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Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Foto: mercedesbenzstadium.com)
WM 2018 Fußball Technik

Das Fußballstadion von morgen

360-Grad-Videoleinwände, vibrierende Sitze, vernetzte Bälle und Bratwurstdrohnen - die Digitalisierung designt die Sportarenen der Zukunft.

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Die Fußball-WM in Russland läuft auf Hochtouren – in zwölf Stadien, die bis zu einer Milliarde Euro gekostet haben. Diesen Rekord hält das Krestowski-Stadion in St. Petersburg, durch dessen Dach es trotz der explodierten Baukosten regnet. Die Stadtverwaltung macht das Picken von Kormoranen für die Lecks verantwortlich. Die Erklärung ist hübsch, aber wenig plausibel. Denn die einzigen Kormorane weit und breit leben im Zoo von St. Petersburg. Und insgesamt sind die WM-Stadien in Russland zwar beeindruckend – zeigen aber längst nicht die Zukunft des Stadionbaus, zumal der Bauindustrie des Gastgebers die Materialien fehlen, um hochmoderne stählerne Seil- und Membrankonstruktionen zu errichten.

Deshalb, erklärt der renommierte Stadionarchitekt Volkwin Marg auf sportbuzzer.de, „erscheinen die WM-Stadien meist nicht leicht und filigran, sondern wuchtig und schwer“. Die faszinierende Zukunft von Sportstadien, vor allem im Fußball, ist nicht in Russland zu bestaunen – sondern in England, in den USA und in vier Jahren bei der WM 2022 in Katar. Mehr Spektakel, mehr Multimedia, mehr Luxus und noch kühnere Architektur: Die Aussichten sind atemberaubend. Und die Arenen, die in Deutschland zur Weltmeisterschaft 2006 gebaut wurden, wirken im Vergleich beinahe schon wieder altbacken. LEAD verrät, wie das Fußballstadion von morgen aussieht und funktioniert. Motto der Bauherren in London, Atlanta oder Katar: Wir revolutionieren die Art, wie Fans Livesport erleben.

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Noch mehr Spektakel

Die größte Konkurrenz für die Betreiber der neuen Superstadien sind nicht andere Klubs – sondern die 4K- (und bald 8K)-Fernseher, die weltweit in den Wohnzimmern der Fans stehen. Bilder beinahe wie echt – lohnt sich da ein Stadionbesuch überhaupt noch? Er kann sich lohnen, glaubt Christopher Lee vom Architekturbüro Populous aus Kansas City, das das revolutionäre neue Stadion des Londoner Premier-League-Klubs Tottenham Hotspur entworfen hat. „Es wird das technisch fortschrittlichste Stadion der Welt sein“, verspricht Lee im Guardian, „denn es muss die Leute dazu bringen, vom Sofa aufzustehen und ihren 50-Zoll-Fernseher auszuschalten“.

Das Spektakel im teuersten Stadion Europas, dessen Baukosten auf eine Milliarde Pfund (1,14 Milliarden Euro) gestiegen sind, soll gewaltig werden. Tottenham kündigt nach der geplanten Eröffnung im Herbst 2018 die beeindruckendste Atmosphäre im europäischen Fußball an. Fans, die 19.000 Pfund (21.600 Euro) für zwei Saison-Dauerkarten im exklusiven „Tunnel Club“ bezahlen, können die Fußballer beobachten, wie sie sich in einem gläsernen Tunnel auf das Spiel vorbereiten. Laut Tottenham gibt es nur noch eine Möglichkeit, näher an die Superstars heranzukommen: „Die Fußballschuhe anziehen, und selbst mitspielen.“

Der Klang der größten Tribüne für 17.000 Fans – insgesamt passen 61.000 in das Stadion – wurde von Akustik-Experten geplant wie in einem Opernhaus. Sie sollen für eine Soundwand sorgen, die selbst die legendäre Tribüne „The Kop“ an der Anfield Road des FC Liverpool übertrifft. Fans der Spurs können während der Spiele auf einem „Sky Walk“ von oben aufs Feld schauen, oder nach den Partien die höchste Indoor-Kletterwand der Welt nutzen.

  • 8 Tottenham Hotspur Stadium
    Das Tottenham Hotspur Stadium (Fotos: Tottenham Hotspur F.C.)
  • 7 Tottenham Hotspur Stadium
    Das Tottenham Hotspur Stadium (Fotos: Tottenham Hotspur F.C.)

