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Messe 20180615 105222 Cr Cebit
Rummel, Messe, Konferenz und Festival. Das wollte die neue Cebit sein. Foto: Deutsche Messe
Cebit Event Karsten Lohmeyer

CEBIT-Aus: Der Mut wurde nicht belohnt

LEAD-Kolumnist Karsten Lohmeyer, der die Messe jahrelang begleitet hat und auch für die CEBIT arbeitete, erinnert sich an eine ruhmvolle Vergangenheit, die Gründe für den Niedergang und einen fast grandiosen Versuch für einen Neustart.

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Die CEBIT ist Geschichte.Wenn man mich heute fragt, wann der Anfang vom Ende der CeBIT begann, dann war es ein ganz bestimmter Moment Anfang der 2000er Jahre. Es war der Moment, als die CEBIT die Spielkonsolen Playstation und Xbox von der Messe verbannte. Es war jenes Zeitfenster, als sie kampflos die Unterhaltungselektronik in Richtung der IFA in Berlin und die Mobiltelefone in Richtung Mobile World Congress in Barcelona abwandern ließen – und die CeBIT plötzlich uncool wurde.

Die CEBIT war mal cool

Dass die CEBIT einmal richtig cool war, ist heute schwer zu vermitteln. Aber als junger Technik-Journalist war die Monstermesse CEBIT Ende der 90er und Anfang der 2000er eine Offenbarung für mich – mit den coolsten Gadgets, den wichtigsten Neuheiten und den heißesten Standpartys.

Doch darauf hatte man, erfolgstrunken, irgendwann vermutlich keine Lust mehr. Wir sind eine B2B-Messe, hieß es jahrelang. Sollen die anderen sich ums Entertainment kümmern, wir machen Business, hieß es.

Aus B2B wurde H2H - nur nicht auf der CeBIT

Dass B2B längst Human to Human gewichen ist, dass die Technologie mit Smartphones und dem allgegenwärtigem Internet mitten in der Gesellschaft gelandet ist und dass eine Messe in Zeiten des Internets und Digitalisierung auch ein emotionales Happening sein muss, haben sie in Hannover leider viel zu spät erkannt. Und auch, dass Hannover eben nicht Berlin, Barcelona oder Austin ist.

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Dass ist, auch wenn ich in den vergangenen Jahren sehr gerne und eng im Auftrag der CEBIT gearbeitet habe, meine persönliche Analyse dessen, was bereits in den 2000er Jahren schiefgelaufen ist und letztendlich jetzt zur Einstellung meiner langjährigen Lieblingsmesse geführt hat.

Dass etwas schiefläuft und man dringend etwas ändern muss, haben sie in Hannover natürlich auch sehr bald erkannt. Mit vielen Maßnahmen versuchte man dem eigenen Bedeutungsverlust gegenzusteuern.

CeBIT Global Conferences – unter Wert verkauft

An dem wohl ambitioniertesten Versuch durfte ich persönlich über mehrere Jahre hinweg teilhaben – den CEBIT Global Conferences, einem Konferenzprogramm, das seinesgleichen suchte. Die beiden Konferenzmacher Nicole Nehaus-Laug und Thomas Mosch schafften es immer wieder, die angesagtesten und inspirierendsten Redner der IT-Branche nach Hannover zu locken. Und ich als Mischung aus Berichterstatter und Fanboy durfte Größen wie Steve Wozniak, Jimmy Wales und Nolan Bushnell die Hand geben und Interviews führen – kreisch!

Leider aber auch waren die Stuhlreihen selbst bei den interessantesten Rednern oft viel zu leer. Brechend volle Räume gab es nur bei absoluten Highlights wie Steve Wozniak oder der Live-Schalte zu Edward Snowden mit Glenn Greenwald vor Ort in Hannover. Immer hatte ich das Gefühl, dass die großartige Konferenz einfach unter Wert verkauft wurde.

Über das Aus wurde lange spekuliert

Dass es der Messe immer schlechter ging, war für jeden deutlich zu sehen, der die Messe langjährig begleitet hat. Dort wo es früher keinen einzigen Quadratmeter Standfläche mehr gab, standen im März nun ganze Hallen ungenutzt herum, so dass Salesforce dort mal eben die Fantastischen Vier und andere Bands in einer Halle auftreten lassen konnte. Natürlich wusste das auch die CeBIT selbst – und handelte so, wie es zuvor wohl kaum jemand erwartet hätte.

Was die Messe, nach außen hin durch den umtriebigen Pressesprecher Hartwig von Sass und Marketingchefin Daniela Stack präsentiert, im vergangenen Jahr auf die Beine stellte, wurde von vielen Branchenkennern als Selbstmord aus Angst vor dem Tod interpretiert. Für mich war es einfach nur mutig. Bold, wie man auch neudeutsch sagt.

Einfach mal alles, alles infrage stellen, die deutsche SWSX in der niedersächsischen Provinz hochziehen, aus der CEBIT die CEBIT mit Riesenrad und Konzertprogramm machen, die „SchneeBIT“ in den Juni verlegen – der Gedanke hatte schon etwas. Die Messe, auf der Disruption gepredigt wurde, disruptierte sich selbst. Respekt, liebe Kollegen, was für eine Leistung!

Die neue CEBIT machte Mut und Lust auf Mehr

Was ich dann, bezahlt und im Auftrag der CEBIT, im vergangenen Juni erleben durfte, machte mir eigentlich Mut und Lust auf Mehr. Ja, die Hallen waren recht leer. Aber ich hatte noch nie so viele Zuhörer beim Konferenz-Programm erlebt, das endlich in die Hallen zu den Menschen gewandert waren. Bei meinen Kollegen von der Messe war eine echte Aufbruchstimmung zu spüren, der Gedanke „wir schaffen das“.

Und auch als ich mich am Abend des letzten Messetages von den Kollegen verabschiedete, spürte ich diese Aufbruchstimmung und die Gewissheit bei allen Machern, etwas Großartiges geschaffen zu haben, was das Potential hatte, auch wieder richtig groß zu werden. „Wir sehen uns im nächsten Jahr“, sagten die Kollegen noch zum Abschied. Auch auf der abschließenden Pressekonferenz wurde verkündet, dass die Messe im nächsten Jahr selbstverständlich wieder stattfinden würde.

CEBIT ist nicht vor dem finanziellen Aus gefeit

Doch jetzt ist alles anders. Dieser unglaubliche Mut, die Begeisterung und das Engagement aller Messe-Mitarbeiter wurden nicht belohnt. Eine Messe ist ein Wirtschaftsbetrieb, und selbst die einstmals stolze CEBIT ist nicht vor dem finanziellen Aus gefeit. Die schicken und sexy Aussteller, die die Messe jetzt mit ihrem neuen Konzept wieder gebraucht hätte, blieben offensichtlich lieber in Barcelona, Berlin, Las Vegas und Austin und buchten offensichtlich (noch) nicht in Hannover. Und die anderen, die nach dem B2B-Massaker der 2000er geblieben waren, fremdelten mit dem neuen Konzept und jammerten – zurecht – öffentlich über zu wenige Fachbesucher.

Eine schlechte Mischung für eine Messe, die sich gerade neu erfinden wollte. Schlecht für die Auftragsbücher und den Quadratmeterverkauf. Leider lohnt es sich einfach nicht mehr, die CEBIT auch noch 2019 auszurichten. Wie traurig. Schrecklich traurig. Aber auch das ist die Disruption, wie sie seit Jahren in Hannover gepredigt wird.

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