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Trendmodell Crowdworking: In Deutschland erledigen immer mehr Menschen einfache, zeitlich eng umrissene Aufgaben, an die sie über Online-Plattformen kommen (Bild: iStockphoto)
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Crowdworking: Ausbeutung oder Win-Win-Strategie?

In Deutschland gibt es einen Trend, der die Art des Arbeitens nachhaltig verändern könnte: Immer mehr Menschen erledigen als Crowdworker oft einfache, zeitlich eng umrissene Aufgaben, an die sie über Online-Plattformen kommen. Leicht verdientes Geld, könnte man meinen. Und ein Arbeitsmodell, das vor allem Gewerkschaften kritisieren.

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Wer Arbeit sucht, hatte es noch nie so leicht wie heute. Im Internet findet man hunderte Portale, die voll mit Angeboten sind. Seit 2005 betreibt Amazon die Crowdsourcing-Website Mechanical Turk, bei der Menschen sich für Cent-Beträge zum Beispiel durch Hunderte von Fotos klicken, um darauf bestimmte Objekte zu erkennen. Computerarbeit quasi, die der Computer nicht allein machen kann. Crowd Guru funktioniert ganz ähnlich, bei Uber kann man sich ein Fahrzeug samt Fahrer organisieren, bei Ohlala sogar Frauen, das Essen kommt per Lieferando.

Echte Konsumenten statt professioneller Marktforscher

In Deutschland war 2013 Streetspotr eine der ersten Online-Plattformen, die solche Mikrojobs vermittelte. Spezialisiert auf Konsumenten- und Nutzer-Marktforschung greifen große Firmen wie Red Bull, Ferrero oder Samsung gerne auf die Crowd zurück, um zu erfahren, wie ihre Produkte beim Verbraucher tatsächlich ankommen und ob die Händler einhalten, was sie ihnen in puncto Beratung, Präsentation oder Werbung versprochen haben.

Laut dem Gründer Dominic Blank hat POSpulse, wie die Firma heute heißt, mit der App Streetspotr weltweit 800.000 Nutzer, von denen allein 500.000 in Deutschland und Österreich sitzen. Männer und Frauen gleich verteilt, die meisten zwischen 18 und 40 Jahre alt, "Studenten, normale Angestellte im Mittelstand, Pensionierte und Mamas, die mit ihren Kids einkaufen gehen und nebenbei einfach ein bisschen Geld verdienen."

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Streetspotr & Co. - Jede Minute zählt

Bei Streetspotr dauert ein typischer Auftrag zwischen fünf und 25 Minuten. Per App nimmt man einen Spot an, der aus einer Umfrage bestehen kann oder ein bestimmtes Produkt betrifft, dass zum Beispiel bei dm verkauft wird.

Per App checkt der Spotr in der Filiale ein, überprüft, ob das Produkt tatsächlich vorhanden ist und Werbemittel angebracht sind, macht ein Foto, lädt es hoch und füllt währenddessen einen Fragebogen aus. Um die sieben Minuten sollte das laut Blank dauern und wird mit drei bis vier Euro bezahlt. Klar, dass das Konzept nur aufgeht, wenn man schnell ist und sich das entsprechende Geschäft in der Nähe befindet.

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Per App können Nutzer verschiedene Aufträge bei Streetspotr annehmen. (Bild: Streetspotr)

Für Blank ist sein Geschäftsmodell eine klassische Win-Win-Situation: "Die Nutzer mit Markeninteresse können ein Feedback zu ihrer Einkaufserfahrung geben und verdienen dabei auch noch Geld. Und die Hersteller haben live und völlig transparent Zugriff auf Zahlen, für die sie sonst eine Agentur beauftragen und auf die sie Wochen und Monate warten müssten."

Der 32-Jährige legt Wert auf die Feststellung, dass mit Streetspotr niemand seinen kompletten Erwerb bestreite. Gerade einmal ein Prozent der Community machten sogenannte Power-User aus, die im Monat auch einmal bis zu 500 Euro verdienen könnten. Daneben gebe es aber viele, die "vielleicht fünf oder zehn Euro pro Monat mit einer oder zwei Umfragen machen."

