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2021 Bildung Digitalisierung

Das digitale Klassenzimmer

Bob Blume ist Studienrat an einem Gymnasium in Baden-Württemberg. Nebenher bloggt und twittert er und hat sogar einen eigenen YouTube-Kanal. LEAD hat mit dem 35-Jährigen über die Digitalisierung von Bildung gesprochen.

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Bob Blume ist eine Anomalie - ein twitternder, bloggender Lehrer, einer der online mit Schülern debattiert und sich in sein Klassenzimmer schauen lässt. Wie geht denn so etwas? Und: Hat er keine Bedenken dabei? Da winkt Blume ab. Der 35-Jährige ist Studienrat an einem baden-württembergischen Gymnasium und findet: Die Digitalisierung ändert den Lehrerberuf, fernab von jeder Technik, Lehrerinnen und Lehrer haben quasi keine Wahl, als sich auf den Wandel einzulassen. Im Gespräch mit LEAD erklärt er, warum sie keine Profis in Sachen Digitalisierung sein müssen, aber es trotzdem nicht schadet, wenn sie sich auf sozialen Netzwerken auskennen.

LEAD: Herr Blume, ein Whiteboard und ein Beamer in jedem Klassenzimmer – ist das der sogenannte digitale Unterricht?

Bob Blume: Nein, letzten Endes ist das keine Form von digitalem Arbeiten. Es macht ja, grob gesagt, keinen Unterschied, ob ich Inhalte mit Kreide auf eine Schiefertafel schreibe oder mit dem Beamer auf ein Whiteboard projiziere. Ich kann das vielleicht besser dokumentieren, aber es ist ja nur eine Veränderung der Darstellungsweise. Das Konzept dahinter ist das gleiche.

Die Bundesregierung will in den kommenden Jahren mehrere Milliarden an Schulen ausschütten, damit die damit zum Beispiel Laptops oder Tablets anschaffen können. Bringt das dann gar nichts?

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Blume: Das ist Stand jetzt schwer zu sagen. Es wird ja an vielen Punkten angesetzt: Geräte, Lehrerbildung, Lehrpläne. Lässt ein Deutschlehrer den Faust auf dem Tablet oder aus dem Reclamheft lesen? Am Ende sagt das doch überhaupt nichts über die Qualität des Unterrichts aus. Wichtiger ist meiner Meinung nach die Haltung, die dahintersteht. Man kann als Lehrer auch progressive Methoden haben und im Unterricht über die Auswirkungen des Internets reflektieren, ohne digitale Geräte zu benutzen.

Was für eine Haltung ist das?

Blume: Manche fragen: Wieso brauche ich ein Tablet, um etwas zu machen, was ich eh mache? Was nützt mir das? Ich finde, wir sollten keine Nützlichkeitsdebatte führen. Wir müssen digitale Medien und Themen in den Unterricht holen, um sie gemeinsam mit den Schülern zu reflektieren. Wie bilden sich online Identitäten aus, wie Freundschaften? Was machen Influencer, warum erreichen die teilweise mehr Menschen als alle deutschen Zeitungen zusammen? All das wird in der digitalen Sphäre verhandelt. Diese Themen müssen allein deshalb schon in den Unterricht, weil sie Realität sind.

Wie sieht ein solcher Unterricht dann aus?

Blume: Man kann bei der Methodik ansetzen und bei den Inhalten. Modernere Inhalte mit konventioneller Methode hieße zum Beispiel: Wir lesen im Deutschunterricht einen Text von Sascha Lobo, auf Papier, und schreiben eine Inhaltsangabe. Man kann aber auch den Unterricht als solchen agiler gestalten. Das heißt, man gibt vielleicht nur einen Rahmen vor und die Schülerinnen und Schüler entwickeln innerhalb davon eine relevante Fragestellung, suchen Experten, recherchieren eigenständig. Am Ende könnte dann ein Wiki stehen, in dem die Ergebnisse präsentiert werden. Oder ein kleines Blog oder ein Kanal auf YouTube. So wären die Ergebnisse auch für andere noch zugänglich.

Und dieser agile Unterricht ist besser?

Blume: Nein. Zu sagen: Ich mach‘ guten Unterricht, weil ich so agil oder digital bin – so funktioniert das nicht. Es ist eine Möglichkeit, Schüler nicht nur auf Lernstoff reagieren zu lassen, sondern sie zu Handelnden zu machen, die mit Hilfe von erworbenen Kompetenzen Urteile fällen. Unabhängig vom Inhalt oder von Geräten. Das ist auch Medienbildung.

Jugendliche kennen sich doch im Internet sowieso viel besser aus als die meisten Lehrer. Was kann ihnen die Schule denn heute noch beibringen?

Blume: Ich vergleiche das Internet manchmal mit einer Großstadt mit vielen verschiedenen Vierteln. Ich kann zum Beispiel ins Rotlichtviertel gehen, zu den Gangstern. Dann können Eltern oder Lehrer zu den Kindern sagen: Es ist gefährlich, ich lass‘ dich nicht raus. Aber dann enthält man ihnen auch die Bibliotheken, Museen oder den Stadtpark vor, die es da draußen ja auch gibt. Andererseits würden Erwachsene in einer Großstadt auch kaum sagen: Geh‘ halt raus, ich kenn mich eh nicht aus. Ich bin dafür, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, sich in dieser Stadt zu bewegen. Dafür muss man nicht perfekt über alles Bescheid wissen. Aber man kann immer fragen: Was machst du da? Warum? Was bringt dir das?

