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Roboter sollen Chirurgen bei der Arbeit unterstützen (Foto: Stock Adobe.com)
Digitalisierung Medizin KI

"Daten können Leben retten": Was die Digitalisierung für die Zukunft der Medizin bedeutet

Wer medizinische Hilfe braucht, ruft eine App auf und im OP-Saal sind Roboter am Werk. Im Interview spricht Erwin Böttinger, Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und Herausgeber des Buchs "Die Zukunft der Medizin", über den Nutzen von künstlicher Intelligenz in der Medizin.

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LEAD: Wie gravierend wird sich die Digitalisierung in den kommenden Jahren auf das Gesundheitswesen auswirken?

Erwin Böttinger: Die Digitalisierung spielt schon jetzt eine große Rolle und das wird sich in den nächsten fünf Jahren noch steigern. Entscheidend ist hier insbesondere die anstehende Einführung von elektronischen Patientenakten mit computerlesbaren Daten, die für künstliche Intelligenz und Algorithmen verfügbar gemacht werden sollen. Anhand dieser Daten kann man viel besser präventiv vorhersagen, wie der Verlauf einer Krankheit am besten gemanaged werden oder wie man bestimmte Krankheiten sogar vermeiden kann.

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Prof. Erwin Böttinger ist Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam und Herausgeber des Buchs „Die Zukunft der Medizin“. (HPI/ Kai Herschelmann)

LEAD: In welchem Bereich wird die Digitalisierung die größte Rolle spielen? Prävention, Diagnose oder Therapie?

Erwin Böttinger: Perspektivisch wird die Digitalisierung all diese Bereiche betreffen, aber nicht zum gleichen Umfang und zur gleichen Zeit. Im Bereich der Diagnose ist die Technologie ziemlich vorangeschritten, wie man an Apps wie ADA Health sehen kann, die erkennen, ob Symptome für bestimmte Erkrankungen vorliegen.

Wer sich nicht wohlfühlt, gibt seine Grunddaten ein und ein Chatbot stellt dann Fragen zum Befinden. Die Daten werden dann dahingehend analysiert und ausgewertet, was die wahrscheinlichste Ursache ist. Dazu bekommen Sie eine Einschätzung, ob es ein Notfall ist, ob es ratsam ist, zum Arzt zu gehen oder erst einmal abzuwarten, um zu sehen, wie sich die Probleme entwickeln. Apps dieser Art werden sicher eine große Rolle spielen.

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LEAD: Wie sieht es bei der Prävention aus?

Erwin Böttinger: Bei der Prävention befinden wir uns häufig im Bereich Fitness und Wellness. Dabei werden Daten über Sensoren erhoben und sollen uns Aufschluss darüber geben, inwieweit wir unser Gesundheitsverhalten optimieren können. Das wird bereits zunehmend eingesetzt und geht bis hin zum Vermeiden von Diabetes und anderen Erkrankungen.

LEAD: Manche Menschen tragen schon heute Wearables wie Smartwatches, die ständig Vitalfunktionen wie Herzschlag, Körpertemperatur oder Puls überprüfen. Werden in Zukunft viel mehr Menschen solche Wearables tragen, um schnellstmöglich auf eventuelle Erkrankungen hingewiesen zu werden?

Erwin Böttinger: Definitiv werden diese Daten in Zukunft immer mehr erhoben werden. Die Frage ist nur, ob das in zehn Jahren noch über Wearables passieren wird oder, zumindest in einigen Bereichen, über implantierte Mikrochips. Herzschrittmacher zum Beispiel sind ja auch implantiert, sammeln Daten zum Herzschlag und werden aktiviert, wenn Pausen oder Herzrhythmusstörungen auftreten.

Implantierte Defibrillatoren funktionieren auch so. Man könnte diese etablierten Ansätze ausweiten, um ein Monitoring zur Früherkennung von Störungen und deren Prävention zu ermöglichen.

LEAD: Die großen Tech-Konzerne wie Google, Microsoft oder Apple, die alle auf den Umgang mit Daten, deren Verwaltung und Auswertung spezialisiert sind, haben das Gesundheitswesen längst als wichtigen Markt entdeckt und eigene Teams oder Firmen gegründet. Wie wichtig sind diese Daten denn für den Fortschritt der Medizin?