Noch mehr Technik

Der FC Bayern hat in der Allianz Arena vor einem Jahr die beiden größten Videowände Europas installieren lassen, mit jeweils 200 Quadratmetern Fläche. Doch mit den technischen Möglichkeiten in einem völlig neu erbauten Stadion kann diese Nachrüstung nicht mithalten. Im brandneuen und 1,6 Milliarden Dollar (1,37 Milliarden Euro) teuren Mercedes-Benz Stadium in Atlanta, in dem die Atlanta Falcons Football spielen und Atlanta United Fußball, ging vor einem Jahr die erste 360-Grad-Videowand der Welt in Betrieb, die sich um die komplette Spielfläche zieht. Auf dem sechsstöckigen und 335 Meter langen hochauflösenden Display lassen sich beispielsweise Wiederholungen von jedem der 74.000 Plätze perfekt sehen. Dazu kommt ein zweiter Videoring mit 3D-Technik. „Wir wollten ein Erlebnis schaffen, das es zu Hause nicht gibt“, erklärt Bill Johnson vom Architekturbüro HOK, „und ich glaube, das haben wir hinbekommen“.

  • 1 Mercedes Benz
    Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Fotos: mercedesbenzstadium.com)
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    Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Fotos: mercedesbenzstadium.com)
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    Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Fotos: mercedesbenzstadium.com)
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    Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Fotos: mercedesbenzstadium.com)
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    Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Fotos: mercedesbenzstadium.com)
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    Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta (Fotos: mercedesbenzstadium.com)

Sein Firmenkollege John Rhodes ergänzt: „Früher ging es in Stadien um die schiere Größe. Heute will jeder die echte und die virtuelle Welt kombinieren, um die Fans näher an die Spieler heranzubringen.“ Die Pläne hierfür klingen derzeit noch nach Science-Fiction, sind aber schon in wenigen Jahren realistisch. Mikrofone unter dem Rasen sollen jedes Geräusch, jeden Schritt und jede Grätsche, vom Spielfeld auf die Headsets der Fans übertragen. Bei Toren vibrieren die Sitze. Federleichte VR-Brillen blenden Details zu jedem Spieler ein, bis hin zum aktuellen Puls und zur Laufgeschwindigkeit. Die Daten stammen von smarten Trikots, die die Sportler tragen, und vom vernetzten Ball, der übers Spielfeld rollt. Ebenfalls auf den Brillen zu sehen: Das Spiel aus jeder nur denkbaren Kameraperspektive. Jeff Marsilio, der Medienverantwortliche der Basketball-Liga NBA, kann sich sogar Effekte wie im Videospiel „NBA Jam“ vorstellen: „Wer die Spieler mit riesigen Comic-Köpfen sehen will, kann das tun. Mit dieser Technik geht alles.“

Drohnen sollen im Stadion von morgen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen – und das Bier und die Bratwurst direkt zu den Plätzen der Fans fliegen, die ihre Bestellung per Smartphone aufgeben. Das Handy spielt ohnehin eine zentrale Rolle. Im Levi’s Stadium in Santa Clara/Kalifornien sind schon jetzt alle zehn Meter Ortungssensoren (Beacons) eingebaut, die den genauen Aufenthaltsort eines jeden Fans ermitteln. Sie weisen den exakten Weg zum Platz – und schlagen Alarm, wenn ein Zuschauer loslaufen muss, um nach einer Pause noch rechtzeitig seinen Sitz zu erreichen.

Die Social-Media-WM auf LEAD

Worüber spricht das Netz während der WM? Täglich fasst LEAD in der morgendlichen Social-Media-Kolumne für dich die lustigsten und bewegendsten Highlights des vorangegangenen WM-Tages zusammen - inklusive dem Song des Tages. Hier geht es zu allen bisherigen Folgen des Morgen-Netzers.

Im komplett vernetzten – und damit auch komplett überwachten und Hooligan-freien – Multimedia-Stadion der Zukunft muss gar nicht mehr „live“ Fußball gespielt werden. Holographische Animationen bringen die Spieler von jedem Platz der Welt täuschend echt an jeden anderen Ort. Dass 75.000 Fans in einem neuen Münchner Stadion zusammenkommen, um ein Spiel des FC Bayern in Peking zu sehen – in 20, 30 Jahren kann es so weit sein. Ob echte oder virtuelle Fußballer auf dem Rasen stehen, ist dann beinahe egal, meint Stadion-Architekt Christopher Lee von der Firma Populous: „Hauptsache ist doch, dass die Menschen für ein gemeinsames Erlebnis zusammenkommen.“ Im neuen Tottenham-Stadion sind zumindest schon mal die Voraussetzungen geschaffen, dass den Smartphones nicht der Strom ausgeht: Die Sitze sind beheizt und bieten USB-Anschlüsse.

