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Start-up Interview Engagement

Cirplus: Das Amazon für Plastikmüll

Das Start-up Cirplus versucht, Kunststoffverarbeiter und Entsorgungsfirmen zusammenzubringen, sodass Kunststoffabfälle zu hochwertigen Rezyklaten verarbeitet werden können. Der Gründer Christian Schiller hat eine digitale Plattform geschaffen und will sich mit seinem Team der Klimakrise entgegenstellen.

Christian Schiller hat das Start-up Cirplus gegründet. Die Firma versucht, Kunststoffverarbeiter und Entsorgungsfirmen zusammenzubringen, sodass Kunststoffabfälle recycelt werden (Bild: Cirplus / Christian Schiller)
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Die Klimakrise ist auch eine Chance: Für Start-ups, die sich der Krise entgegenstellen und neue Lösungen suchen. Cirplus ist eines von ihnen. Die junge Firma versucht, Kunststoffverarbeiter und Entsorgungsfirmen zusammenzubringen, sodass Kunststoffabfälle zu hochwertigen Rezyklaten verarbeitet werden können. Damit soll der Plastikkreislauf geschlossen werden. Gründer Christian Schiller hat dafür mit seinem Team eine digitale Plattform geschaffen, quasi ein Amazon für Plastikmüll.

LEAD: Christian, was hat dich zur Gründung von cirplus bewogen?

Christian Schiller: Ich war von Juli 2017 bis Juli 2018 auf Weltreise. Es war wahnsinnig toll, aber es gab auch einen Schlüsselmoment, der mich zum Umdenken gebracht hat. Auf einer Segeltour zwischen Kolumbien und Panama haben wir einen circa 30 Meter breiten und kilometer-langen Teppich aus Algen und Plastikmüll durchquert. Es war super eklig, hat gestunken und machte mich einfach nur fassungslos. Für mich war ab diesem Tag zum ersten Mal wirklich klar, welches Ausmaß das Problem „Plastik in der Umwelt“ mittlerweile wirklich erreicht hat und dass ich dagegen etwas tun muss.

LEAD: Wieder zu Hause hast du dich sofort an cirplus gemacht?

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Christian: Zuhause angekommen hat mich ein Bekannter auf das Investitions-Programm Entrepreneuer First aufmerksam gemacht. Hier kann man sich bewerben und passende Mitgründer für seine Unternehmensidee gewinnen. Mein Plan war es, mit unternehmerischen Mitteln der Plastikkrise zu begegnen. Die erste Idee waren Bakterien, die Plastik zersetzen. Anschließend arbeitete ich an einen smarten Mülleimer, bis ich mit Volkan Bilici den perfekten Gründungspartner für cirplus traf. Er ist Coder und seine Eltern betreiben ein PVC-Geschäft in der Türkei, sodass er von der Pike auf ein Verständnis für Plastik mitbringt. Als wir Mitte Januar 2019 unsere Idee von cirplus vorgestellt haben, waren die Investoren begeistert. Nicht zuletzt, weil auch gerade das verschärfte Verpackungsgesetz in Deutschland Kraft getreten war.

LEAD: Das Verpackungsgesetz setzt sich dafür ein, eine möglichst geringe Auswirkung von Verpackungsabfällen auf die Umwelt zu haben. Wichtigste Ziele sind dabei, die Menge an qualitativ hochwertigen Rezyklaten im Markt sowie die Recyclingquoten aller Verpackungen insgesamt zu erhöhen.Wo genau setzt ihr hier mit cirplus an?

Christian: Etwas vereinfacht dargestellt wollen wir das Amazon für recycelte Kunststoffe werden und den Graben zwischen Kunststoff-Produktion und Entsorgungsbranche schließen. Je besser uns das gelingt, desto einfacher und kostengünstiger wird der Einsatz von Rezyklaten für die gesamte Branche.

LEAD: Warum braucht es eine Verbindung?

