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Chat Over Imap
Chatten per Mail – die Neuerung aus Deutschland hat das Potenzial, WhatsApp gefährlich zu werden (Foto: 123rf.de)
WhatsApp Messenger Social Media

Chatten per Mail: Der deutsche Angriff auf WhatsApp

WhatsApp verbindet die Welt. 1,5 Milliarden Menschen nutzen den Messenger aus dem Facebook-Konzern, allen Datenschutzbedenken zum Trotz. Denn echte und schlagkräftige Konkurrenz gibt es nicht. Das deutsche Unternehmen Open-Xchange will nun eine Alternative zu WhatsApp schaffen – quelloffen, komfortabel und ohne das Ausforschen seiner Nutzer. LEAD erklärt, was dahintersteckt.

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Das ist COI

Das Kürzel steht für "Chat over IMAP" – also für das Chatten über die IMAP-Server, über die der weltweite E-Mail-Verkehr läuft. Rund 76 Prozent dieser Server nutzen die Software Dovecot der Kölner Firma Open-Xchange, die mit ihrem Softwarepaket "OX App Suite" außerdem eine Open-Source-Alternative zu den Büroprogrammen von Microsoft und Google anbietet.

Bei Mailservern ist das 1996 gegründete Unternehmen mit seinen 270 Mitarbeitern weltweit führend. Seine Software kommt auch in Deutschland bei fast allen großen Anbietern zum Einsatz, von 1&1 bis zur Telekom. Daraus entstand vor einigen Jahren eine Idee, die Firmengründer und CEO Rafael Laguna so beschreibt: "Warum sollen Mailserver nur E-Mails verschicken – und nicht auch Nachrichten und Chats?"

Rafael Laguna
Mutter Deutsche, Vater Spanier – und leidenschaftlicher Open-Source-Verfechter: Rafael Laguna rüttelt am Monopol von WhatsApp (Foto: Open-Xchange)

Ergebnis ist COI oder "Chat over IMAP", das den Funktionsumfang von IMAP-Servern so erweitert, dass sie künftig zur schlagkräftigen Konkurrenz für WhatsApp werden könnten. Oder, wie es auf der gerade gestarteten Webseite zu COI selbstbewusst heißt: "Entdecke, wie COI die Welt verändern wird."

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Diese Idee steckt dahinter

"Das Internet ist als quelloffenes System entstanden", erinnert Rafael Laguna, der als Open-Source-Verfechter Riesen wie Microsoft und Google seit über zwei Jahrzehnten ebenso leidenschaftlich wie erfolgreich Konkurrenz macht. "Alle Grundlagen von TCP/IP bis HTML oder eben auch IMAP standen allen Nutzern als Open Source zur Verfügung. Erst später kamen Microsoft, Google oder Facebook und haben ihre abgeschotteten Datensilos errichtet, in denen sie alles horten, was sie über ihre Nutzer erfahren."

Sein Fazit nach rund einem Vierteljahrhundert World Wide Web: "Nur offene Standards sorgen langfristig für Freiheit, Innovation und Wachstum."

Whats App Falling
Fallende Riesen: Kann Open Source einem Giganten wie WhatsApp gefährlich werden? (Foto: 123rf.de)

Laguna nennt Facebook & Co. "Hotel California", nach dem legendären Hit der Eagles. "Sie sind komfortabel, sie sind verlockend und noch dazu kostenlos. Aber wer einmal dort eingecheckt hat, kommt nie mehr heraus." Siehe die letzte Zeile des Eagles-Klassikers: "You can check out any time you like, but you can never leave!" Auch wer WhatsApp, Facebook oder Instagram verlassen will, findet kaum vergleichbare Alternativen. Und selbst wenn es sie gäbe, könnte er seine Daten nicht ohne größeren Aufwand dorthin mitnehmen.

