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1 Apple Pay Aufmacher
Apple Pay gibt es mittlerweile in 26 Ländern. In Deutschland allerdings immer noch nicht. (Bild: 123rf.de)
Special Jörg Heinrich Apple E-Payment

Bargeldrepublik Deutschland

Während sogar im Vatikanstaat mit dem iPhone bezahlt wird, klammern sich die Deutschen an ihre Scheine. Warum ApplePay & Co. hierzulande so schwer Fuß fassen.

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Die Deutschen und ihr Bargeld. Ja, es ist Liebe. Knapp 78 Prozent aller Einkäufe in Deutschland werden immer noch bar bezahlt. Zum Vergleich: In den USA sind es 46 Prozent, und in Schweden sogar nur 27 Prozent. Unter den Zahlungsarten im deutschen Einzelhandel kommt die Kreditkarte laut Handelsinstitut EHI nur auf 6,1 Prozent. Kein Zweifel: Johnny Cash muss insgeheim Deutscher gewesen sein. Vielleicht liegt es immer noch am Mythos D-Mark, an der heiligen Währung, die das Wirtschaftswunder brachte, dass jeder Deutsche durchschnittlich 103 Euro an Bargeld mit sich herumträgt. Franzosen kommen mit 32 Euro im Portemonnaie aus.

International gilt das deutsche Faible für traditionellen Geldverkehr beinahe schon als skurril: "Sie zahlen wirklich fast alles in bar, selbst große Beträge", staunt das US-Magazin Quartz. Die "Bargeldrepublik Deutschland" hat Vor- und Nachteile. Denn in Sachen Ausgabenkontrolle und Datenschutz bleiben Scheine und Münzen ungeschlagen. Sie verhindern aber auch, dass sich moderne, schnelle und praktische neue Zahlungsweisen bei uns durchsetzen. Apple hat seinen Bezahldienst Apple Pay gerade im 26. Land weltweit eingeführt – in Brasilien. Auch in den USA oder in China, in der Schweiz oder im Vatikanstaat, zahlen die Kunden an der Kasse längst mit dem iPhone. Der von vielen Experten erwartete Start von Apple Pay in Deutschland ist dagegen einmal mehr ausgefallen.

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Bezahlen per Smartphone – in Deutschland ein Flop

Ob Aldi oder Lidl, ob Kaufhof oder Douglas – in mehreren zehntausend Läden in Deutschland hängen an den Kassen bereits Terminals mit NFC-Funktechnik. Das Kürzel steht für "Nahfeld-Kommunikation". Sie ermöglicht es, nicht nur mit kontaktlosen Bank- und Kreditkarten zu bezahlen, sondern auch per Smartphone. Doch kaum jemand nutzt diesen Service. Gerade mal drei Prozent der Verbraucher in Deutschland bezahlen laut Forsa-Umfrage zumindest ab und zu mit ihrem Smartphone. Und das, obwohl das "Mobile Payment" an den Kassen meist deutlich schneller läuft, als im Geldbeutel nach dem passenden Betrag zu kramen oder aufs Wechselgeld zu warten. Bis zu 25 Euro ist meist nicht einmal die Eingabe einer PIN oder eine Unterschrift erforderlich. So könnten sich die Schlangen an den Kassen deutlich verkürzen. Doch bisher ist das Bezahlen per Smartphone in Deutschland ein gewaltiger Flop – nicht zuletzt deshalb, weil die Nutzung viel zu kompliziert ist.

2 Apple Pay So Siehts Aus Aufmacher
iPhone 8, iPhone X, Apple Watch - drei der Geräte, mit denen Apple Pay funktioniert. (Bild: Apple)