Christian: Beide Branchen kennzeichnet eine hohe Fragmentierung und ein geringer Grad an Digitalisierung. Wir haben hier sehr viele Familienbetriebe, die oftmals noch den Internet Explorer verwenden. Dabei ist der Einkauf von Kunststoffen eine komplexe Geschäftstransaktion. Neu-Kunststoffe bieten in den Augen des Einkäufers den Vorteil niedriger Preise und konstanter Qualitäten bei langjährig bewährten Lieferantenbeziehungen. Demgegenüber ist der Einsatz von Rezyklaten anspruchsvoller und derzeit auch teurer bei den – wenig vorhandenen – guten Qualitäten. Die digitale Vernetzung hilft, Transaktionskosten zu senken, Standards zu setzen und Transparenz zu schaffen.

LEAD: Und ihr vernetzt die beiden Branchen mit cirplus?

Christian: Exakt. Wir entwickeln mit cirplus eine digitale Plattform, auf der Kunststoffverarbeiter und Entsorger als Käufer und Verkäufer auftreten können. Heißt: Der Verarbeiter gibt an, aus welchem Abfallstrom der Kunststoff kommen soll und welche Menge benötigt werden für welche Anwendung. Passende Entsorger vernetzen wir mit solchen Anfragen – und umgekehrt. So kommen beide Branchen zueinander.

LEAD: Kaufen denn die meisten Kunststoffverarbeiter neu?

Christian: Ja, die meisten kaufen Neuware ein. Denn – und das ist ein wichtiger Punkt – recycelte Kunststoffe sind in der Aufarbeitung sehr aufwendig. Sprich: Recyceltes Plastik in guter Qualität ist im Endeffekt teurer als Neuware. Darauf haben sich bisher nur ganz weniger Markenhersteller und deren Verarbeiter eingelassen. Aber: Mit dem neuen Verpackungsgesetz werden Firmen nun dazu angehalten, mehr recycelte Kunststoffe einzusetzen und die Recyclingquote ihrer Produkte zu erhöhen. Jetzt kommen beide Branchen das erste Mal ernsthaft ins Gespräch – und wir helfen dabei, dass diese Gespräche auch zum Geschäftserfolg führen.

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LEAD: Warum fällt das Augenmerk erst jetzt auf recyceltes Plastik?

Christian: Unser Müllaufkommen reduziert sich nicht, es steigt eher noch an. Wenn es aber keine Nachfrage nach den Abfällen aus der verarbeitenden Industrie gibt, dann werden diese auch nicht weiterverarbeitet, sondern landen in der Verbrennung, im Export oder der oft unsachgemäßen Deponierung. Demgegenüber haben Metall und Glas einen höheren Wert auch am Ende ihrer Nutzungsphase, Plastik hingegen war bislang fast ausschließlich Abfallprodukt. Durch das Verpackungsgesetz wird nun auch Plastikabfällen ein höherer Wert beigemessen.

LEAD: Im Moment seid ihr in einer Pilotprogramm-Phase bei cirplus. Wie funktioniert das?

Christian: Im April haben wir unseren Prototypen gelauncht und Unternehmen und Materialanfragen gematched und machen das auch weiterhin völlig kostenfrei. Mit 30 ausgewählten Unternehmen machen wir nun den nächsten Schritt: Gemeinsam mit diesen entwickeln wir die Plattform und stellen sicher, dass wir von Anfang an nur relevante Software-Feature entwickeln.

LEAD: Ihr arbeitet mit einem KI-basierten Preisalgorithmus. Was bedeutet das?

Christian: Wir streben unter anderem ein dynamisches Pricing – ähnlich wie bei Airbnb – an. Das heißt, der Kunde legt einen Mindest- sowie Höchstpreis fest und die Nachfrage entscheidet. Der Ki-basierte Preisalgorithmus passt die Preise dann an. Aber auch reverse bidding sowie Fixpreisangebote können eine Rolle spielen, je nach Marktsituation und Produkt.