Was sagen Ihre Schüler dann?

Blume: Ich rede zum Beispiel mit vielen, die es gar nicht unbedingt wichtig finden, was sie da tun im Netz. Aber viele sprechen von dem Gefühl, geradezu in die sozialen Plattformen hineingesogen zu werden, sich nicht dagegen wehren zu können. Das ist ein Zeichen, dass man das thematisieren muss im Unterricht. Fernab davon, ob man nun einen Klassensatz Tablets hat oder nicht. Ein Teil der digitalen Bildung passiert auf einer Ebene, die mit Technik überhaupt nichts zu tun hat.

Was gehört noch zur digitalen Bildung?

Blume: Google-Filter zu setzen, zum Beispiel. Filtersouveränität, Fakenews erkennen, auch zu wissen: Darf ich das, was ich finde, überhaupt für meine schulischen Arbeiten verwenden? Das sind Dinge, die nicht gegeben sind, die oftmals aber keine Rolle spielen. Ein Lehrer echauffiert sich dann darüber, dass ein Referat irgendwo abgekupfert ist. Aber wenn ich ein Referat verlange, kann ich das eigentlich nicht tun, ohne den Schülern Recherche beigebracht zu haben. Auch das ist ein Teil von digitaler Bildung, der viel stärker angegangen werden müsste.

Müssen Lehrerinnen und Lehrer dazu auf Twitter oder Snapchat aktiv sein?

Blume: Das ist immer auch eine Typfrage. Niemand sollte zu etwas gezwungen werden, wozu er oder sie keine Lust hat. Ich finde, man sollte die Netzwerke kennen, auch von innen. Nur zu wissen, dass es Twitter gibt, ist ein bisschen wenig. Aber man kann da ja zumindest mal reinspitzeln, auch anonym. Oder sich Foren anschauen: Wie sprechen die Leute da? Letzten Endes sind Lehrer meistens Staatsbedienstete, deren Ziel es auch sein sollte, die Demokratie zu stärken, Haltung zu bewahren, in manchen Dingen ein Vorbild zu sein. Wenn man sich dann komplett rauszieht aus dem Diskurs, kann es sein, dass man den Anschluss verliert.

Wie halten Sie es mit den sozialen Medien?

Blume: Schüler folgen mir auf Twitter, ich selbst folge nur zurück, wenn sie die Schule verlassen haben. Auf Facebook nehme ich keine Freundschaftsanfragen an. Ich würde jetzt nie etwas über meine eigenen Kinder schreiben, aber die Schüler sehen doch: Das ist jemand, der gerne diskutiert, dabei sachlich bleibt, jemand, der Musik und Kultur mag, über gesellschaftliche Themen spricht.

Wenn man sich so sichtbar macht, öffnet man den Schülern damit nicht eine gefährliche Tür? Sie könnten frech kommentieren oder zum Beispiel einen Shitstorm gegen den Lehrer organisieren, wenn sie mit der Benotung einer Klassenarbeit nicht zufrieden sind.

Blume: Wenn sich Schüler online unpassend verhalten, kann man das wiederum im Unterricht aufgreifen und fragen: Wisst ihr eigentlich, was ihr da tut? Ich glaube, hinter den Bedenken steckt aber etwas anderes, nämlich die Angst vor dem Verlust des Lehrerbilds, das es mal gab. Wer Angst hat, dass ihm die Kontrolle entgleitet, kann natürlich alle Türen zumachen. Aber man sollte dann nicht glauben, dass man nicht wahrgenommen wird, nur weil man online keine Profile pflegt. Der Kontrollverlust ist doch längst da. Die Frage ist, ob man sich innerhalb davon aktiv oder passiv um eine Position bemüht.

Sind Lehrende denn heute keine Autoritätspersonen mehr?

Blume: Lehrer haben auch heute noch mehr Wissen und deutlich mehr Erfahrung bei der Methodik und in der Erarbeitung. Wir sind eine Autorität, aber nicht mehr die einzige. Es gibt Unterrichtsszenarien, in denen bestimme ich über die Unterrichtsinhalte. Aber ich kann nicht meinen Sozialisationsgrad über deren stellen. Auch die Lehrer lernen zurück von den Schülern. Wer denkt, er hat ausgelernt, hat‘s nicht verstanden. Das ist kein Defizit.

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Gymnasiallehrer Bob Blume (Bild: privat)

Bob Blume, 35, ist Studienrat am Windeck-Gymnasium im baden-württembergischen Bühl und unterrichtet Englisch, Deutsch und Geschichte. Nebenher betreibt er einen Youtube-Kanal und einen Blog über das Referendariat, die Digitalisierung und andere politische Themen.

Bob Blume online: Twitter ++ Blog ++ YouTube ++ Podcast

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Die neue LEAD ist da!

Die Baustellen der Digitalisierung beschäftigen Politiker, Bürger und Aktivisten gleichermaßen. In der aktuellen Print-Ausgabe von LEAD erzählt u.a. Marja-Liisa Völlers, SPD-Abgeordnete und Lehrerin, welche Baustellen die aktuelle Bundesregierung im Bereich der digitalen Bildung angehen sollte.

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