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Ar Spinnen Alle Tiere 2
Foto: AR Spinnen
Apps Amazon Apple

Der AR-Spinner

Warnung: Wer unter einer Spinnenphobie leidet, sollte besser nicht weiterscrollen. Wobei: Joachim Mertens Tierchen sind nicht real - und gerade deshalb Apples Lieblinge im App Store.

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Langsam krabbelt die Spinne das Sofa hoch, direkt auf das Bein meiner Frau zu. Kurz weicht sie noch einmal zurück, dann bringt sie sich in Lauerstellung – bevor sie angreift.

Gottseidank nur virtuell. Die Spinne ist nicht echt, sondern einer der Protagonisten der neuen App „AR Spinnen“ in Apples App Store. Ein 3D-Modell, zum virtuellen Leben erweckt von ARKit 1.5, der neuesten Version von Apples Augmented-Reality-Software. ARKit ist die weltweit größte AR-Plattform für die erweiterte Realität. Und Apple trommelt bei Entwicklern fleißig dafür: „Entwickeln Sie unvergleichliche Augmented-Reality-Erlebnisse für Hunderte von Millionen von Nutzern auf iOS.“

Menschen, Tiere, Sensationen. Apple sieht in AR das große Zukunftsthema. Und auch der deutsche Entwickler der App „AR Spinnen“, Joachim Mertens aus der Nähe von Würzburg, hofft darauf, Teil dieser Zukunft zu sein: „Eines Tages von meinen Apps leben zu können, das wäre mein Traum.“ Doch seine erweiterte Realität sieht (noch) anders aus: Mertens geht von Montag bis Freitag seinem Hauptberuf nach, er programmiert im nordrhein-westfälischen Neuss in der Automotive-Branche. „Ein sicherer Job, der auch meine Familie ernährt. Das funktioniert noch nicht, wenn ich nur Apps entwickele.“ So sitzt Mertens, leidenschaftlicher als die Auftritte der deutschen Fußballnationalmannschaft, in jeder freien Minute am Computer, aktualisiert seine Apps, die bereits im App Store stehen – und entwickelt neue Anwendungen.

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  • Ar Spinnen Motiv Garten
    Foto: AR-Spinnen
  • Ar Spinnen Motiv Boden 2
    Foto: AR-Spinnen
  • Ar Spinnen Motiv Boden 3
    Foto: AR-Spinnen

Die Sache mit den Spinnen beginnt 2017. Und sie nimmt richtig Fahrt auf, als er seine erste Augmented-App-Idee löschen muss. Mertens sitzt in seinem App-Bastelkeller und erzählt: „Bei der ersten Idee wollte ich eine App schreiben, die es ermöglicht, einen virtuellen Sportwagen vor seinem Haus zu platzieren und davon Videos zu erstellen.“ Leider waren andere Entwickler schneller: „Als die App zu etwa 50 Prozent fertig war, habe ich im Store Apps entdeckt, die genau das gleiche ermöglichen.“ Mertens wollte keine Kopie anbieten: „Eine neue Idee musste her. Sie sollte dem User etwas ermöglichen, das im echten Leben nicht so einfach ist, wie eben die Sportwagen.“

Wer Erfolg haben will, muss auffallen

So entstand die Idee mit den Spinnen. Für Mertens war klar: „Finden viele nicht so toll, weil sie Angst vor Spinnen haben, aber das Thema bleibt im Kopf und es fällt auf.“ Wer Erfolg haben will, muss unter mehr als zwei Millionen Apps im Store auffallen. Mertens hatte Glück. Er entwickelte die Spinnen-App mit der Software Unity 3D, einem Tool mit angeschlossenem Shop zum Kauf von 3D-Modellen, das ursprünglich dazu gedacht war, Spiele zu entwickeln, aber auch für andere App-Arten genutzt werden kann.

Mertens erster Blick fiel auf Zombie-Modelle: „Monster ohne Unterleib, die über den Boden krochen. Das war mir zu hart.“ Also kaufte er sich zwei Spinnen, 3D-Modelle für je 30 Euro. „Natürlich hätte ich auch Spinnen für 50 Euro kriegen können, die komplett animiert sind.“ Doch er entschied sich für die günstigere Lösung und schloss sich nach Feierabend im Keller ein: „Texturen, Flächen, die komplette UI ist von mir, ergänzt um eigene Animationen.“