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Dominic Blank ist Gründer der Crowd-basierte Shopper-Insights-Intelligence-Firma POSpulse. (Bild: POSpulse)

Laut dem im Oktober 2018 veröffentlichten Crowdworking Monitor des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, spielt die Plattformarbeit in Deutschland aber eine größere Rolle, als bisher angenommen. Darin heißt es, es wären derzeit rund fünf Prozent der über 18-jährigen Deutschen auf so genannten Gig-, Click- oder Crowdworking-Plattformen aktiv. Davon erzielten rund 70 Prozent auf diese Weise ein Erwerbseinkommen, meistens im Nebenverdienst.

"Allerdings arbeitet auch rund ein Drittel der Crowdworker mehr als 30 Stunden pro Woche plattformvermittelt, 24 Prozent sogar mehr als 40 Stunden pro Woche", heißt es in dem Bericht. Insgesamt 40 Prozent der aktiven Crowdworker erzielten dementsprechend Verdienste von über 1000 Euro pro Woche. Dass die Mehrzahl der Crowdworker überdurchschnittlich gebildet ist, haben bereits andere Studien belegt.

Große Konzerne suchen nach kreativem Input

Crowdworking funktioniert nicht nur bei kurzen, einfachen Aufgaben, sondern auch im Großen. 2017 suchte zum Beispiel Airbus in Zusammenarbeit mit dem kleinen Unternehmen Local Motors in einer "co-creation-Challenge" Designer, Ingenieure und Kreative, von denen sie wissen wollten, wie eine kommerziell nutzbare Drohne der Zukunft aussehen könnte.

Das Preisgeld betrug 117.000 Dollar. Auch andere Konzerne wie Adidas, Volkswagen oder die Deutsche Telekom haben schon den kreativen Input der Crowd angezapft und es ist keine Seltenheit, dass es bei Plattformen wie Jovoto für Kreative auch um große Aufträge geht.

Plattformen bieten einen einfachen Zugang zum Arbeitsmarkt

"Das Thema Crowdworking hat in der Vergangenheit dramatisch zugenommen", sagt auch Robert Fuß, der beim Vorstand der IG Metall beschäftigt ist und dort im Projekt "Crowdsourcing" arbeitet. Aus seiner Sicht haben die Mikrojobs zwar auch ihr Gutes - weil sie durch die geringe Einstiegshürde auch jenen Menschen Zugang zum Arbeitsplatz gewähren, denen dieser sonst erschwert oder ganz verwehrt wäre. Etwa, weil sie Lücken im Lebenslauf haben, länger arbeitslos waren oder zu den Standardarbeitszeiten Angehörige betreuen müssen.

Die Bezahlung ist der Dreh- und Angelpunkt

Das Hauptaugenmerk des Gewerkschafters gilt aber der Bezahlung der Crowdworker, die gerade im Hinblick auf die soziale Absicherung "äußerst kritisch" sei. Da die meisten von ihnen als Solo-Selbstständige arbeiteten, müssten sie auch selbst für ihre Kranken- und Rentenversicherung sorgen.

"Untersuchungen des Bundesarbeitsministeriums haben gezeigt, dass von den 2,3 Millionen Solo-Selbständigen in Deutschland mehr als die Hälfte gar keine Altersvorsorge hat. Da rollt eine Welle von gut einer Million Menschen auf uns zu, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden", mahnt der Gewerkschafter. Um dieses Problem zu lösen, plädiert die IG Metall nicht nur für faire Bezahlung, sondern auch für die Einführung einer Rentenversicherungspflicht. In die sollten laut Fuß dann auch die Plattformen einen entsprechenden Teil einzahlen.

Ein paar Plattformen gehen mit positivem Beispiel voran

Immerhin gibt es mittlerweile den Code of Conduct – eine Leitlinie mit zehn Kriterien von fairer Honorierung bis zur Seriosität der angebotenen Aufgaben, die flexibel erledigt werden können müssen. Bislang haben sich neun Plattformen freiwillig zu den Grundsätzen bekannt, die im Juli 2015 von den Anbietern Streespotr, Testbirds und Clickworker sowie vom Deutschen Crowdsourcing Verband entwickelt wurden.

In der aktuellen Fassung bekennen sich die Plattformen dazu, sich bei der Bezahlung an lokalen Lohnstandards zu orientieren. Für Fuß ist das ein wichtiges politisches Signal: "Diese Plattformen sagen: Dumping ist nicht unser Geschäftsmodell." Zudem gibt es mit der Ombudsstelle seit 2017 eine neutrale Instanz, die mit Vertretern der Plattformen, des Crowdsourcingverbands, der Crowdworker selbst und der IG Metall besetzt ist und an die man Beschwerden richten kann.

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