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Das sind die Vorteile von "Chat over IMAP"

Messenger mit vergleichbaren oder sogar mit mehr Funktionen als WhatsApp gibt es durchaus, von Threema über Signal bis Telegram. Aber im Vergleich zu WhatsApp bleiben sie trotz besserem Datenschutz chancenlose Außenseiter – allein schon durch das Totschlag-Argument "Meine Freunde sind aber alle bei WhatsApp". "Die Nutzerzahl ist das Hauptargument für WhatsApp", weiß Rafael Laguna, der auch für Alternativen wie Telegram wenig übrig hat: "Das sind ebenfalls geschlossene Systeme, bei denen der Nutzer nicht sicher sein kann, was mit seinen Daten passiert. Und wer mit seinen Chatverläufen zu einem anderen Dienst wechseln will: Pech gehabt, geht leider nicht."

Chat Monopol
Schluss mit Monopol und Kontrolle – das sollen gute Nachrichten für WhatsApp-Nutzer sein (Foto: Open-Xchange)

Eine Anwendung gibt es aber, die WhatsApp in Sachen Verbreitung noch bei weitem in den Schatten stellt – die E-Mail mit ihren weltweit knapp vier Milliarden Nutzern. Mit 76 Prozent Marktanteil bei den Servern kommt Open-Xchange rein rechnerisch auf drei Milliarden Anwender – doppelt so viele wie WhatsApp. Und dieses Potenzial soll "Chat over IMAP" nutzen, um eine schlagkräftige Konkurrenz zu werden.

Das Ziel von Open-Xchange: "Nur COI kann die aktuellen Nachrichtensilos knacken und dafür sorgen, dass alle wieder auf dem gleichen Level konkurrieren." Denn sein eigenes WhatsApp kann kein Nutzer aufziehen – seinen eigenen "Chat over IMAP" dagegen schon.

So funktioniert "Chat over IMAP"

Die Kommunikation läuft zwar über IMAP-Server. Doch von diesem technischen Hintergrund sollen die Nutzer möglichst wenig mitbekommen. Es ist zwar tatsächlich möglich, die Chats zur Not auch im E-Mail–Programm zu führen – was sogar sehr nützlich sein kann, wenn irgendwo zwar Smartphone oder Rechner parat steht, aber keine App für COI.

Coi Funktionsweise
Die Grundlagen: So funktioniert "Chat over IMAP" (Foto: Open-Xchange)

Mehr Komfort und mehr Funktionen auf Smartphones, Tablets oder Rechnern sollen aber eigene Apps und Clients für "Chat over IMAP" ermöglichen, die WhatsApp ähneln können, aber nicht müssen. "Die Programme müssen sich so einfach bedienen lassen und mindestens die gleichen Funktionen wie WhatsApp bieten, sonst steigen die Nutzer nicht um", weiß Rafael Laguna.

Was auf den ersten Blick dann vielleicht wie WhatsApp aussieht, basiert im Hintergrund aber auf einer völlig anderen Technik – die ebenso wie die E-Mail keine Daten sammelt und die zudem auch noch die Möglichkeit bietet, dass der Nutzer mit seinen Chatverläufen jederzeit zu einem anderen Anbieter oder einem anderen Client wechseln kann. Auch zeitgemäße Verschlüsselung gehört bei COI zum Standard. Und alle E-Mail-Nutzer können dabei miteinander kommunizieren – völlig unabhängig vom Provider und vom Client, den sie verwenden. Ein System, so offen wie das Internet einst gedacht war.

Das ist der Plan für "Chat over IMAP"

Die grundlegende Serversoftware für COI steht. Auf der Entwicklerkonferenz FOSDEM Anfang Februar in Brüssel hat Open-Xchange das Projekt erstmals öffentlich präsentiert. Mittlerweile sind auch eine Webseite und ein Wiki online, die "Chat over IMAP" vorstellen und Entwickler bei der Arbeit unterstützen.

Coi Client
Sieht (beinahe) aus wie WhatsApp, ist aber der erste Demo-Client für COI (Foto: Open-Xchange)

Open-Xchange hat zwar selbst bereits einen ersten Client für den neuen E-Mail-Chat erstellt. "Aber wir", so Rafael Laguna, "setzen jetzt auf die Kreativität der Entwickler". In den nächsten Monaten sollen so die ersten Programme für COI auf den Markt kommen. Und in zwei Jahren? "Dann wollen wir WhatsApp bereits nennenswert Marktanteile abgenommen haben", beschreibt Chat-Revoluzzer Rafael Laguna das Ziel bei seiner "Rückbefreiung des Internets".

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