Erwin Böttinger: Je mehr Daten verfügbar sind und je besser deren Qualität ist, desto besser kann man Situationen einschätzen und desto genauer kann man maßgeschneiderte Lösungen anbieten. Daten können Krankheiten verhindern. Daten können dazu führen, besser mit Krankheiten umzugehen und Daten können Leben retten. Natürlich gibt es im Umgang mit Daten immer Risiken und man muss die größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen umsetzen. Aber es gilt: Je mehr Daten, desto besser.

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"Daten können Krankheiten verhindern. Daten können dazu führen, besser mit Krankheiten umzugehen und Daten können Leben retten." Erwin Böttinger

LEAD: Wie werden diese Daten erhoben?

Erwin Böttinger: Zunächst über die konventionelleren Ansätze wie elektronische Patientenakten. Elektronische Daten werden in klinischen Informationssystemen ausgetauscht und Algorithmen und künstlicher Intelligenz zugänglich gemacht. Perspektivisch betrachtet werden in fünf bis zehn Jahren aber auch Daten, die dem Monitoring zuzuordnen sind und beispielsweise über Sensoren oder die eben genannten Wearables erhoben werden, weit verbreitet in der Medizin zum Einsatz kommen.

LEAD: Inwieweit werden bereits digitale Therapien eingesetzt?

Erwin Böttinger: Da befinden wir uns noch sehr am Anfang, wobei hier die Neuropsychiatrie ein Anwendungsgebiet ist. Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, die anzeigen, welche molekularen Signalprozesse bei bestimmten Erkrankungen gestört sind. Durch gezielte Spiele und Apps kann man einen Input vermitteln, der genau diese Signalprozesse ebenso aktivieren kann wie Medikamente.

LEAD: Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will vor allem auch die Telemedizin voranbringen. Werden in Zukunft immer mehr Ärzte diese Art von Sprechstunden anbieten?

Erwin Böttinger: Ich hoffe doch! Das ist natürlich eine Form der Konsultation und Interaktion zwischen Patient und Arzt, die für bestimmte Anwendungen ideal geeignet ist. Es geht ja nicht darum, einen Knochenbruch nach einem Fahrradsturz zu behandeln, aber um Check-ups, Nachsorgetermine oder erste Kontakte, wenn man einen Rat einholen möchte. Das alles ist über Telemedizin sehr wohl abbildbar und wird sich in Zukunft noch viel weiter etablieren.

LEAD: In welchen Bereichen sehen Sie die größten Möglichkeiten für den Einsatz von Robotern?

Erwin Böttinger: Robotik ist wie 3D-Printing auch ein wichtiger Ansatzpunkt für Digitalisierung im Gesundheitswesen. Insbesondere in der Pflege im Umgang mit Patienten und Patientinnen, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind und in ihrer Fähigkeit, den täglichen Haushalt zu managen. Ich sehe aber auch große Möglichkeiten in der Chirurgie, wo trainierte Roboter bestimmte Eingriffe ausführen und damit Chirurgen entlasten können.

LEAD: Was die Digitalisierung des Gesundheitswesens betrifft, schneidet Deutschland im internationalen Vergleich schlecht ab. Wie sind die Chancen, dass sich das bald ändert?

Erwin Böttinger: Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung liegt Deutschland unter 17 Ländern gemeinsam mit Polen auf dem vorletzten Platz und ist in allen Bereichen weit abgeschlagen. Die Initiative, die jetzt durch das Bundesministerium für Gesundheit mit Jens Spahn und seinem Team auf den Weg gebracht wurde, ist ein wichtiger und essenzieller Schritt in die richtige Richtung.

Inwieweit wir mit der elektronischen Patientenakte, Datenaustausch und Apps auf Rezept wesentliche Fortschritte bewirken und Anschluss finden können, muss sich zeigen. Dabei müssen wir uns auch klar vor Augen führen, dass wir auch die nächsten Schritte vorausdenken müssen und nie wieder zum Stillstand kommen dürfen, wie das jetzt über Jahrzehnte in Deutschland der Fall war.

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