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Johannes Mairhofer Fotografiert Von Sandra Schink
Johannes Mairhofer hat das Projekt speakabled initiiert (Foto: Sandra Schink)
diversity Medien Kommunikation

"Behindert ist der, der behindert wird"

Bei der Kommunikation über und mit Menschen mit Behinderung geht immer wieder einiges schief. LEAD-Autor Johannes Mairhofer erklärt, welche falschen Ressentiments dahinter stecken und wie Barrieren abgebaut werden können.

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"Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können."

Definitionen von Behinderung - wie diese aus dem Sozialgesetzbuch - klingen ziemlich negativ. Es ist von Beeinträchtigung die Rede, von Einschränkung und von “Verhinderung der Teilhabe am Leben”. Insgesamt sind alle Erklärungen eher negativ konnotiert.

Die Caritas Wien hält mit einer meiner Meinung nach treffenderen Definition dagegen - denn sie sagen: “Behindert ist der, der behindert wird”

Damit wird auch deutlich, dass viele Behinderungen und Hindernisse von außen kommen, zum Beispiel durch bauliche Hürden oder Barrieren.

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Klischees vermeiden

Wenn wir über Behinderungen sprechen ist es außerdem wichtig zu wissen, dass die meisten Behinderungen erst im Laufe des Lebens entstehen. Nur fünf Prozent der Menschen mit Behinderung werden damit geboren.

Genaue Zahlen über Menschen mit Behinderung hierzulande sind meines Wissens nach nicht bekannt, aber das Statistik-Portal statista.com rechnet mit einem Anteil von circa zehn Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung.

Wir sprechen bei Menschen mit Behinderung also nicht über eine winzige Minderheit, sondern eine doch recht große Gruppe. Trotzdem sind sie in der Berichterstattung kaum präsent oder werden marginalisiert.

Oft werden Menschen mit Behinderung in den Medien als Leidende dargestellt, die ein tragisches Schicksal ertragen müssen. Das möchte ich ändern. Deshalb will ich dir einige Beispiele zeigen, wo die Berichterstattung gelungen ist und gebe Tipps und Hinweise für eine angemessene Kommunikation.

Am wichtigsten ist mir dabei, dass Klischees vermieden werden.

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Sprachliche Tipps

1. Die Rollstuhlfessel

Rollstuhlfahrer sind selten “an den Rollstuhl gefesselt”, ich habe zumindest noch keinen gesehen. Besser ist die Formulierung “Franziska ist auf den Rollstuhl angewiesen”, wie es zum Beispiel Deutschlandfunk Kultur in dem Beitrag "Menschen mit Behinderung - Der Alltag zweier Mütter" gemacht hat:

2. Kleine Menschen ganz groß

In vielen Berichten werden kleinwüchsige Menschen mit Überschriften wie “kleine Frau ganz groß” angekündigt. So eine Headline “klickt” wahrscheinlich besser, ist aber menschlich gesehen ziemlich daneben. In den meisten Fällen hat die Körpergröße auch nichts mit der Person oder dem Inhalt des dann folgenden Beitrags zu tun. Dass es auch anders geht, zeigt zum Beispiel die Nachrichtenagentur spot on news AG in einem kurzen YouTube-Video über eine kleinwüchsige Frau im Model-Business.

3. Leidende Helden

Leider ist es noch oft so, dass Menschen mit Behinderung in den Medien "leiden müssen". Und “trotz der Behinderung” oder einem “tragischen Schicksal” ihr “Leben meistern” als wären sie große Helden. Wie es besser geht, zeigt zum Beispiel der Fernsehsender Kabel eins in einem Bericht über einen Arzt, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

4. "Trotz Behinderung das Leben meistern"

In den Medien werden Menschen mit Behinderung oft dargestellt, wie sie ihrem Beruf oder Alltag nachgehen - TROTZ ihrer Behinderung. Das klingt dann, als ob es ein Widerspruch wäre. Dies ist meist aber nicht der Fall, denn Menschen mit Behinderung werden nicht durch ihre Behinderung definiert. Daher muss diese auch nicht im Vordergrund stehen. Vor allem, wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Positives Beispiel: Ein Werbespot mit dem Fotografen David Kenward von Expedia.de

Menschen mit Behinderung auf Bildern

Auch beim Fotografieren von Menschen mit Behinderung kommen Klischees zum Einsatz: Gerade wenn Rollstuhlnutzer fotografiert werden, ist die Perspektive oft ungewöhnlich - zum Beispiel ist sie von unten nach oben oder von oben herab gewählt, anstatt die jeweiligen Protagonisten auf Augenhöhe zu fotografieren.

Weil mich das schon früher oft geärgert hat, habe ich vor ein paar Jahren hierzu das Projekt #keinwiderspruch initiiert. Hier habe ich besonders darauf geachtet, die Menschen zu fotografieren, und nicht die Behinderung. 30 Menschen mit Behinderung, die alle tolle Projekte machen, haben teilgenommen.

Mehr persönliche Erfahrungen statt Clickbaiting

Bei vielen Artikeln, die ich zu dem Thema lese, habe ich das Gefühl, dass Autoren oder Redakteure mit Absicht Klischees benutzen, um mehr Klicks oder Likes zu erhalten. Plakative Schlagwörter sind natürlich dramatischer als die emotional “leiseren” Töne.

Besonders emotional sind aber immer die persönliche Erfahrungen, die behinderte Menschen selbst oder Angehörige über Behinderung und Krankheit schreiben. So zeigt z.B. dieser persönliche und sehr bewegende Artikel in der taz "Plötzlich ist da diese Falte im Nacken", dass es auch anders geht.

Allgemeine Tipps im Umgang mit Menschen mit Behinderung

Menschen mit Behinderung sind genauso individuell wie Menschen ohne Behinderung. Nichts von dem, was ich schreibe, kann für alle gelten und es gibt bestimmt auch Menschen mit Behinderung, die tatsächlich leiden oder sich als Helden fühlen. Ich kenne allerdings sehr wenige davon.

Bei Unsicherheit im Umgang mit Menschen mit Behinderung hilft, was immer hilft: Fragen. Du weißt nicht, wie du einer blinden Person die Hand geben sollst? Frag. Du weißt nicht, ob du “Auf Wiedersehen” bei blinden Menschen oder “Wie geht's?” bei Rollstuhlnutzern sagen darfst? Frag sie. Die meisten Menschen mit Behinderung, die ich kenne, sind durchaus offen und derartige Fragen gewöhnt. Es ist daher oft besser, zu fragen, anstatt den Kontakt zu meiden.

Schwierig ist dagegen das ungefragte Helfen. Bitte frag vorher, wenn du helfen willst. Nicht jeder möchte gerne berührt, über die Straße geführt oder geschoben werden.

Für mich funktioniert dagegen Humor sehr gut - ich kann über Behindertenwitze lachen. Ich bin der Meinung, dass wir eine Inklusion erst geschafft haben, wenn wir über jede Randgruppe Witze machen dürfen. Und keine Behindertenwitze zu machen, schließt meiner Meinung nach Menschen mit Behinderung aus. Dann dürfen wir gar keine Witze mehr machen und das wäre auch schade. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung, die sicher nicht alle teilen.

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