Noch mehr Luxus

Was zahlungskräftigen Fans im Tottenham Hotspur Stadium geboten wird, klingt nach sündteurem Wellness-Hotel – ist aber tatsächlich ein Sportevent. Rund ums Spiel können die Gäste Bier aus einer eigenen Stadionbrauerei trinken, Käse aus der Stadionkäserei essen, oder in einem Restaurant auf Sterne-Niveau speisen. Im „H Club“, in dem die Mitgliedschaft für zwei Personen pro Saison 30.000 Pfund (34.000 Euro) kostet, lagern die allerreichsten Spurs-Fans ihren eigenen Wein, Cognac oder Likör in klimatisierten Schränken. Das kühle Stadionbier aus der Schalker Veltins-Arena wird für den Edel-Fußballfan von morgen nicht mehr genügen, denn das kann er auch zu Hause vor dem 8K-Fernseher trinken.

Noch mehr Flexibilität

Künftig gibt es keine reinen Fußballstadien mehr – sondern „Hyperconnected Transformer Stadiums“, wie es die Website Bleacher Report nennt. „Niemand baut mehr eine Arena nur für Fußball“, erklärt der englische Stadionplaner James Keen, „jeder schaut auch nach anderen Nutzungsmöglichkeiten“. Die Zukunft gehört extrem flexiblen Multifunktions-Arenen für verschiedenste Sportarten, für Konzerte und andere Veranstaltungen – mit Schiebedächern und mit Sitzen, die sich schnell ein- und ausbauen lassen. Vorbild ist auch hier das Tottenham Hotspur Stadium, dessen Rasen sich unter die Tribünen schieben lässt. Darunter liegt ein Kunstrasen-Platz für American Football, den die NFL in den nächsten Jahren für Spiele in England nutzen wird. Auch solch eine Konstruktion mit zwei Spielfeldern untereinander gab es weltweit noch nie. Ein Hotel mit 180 Zimmern – und perfekter Sicht auf den Platz – bietet die neue Arena in London ebenfalls.

Noch kühnere Architektur

  • 9 Lusail Iconic Stadium
    Das Lusail Iconic Stadium für die Katar-WM 2018 (Foto: Foster + Partners)
  • 10 Al Rayyan Stadium
    Das Al Rayyan Stadium für die Katar-WM 2018 (Foto: Pattern Architects)
  • 11 Doha Port Stadium
    Das Doha Port Stadium für die Katar-WM 2018 (Foto: Albert Speer & Partner)
  • 12 Al Wakrah Stadium
    Das Al Wakrah Stadium für die Katar-WM 2018 (Foto: Zaha Hadid Architects)
  • 13 Al Thumama Stadium
    Das Al Thumama Stadium für die Katar-WM 2018 (Foto: Arab Engineering Bureau)
  • 14 Al Bayt Stadium
    Das Al Bayt Stadium für die Katar-WM 2018 (Foto: Albert Speer & Partner)
  • 15 Al Bayt Stadium
    Das Al Bayt Stadium für die Katar-WM 2018 (Foto: Albert Speer & Partner)

Die Allianz Arena des FC Bayern mit ihrer LED-Fassade, die die Farben wechselt, war der Vorreiter für die hochmoderne Stadion-Architektur der Zukunft. Und es lässt sich viel gegen die WM 2022 in Katar sagen – doch das Scheichtum wird die Fußballfans in den spektakulärsten und schönsten Stadien aller Zeiten empfangen. Das Al Bayt Stadium sieht aus wie ein riesiges Wüstenzelt, und das Al Rayyan Stadium wie eine gewaltige Sanddüne mit Multimedia-Fassade. Das Al Wakrah Stadium der 2016 verstorbenen Star-Architektin Zaha Hadid soll an die Boote von Perlenfischern erinnern – trotz der Spötter, die eher an ein weibliches Geschlechtsorgan denken. Das Al Thumama Stadium ist von der Kufi inspiriert, der traditionellen Kopfbedeckung arabischer Männer. Und das Doha Port Stadium ist die erste Fußballarena der Welt, die komplett von Wasser umgeben ist.

Doch nicht nur die Scheichs liefern grandiose Architektur. Auch das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta bietet eine 16-stöckige Glasfassade, ein „Fenster zur Stadt“, mit prächtigem Blick auf die Südstaaten-Metropole. Schöne neue Stadion-Welt? Traumhafte Aussichten für Sportfans? Mag sein. Doch Architekten-Legende Jacques Herzog, der mit seinem Büro Herzog & de Meuron die Allianz Arena entworfen hat, bleibt skeptisch: „Das ist mir alles zu künstlich. Das kommt mir vor, wie wenn ich mit meinem Sohn auf der PlayStation FIFA spiele. Wenn du Kunstrasen hast, und wenn ein Dach Regen und Schnee draußen hält, wird das eine virtuelle Angelegenheit.“ Jacques Herzogs Mindestanforderung für die Arenen von morgen: „Ein Stadion muss nach Rasen riechen.“ Und er denkt dabei nicht an die Beduftungsanlagen, die künftig den Geruch von Gras im gesamten Stadion verteilen sollen.

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