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Verfolgsrepublik China
Wie die Verkehrssünder-Datei in Flensburg – nur fürs gesamte Leben. So funktioniert Chinas Social-Credit-System (Foto: 123rf.de)
Daten China LEAD 04/18

Verfolgsrepublik China

Die Apple Watch erkennt künftig bereits erste Anzeichen von Krebs, und der Sensor am Einkaufswagen im Supermarkt misst die Stimmung der Kunden. So vielversprechend (oder bedrohlich) könnte unsere Zukunft aussehen. Doch das alles ist nichts gegen die erste digitale Diktatur der Welt, die die Volksrepublik China derzeit aufbaut.

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Mit so genannten "Social Credits" will die kommunistische Regierung in Peking ab 2020 das Wohlverhalten ihrer knapp 1,4 Milliarden Bürger belohnen – und Fehlverhalten sanktionieren. Dann, so die offizielle Parole der Partei, "können sich die Vertrauenswürdigen frei unter dem Himmel bewegen, während es für die Verrufenen schwer wird, einen einzigen Schritt zu tun".

Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Schon jetzt bekommen Chinesen, die negativ aufgefallen sind, häufig keine Tickets für Zugfahrten oder Flugreisen innerhalb des Landes. Sie sollen zuhause bleiben, wo die Regierung sie effizienter überwachen kann.

Wie die Punkte in Flensburg – nur fürs gesamte Leben

Dandan
773 von 800 möglichen Punkte bei "Sesame Credit" – das sind gute Nachrichten für chinesische Bürger (Foto: ABC)

Doch das Social-Credit-System namens „Sesame Credit“, das derzeit im Testbetrieb läuft, geht noch viel weiter. Nach momentanen Planungen startet jeder Bürger mit 800 bis 900 Punkten. Der aktuelle Stand lässt sich immer live in Echtzeit per App verfolgen – eine Art Flensburger Verkehrssünder-Datei, nur für das komplette Leben.

Die "Vermessung des Menschen" – das ist eines der Themen in Ausgabe 4 der LEAD, die ab Mittwoch am Kiosk und online zu haben ist.

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Projekt "Scharfe Augen"

Selbst die kleinste Aktion, die die Behörden im Internet, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen, beim Engagement für die Partei oder mit einer von 200 Millionen Überwachungskameras registrieren, verändert den aktuellen Score. Die Gesichtserkennung, die landesweit zum Einsatz kommt, hat dabei das Ziel, jeden der 1,4 Milliarden Bürger innerhalb von drei Sekunden zweifelsfrei zu identifizieren. "Xue Liang" heißt dieses Projekt, "scharfe Augen". Big Brother ist Chinese. Als ob es Sting bereits 1983 geahnt hätte. Every breath you take, every step you make, I'll be watching you.

China Supermarkt
Selbst beim Einkaufen im Supermarkt sind chinesische Bürger im Visier ihrer Regierung. Und je nach Einkäufen ändert sich ihr Punktestand (Foto: ABC)

ABC News beschreibt, wie das Punktesystem funktioniert: Wer im Supermarkt zu viel Alkohol kauft, erhält Abzüge, weil das für ein undiszipliniertes Leben sprechen könnte. Wer sein Geld dagegen für Putzmittel anlegt, arbeitet sich im Ranking wieder ein Stück nach oben. Denn das spricht dafür, dass ein Chinese Ordnung hält und Wert auf Sauberkeit legt.

Der digitale Pranger

Eine der am meisten gefürchteten Neuerungen der Regierung ist ein digitaler Pranger, an den Menschen gestellt werden, die Fehler begangen haben (sollen). Wer bei Rot über die Straße geht, wird in vielen chinesischen Städten per Kamera und Gesichtserkennung identifiziert. Das Beweisfoto erscheint dann auf großen Bildschirmen an der Straße, einschließlich Name des Sünders. In der "Verfolgsrepublik China" nennt sich diese Praxis "Naming and Shaming" ("Seinem Namen Schande machen").

China Ampel
Bei Rot über die Ampel. Ein chinesischer Verkehrssünder am digitalen Pranger (Foto: China Foto Press)

An einer einzigen Kreuzung in der Stadt Shenzen wurden in diesem Jahr bereits 14.000 Menschen auf diese Weise öffentlich bloßgestellt. Als nächsten Schritt will die Regierung die Daten der Ampelüberwachung mit den Smartphones der Bürger vernetzen. Dann werden Rotsünder zusätzlich in Echtzeit auf ihrem Handy abgemahnt – und die Geldstrafe wird direkt abgebucht.

Brave Bürger werden VIPs

Der Punktestand soll sich ab 2020 auf jeden Aspekt des persönlichen Lebens auswirken. Bürger mit ausgezeichneten Wertungen werden in Hotels und an Flughäfen als VIPs behandelt. Sie erhalten beste medizinische Betreuung und günstige Darlehen. Und sie werden bei der Suche nach Wohnungen, nach Studien- oder Arbeitsplätzen bevorzugt behandelt. Wer am Ende der Rangliste liegt, erfährt genau die gegenteiligen Konsequenzen, und hat kaum mehr Chancen, in der digitalen Diktatur voranzukommen. Zehn Millionen Menschen wurden in der Testphase des Systems bereits für mangelndes Wohlverhalten sanktioniert.

Selbst in chinesischen Flirt-Apps soll der Punktestand künftig angezeigt werden. So finden zuverlässige Top-Bürger mit hohen Punktzahlen zueinander. Kinder aus solchen Musterbeziehungen werden dann bereits bei der Vergabe von Krippen- und Schulplätzen bevorzugt behandelt.

Kaum Proteste gegen die Social Credits

Proteste gegen die Komplettüberwachung und gegen die Einordnung in ein – aus westlicher Sicht – gespenstisches Ranglistensystem gibt es kaum. Denn Privatsphäre spielt in China traditionell nur eine untergeordnete Rolle. Das Wohlergehen der Gesellschaft steht über dem Wohlergehen des Einzelnen.

Sesame Credit
Per App kann jeder chinesische Bürger in Echtzeit seinen aktuellen Punktstand verfolgen (Foto: Sesame Credit)

"Wir brauchen dieses Social-Credit-System", erklärt der Chinese Xiaojing Zhang gegenüber ABC. "Denn wir als Chinesen wollen uns gegenseitig helfen, wir wollen uns gegenseitig lieben. Und wir wollen mithelfen, dass jeder zu Wohlstand kommt." Und seine Frau Dandan ergänzt: "In jedem Land wünschen sich die Bürger doch eine stabile und sichere Gesellschaft. Wenn an jeder Ecke Kameras installiert sind, fühle ich mich sicher." Kein Wunder, dass beide im Ranking ganz weit oben stehen. Ihrem Sohn Ruibao sichert das einen perfekten Start ins Leben als Bürger der Volksrepublik China.

Auch US-Talker Stephen Colbert macht sich seine Gedanken über die digitale Diktatur, die China derzeit aufbaut

Die neue LEAD ist da! Ab morgen am Kiosk oder ab sofort online bestellen.

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