LEAD: Wie groß ist denn die Nachfrage?

Christian: Bei Weitem übersteigt die Nachfrage nach recyceltem Kunststoff das Angebot. Es gibt viele Entsorger, die können den Kunststoff noch nicht in den Mengen und Qualitäten aufbereiten, wie der Markt es nachfragt. Aber sobald Entsorger merken, dass die Nachfrage konstant hoch bleibt, werden sie auch in Kapazitäten und Prozessoptimierungen investieren. Mit cirplus versuchen wir hier, einen belastbaren Überblick zu schaffen: ähnlich der klassischen Funktionen von (Rohstoff-)Börsen.

LEAD: Wie viele Anfragen habt ihr über Cirplus schon erhalten?

Christian: Es sind mehrere 10.000 Tonnen Materialanfragen aus über 16 Ländern, über alle Kunststoffarten hinweg bei uns eingegangen. Vom Granulat und Mahlgut über Ballenware und hochwertige Produktionsabfälle wird alles nachgefragt.

LEAD: Wie ist das Feedback der ersten Unternehmen?

Christian: Das Feedback ist super. In unserem Pilotprogramm arbeiten die Unternehmen quasi an der Entwicklung einer externen Software mit. Die Kunden profitieren schon heute davon, dass Käufer und Verkäufer digital zusammengebracht werden und sie so unmittelbar Einfluss auf den Entwicklungsprozess nehmen können.

LEAD: Wie stellt ihr sicher, dass auf cirplus keine schwarzen Schafe unterwegs sind?

Christian: Wir überprüfen jeden Nutzer vor der Freigabe, um unseriöse Anbieter oder Nachfrager von Anfang an von der Plattform fernzuhalten. Außerdem können sich die Unternehmen auch gegenseitig – wie bei eBay – bewerten. Für unsere eigene Glaubwürdigkeit ist es extrem wichtig, nur gute Kunden zu haben. Wir wollen ein gutes Produkt auf den Markt bringen – und deshalb starten wir auch so langsam.

LEAD: Was ist eure große Vision von cirplus?

Christian: Wir wollen den Plastikkreislauf zu 100 Prozent schließen, damit dieser Wertstoff nicht mehr in die Umwelt gelangt. Wenn es uns gelingt, die Marktteilnehmer in diesem komplexen Marktumfeld zu vernetzen, haben wir einen Riesenschritt auf dem Weg zur Verwirklichung dieser Vision erreicht. Das ist komplex und erfordert einen langen Atem. Aber ich bin mir sicher: Wenn wir es als Menschheit bereits vor 50 Jahren geschafft haben, mit schierem Willen und fortgeschrittener Technologie auf dem Mond zu landen, so muss es doch auch möglich sein, Kunststoff im Kreislauf zu halten.

LEAD: In der Retrospektive: Ist cirplus jetzt die Erfüllung eines Traumes, der auf dem Meer zwischen Kolumbien und Panama seinen Anfang fand. Christian: Eher die Bekämpfung eines Albtraumes! Wer schwimmt schon gerne im Plastikmüll? Aber insofern kann ich mir keinen sinnvolleren Einsatz meiner Arbeitszeit vorstellen, als mit allem, was mein Team und ich haben, für eine sauberere Umwelt mit den Mitteln des Entrepreneurships einzusetzen. Denn unternehmerischer Erfolg für uns ist ja gleichbedeutend mit ökologischem: je mehr recycelte Kunststoffe über cirplus gehandelt werden, desto weniger gelangt in die Umwelt oder Verbrennung und desto weniger Neuware muss produziert werden. Das ist sinnstiftende Arbeit für mich und macht wahnsinnig Spaß. Genau diese Arbeit möchte ich vorantreiben und ausbauen und wir suchen hierfür auch immer passionierte Unterstützung für unser Team.

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