Das wirft ein schlechtes Licht auf Nix und Cambridge Analytica, hilft aber bei der Diskussion um das eigentliche Thema wenig. Im vorliegenden Fall geht es um die Nutzung der Daten, und die war illegal, weil sie unrechtmässig erworben wurden. Dass die Daten im US-Wahlkampf für Trump zum Einsatz kamen, kann man gut oder schlecht finden, aber bei dieser Diskussion darf man nicht vergessen, dass 2012 bei der Wiederwahl Obamas ein ähnliches Prinzip angewandt wurden - wenngleich die damals genutzten Daten ohne jeden Zweifel sauber erhoben wurden. Die mächtige Maschinerie Facebook gab es also schon damals.

Darüber hinaus scheint es ein falsches Verständnis der Medienwirkung zu geben, denn die oft formulierte Allmacht der Medien gibt es in dieser Form nicht. Medien wirken, aber sie wirken nur dann, wenn sie auf einen Nährboden treffen, auf eine empfängliche Gruppe. Werbung kann aus Schwarz nicht Weiß machen und aus einem Gegner Trumps keinen Sympathisanten. Gezieltes Targeting politischer Werbung erhöht, wie beim klassischen Marketing auch, lediglich die Wahrscheinlichkeit eines gewünschten Verhaltens. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Fall Facebook: Vor allem eine moralische, keine rechtliche Diskussion

Facebook ist nicht frei von Schuld. Natürlich handelte das weltweit größte Social Network nicht korrekt, als man 2016 bemerkte, dass Cambridge Analytica auf illegale Weise an die Daten gekommen ist. Gleichwohl: Selbst wenn Facebook sich stärker darum bemüht hätte, dass die Daten nicht weiterverkauft werden – am eigentlichen Problem würde das nichts ändern. Und das scheint in der aktuellen Diskussion oftmals unterzugehen. Das Geschäftsmodell von Facebook basiert auf Nutzerdaten und deren Einsatz für Werbezwecke. Dass damit kein Schindluder betrieben werden sollte, ist eigentlich klar. An dieser Stelle kommen wir aber in eine moralische Diskussion, keine juristische: Welche gesellschaftliche Verantwortung hat Facebook? Und ist sich Facebook dieser gesellschaftlichen Verantwortung auch tatsächlich bewusst?

Fehlende digitale Kompetenz

In Zeiten, in denen sich unser Leben zunehmend digital abspielt, wir unsere Informationen überwiegend digital konsumieren, ist das die viel entscheidendere Frage. Zugespitzt könnte man behaupten: Facebook hat seinen Zweck erfüllt und zielgruppengenaue Werbung ausgespielt - nur eben nicht für Produkte oder Dienstleistungen sondern politische Propaganda. Bei einer Tütensuppe oder einem VW Golf stört uns das nicht. Im politischen Kontext hingegen gehen wir auf die Barrikaden. Ja, wir sprechen sogar von Manipulation, dunkler Verführung oder Demagogie. Für mich offenbart dieser Fall deshalb ein gravierendes Problem, das in der öffentlichen Debatte fast vollkommen untergeht: Die fehlende digitale Kompetenz von uns, den Nutzern.

Datenschutz fängt beim Nutzer an

Im analogen Leben hüte ich meine intimen Geheimnisse und gebe nichts, was mir wichtig ist, an  Wildfremde. Wieso agieren wir im Digitalen leichtsinnig und naiv? Wieso denken wir nicht zwei Mal darüber nach, wie sich kostenlose Dienste tatsächlich refinanzieren? Ist es nicht an der Zeit, dass wir langsam verstehen, wie kostenlose soziale Netzwerke funktionieren und wie sie Geld verdienen? Unser Nutzerverhalten ist die Basis für personenbezogene Werbung. Adieu Streuverluste. Wenn Nutzer im Internet also ihre Daten freiwillig preisgeben, dann sollten sie das bewusst tun. Die Verwendung solcher Daten ist rechtlich keineswegs illegal - und erst recht nicht neu. Die Aufregung darüber wirkt künstlich und schürt weiter die Angst vor dem Digitalen. Diese lähmt uns und verhindert, dass wir uns konstruktiv und zukunftsorientiert mit Innovationen und digitaler Kommunikation beschäftigen, die Möglichkeiten verstehen und neue Szenarien kreieren, in denen deutsche Maßstäbe international führend sind. 

Lasst uns Facebook und auch Cambridge Analytica kritisieren. Laut und deutlich. Aber lasst uns nicht vom eigenen Problem ablenken: uns selbst. Es ist längst überfällig, dass wir in Schulen, aber auch an Arbeitsplätzen Digitalisierung und verantwortungsvolles Handeln im digitalen Raum lehren und lernen. Was muss noch passieren, damit wir hier aktiv werden und uns unserer Verantwortung bewusst werden?

Panos Meyer ist Mitglied der Geschäftsleitung der Digitalagentur Cellular in Hamburg. Davor war er unter anderem für Twitter tätig und gründete die Social-Reise-App Flying.

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