Bezahlen per Smartphone – das sind die Probleme

Wer bisher in Deutschland mit seinem Smartphone zahlen will, braucht viel Enthusiasmus für neue Technik. Denn die Hürden sind teilweise absurd hoch. Häufig sind die Bezahldienste an den jeweiligen Mobilfunkprovider gekoppelt. Bei Vodafone Wallet (Deutsch: "Geldbörse") sind eine spezielle NFC-fähige SIM-Karte, ein Laufzeitvertrag und eine Wallet-App Voraussetzung. Andere Dienste verlangen die Beantragung einer speziellen Kreditkarte oder die Eröffnung eines eigenen Kontos. Mit dem iPhone klappt das Smartphone-Bezahlen allenfalls auf Umwegen, Android ist Pflicht. Und ohne eine Wallet-App, die eigens installiert wird, funktioniert bisher keiner der Bezahldienste. Fragen über Fragen: Welche App brauche ich? Was steckt hinter bisher völlig unbekannten Anbietern wie Boon oder SEQR? Und wer erhält dann Zugriff auf meine Ausgaben und Einkäufe? Kein Wunder, dass 97 Prozent der Verbraucher in Deutschland auf solche Lösungen dankend verzichten und lieber weiter nach Münzen kramen.

So will Apple Pay das Smartphone-Bezahlen vereinfachen

Der Bezahldienst, der laut Apple-Pay-Chefin Jennifer Bailey dreieinhalb Jahre nach seiner Einführung in 50 Prozent der US-Geschäfte verfügbar ist, schafft die meisten der bisherigen Hürden ab. Experten erhoffen sich deshalb von der Einführung in Deutschland einen enormen Schub fürs Bezahlen per Handy. Apple-Pay-Nutzer brauchen weder eine eigene SIM-Karte noch einen bestimmten Provider, einen speziellen Vertrag oder eine App zum Download. Denn der Dienst funktioniert mit jedem beliebigen Mobilfunkanbieter. Und die Wallet-App, über die das Bezahlen abläuft, ist in iOS bereits vorinstalliert.

4 Apple Pay Jennifer Bailey Aufmacher
Jennifer Bailey, Chefin von Apple Pay. (Bild: Apple)

Auch über das richtige iPhone müssen sich die Besitzer eines einigermaßen aktuellen Handys keine Gedanken machen. Denn den NFC-Chip, der für Apple Pay erforderlich ist, hat jedes Modell ab dem iPhone 6 aus dem Jahr 2014 bereits eingebaut. Dort hält er allerdings seither einen Dornröschenschlaf, und bleibt zumindest in Deutschland ungenutzt – im Gegensatz zu Großbritannien, Frankreich, Spanien oder Italien, wo das iPhone längst als Zahlungsmittel dient. Zudem gilt das System als relativ sicher. Denn die Kartennummer, mit der Missbrauch betrieben werden könnte, wird gar nicht erst an den Händler weitergeben. Stattdessen erzeugt Apple Pay eine zufällige und anonymisierte 16-stellige "Device-Account-Nummer", die als verschlüsselter Code zum Bezahlen dient. Kunden können zudem ohne Fingerabdruck (Touch ID) oder Gesichtserkennung (Face ID) nicht bezahlen. Und wer sein iPhone verliert, kann Apple Pay per iCloud oder via "Mein iPhone suchen" deaktivieren. Trotzdem wird Apple Pay in Deutschland langsam zum Ungeheuer von Loch Ness der modernen Technik. Man hört immer wieder davon, es gibt zahllose Gerüchte. Doch aufgetaucht ist es bisher noch nie.

Die Vorteile von Bargeld

Die Bargeld-Leidenschaft der Deutschen hat durchaus gute Gründe. Wer seine Ausgaben unter Kontrolle behalten will, fährt mit Scheinen und Münzen immer noch am besten. Die Europäische Zentralbank (EZB) schreibt in einer Studie: "Ein Blick in die Geldbörse bietet einen klaren Überblick zu den Ausgaben und dem verbleibenden Budget. Für viele Menschen ist das ein entscheidender Vorteil." Außerdem sind Bezahldienste von Vodafone Wallet bis Apple Pay ein perfektes Werkzeug, um Ausgaben und Lebensweise von Verbrauchern zu überwachen. In Zeiten, in denen Konzerne wie Google oder Facebook ihre Nutzer fast lückenlos ausspähen, bietet Bargeld praktisch die letzte Möglichkeit, anonym einzukaufen und der großen Werbeflut zu entrinnen. So praktisch und so schnell das Bezahlen per Smartphone auch ist – es hat auch seine Vorteile, dass das gute alte Portemonnaie bei den meisten Deutschen noch längst nicht zum "Fortmonnaie" wird.

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