Ar Spinnen Entwickler Joachim Mertens
AR-Spinnen-Entwickler Joachim Mertens

Digital Life, zweigleisig. Programmieren im Hauptberuf, Programmieren im Keller, es gibt dennoch gewaltige Unterschiede: „Die Arbeit in der Automotive-Branche erfolgt immer nach der genauen Spezifikation der Auftraggeber. Fehler sind katastrophal, sie können in extrem teuren Rückrufaktionen enden. Bei der Entwicklung der Spiele-Apps kann ich alle meine eigenen Ideen umsetzen. Es umfasst dabei viele Disziplinen, nicht nur Programmieren, sondern auch Grafik-Design, Gameplay, Sound-Design, Marketing.“ Besonders wichtig für ihn: „Fehler sind kein Drama, sondern lassen sich durch Updates leicht beheben.“

Apples Lieblings-App

Mertens macht aber keine Fehler, als er die App „AR Spinnen“ programmiert. Das sieht auch Apple so: Der Konzern gibt Anschubhilfe. Über zwei Wochen wird seine App von Apple im App Store in der Kategorie „Unsere neuen Lieblings-Apps“ gefeatured.

Die App ist gratis. Die Pro-Version, die seine krabbelnde Spinnen-Community um vier weitere Prachtexemplare erweitert, ist für 99 Cent als In-App-Kauf erhältlich. Doch der Boost, den die Auszeichnung als „Apple-Lieblings-App“ in der Regel bringt, bleibt aus. Dabei werden die meisten „Lieblings-Apps“ von Apple nur eine Woche, nicht rund zwei Wochen geteasert.

Mertens ist stolz, doch der Blick in seinen Developer-Account bleibt ernüchternd. „Die App hat einen starken Start hingelegt, gleich gute Bewertungen bekommen, aber am Ende waren es nur knapp 6000 Downloads. Es ist halt kein Spiel, Games gehen nach solchen Empfehlungen durch die Decke, meine App ist eher Unterhaltung, vielleicht doch zu speziell.“

Eine gute Idee allein reicht nicht

In Zahlen: 6,8 Prozent derjenigen Nutzer, die die App geladen haben, entscheiden sich auch für den In-App-Kauf für 99 Cent. 70 Prozent der Einnahmen gehen an ihn, den Entwickler. 30 Prozent kassiert Apple. Mertens, der unzählige Stunden im Keller verbrachte, bis die Spinnen im iPhone aufs Sofa zu krabbeln begannen, sagt: „Bisher sind bei der App somit 350 Euro Einnahmen zusammengekommen. Das verdiene ich in meinem Hauptberuf etwa an zwei Tagen.“

Apple berichtet auf jeder Keynote, dass Millionen Dollar an Entwickler geflossen sind. Wie klingt das für ihn? „Um kommerziell erfolgreich zu sein, reicht eine gute App allein nicht mehr aus. Man braucht etwas völlig Neues oder technisch Überragendes und das Glück, dass jemand mit großer Reichweite diese App entdeckt und publik macht. Oder eine durchschnittliche App, aber dafür eine Menge Erfahrung, was PR angeht, und viel Geld für Werbung.“

Es gebe Ausnahmen wie Flappy Bird, aber: „So was kann man nicht planen. Den größten Teil des Kuchens bekommen die großen Spielefirmen ab, die viel Geld für PR ausgeben können. Gucken Sie in die Charts im App Store. Die Top Ten werden von großen Firmen wie Ketchapp und Voodoo dominiert. Die investieren täglich Tausende Euro für Werbung, zum Beispiel auf Instagram. Dagegen kommt man als Einzel-Entwickler nicht an.“

Ar Spinnen Alle Tiere

Auch sei es schwierig, in der deutschen Blogger-Szene im Bereich der App- und Apple-Newssites Beachtung zu finden: „Du sendest dein Presse-Kit dorthin, Minuten später kommt zurück: Wir berichten gerne, aber nur für 100 Euro.“ Auch 200 bis 300 Euro seien inzwischen übliche Forderungen für Reviews. Mertens winkt ab: „Das Geld spiele ich nie mit Downloads wieder ein, also lasse ich es.“

Ein weiteres Problem sei, dass „die Leute heutzutage alles umsonst haben wollen“. Was bliebe ihm also übrig? „Meine App komplett gratis anzubieten, mit ständigen Werbebannern.“ Für ihn trotz schmaler Einnahmen keine Option: „Banner zerstören das Design.“ Das ist ihm als Entwickler heilig.

Realität und erweiterte Realität. Mertens wird auch in den nächsten Monaten wieder in seinem App-Bastel-Keller sitzen, vielleicht neue Spinnen für 30 Euro das Stück ordern. Und weitere neue Apps auf den Weg bringen. Eines Tages wird es klappen, sicher auch mit mehr als 350 Euro Einnahmen: „Eine Pizza kostet sechs Euro“, sinniert er, „die ist in zehn Minuten weggegessen. Und über die sechs Euro beschwert sich doch auch keiner."

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