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Mit dem Laptop im Paradies: klingt gut, ist es auch. Unterschätzen sollte man das digitale Nomadenleben jedoch nicht (Foto: Getty Images)
New Work Digitalisierung Kolumne

Digitalnomaden: Auch im Paradies braucht man einen Businessplan

Pascal Rehm betreibt auf Bali ein Co-Working-Café. Aber eigentlich ist er wegen der Wellen hier. Unsere Kolumnistin Andrea Buzzi hat mit dem Leipziger über den Lifestyle digitaler Nomaden, die Herausforderungen des Auswanderns und das Glücklichsein gesprochen.

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Pascal, was hat dich nach Bali verschlagen?

Rehm: Mein Vater war Surfer und hat mich schon früh mit dem Surfvirus angesteckt. Allerdings mag ich kein kaltes Wasser und habe bei Google ,Surfen ohne Wetsuit‘ eingegeben. Der erste Suchtreffer war Bali. Von da an gab es für mich nur noch Urlaub auf der indonesischen Insel. Damals vor sieben Jahren verirrten sich noch sehr wenige Surfer hierher – und digitale Nomaden schon gar nicht. Heute explodieren die Touristenzahlen. Im letzten Jahr reisten sechs Millionen Menschen auf die tropische Insel, 2012 waren es nur etwa eine Million. Da ist noch viel Geschäft zu machen. 

Und irgendwann bist du dann ganz hier geblieben?

Rehm: Ja, aber das war sehr gut geplant. Ich hatte bei einem meiner Urlaube meinen heutigen Geschäftspartner und Mentor Rick kennengelernt. Er hat mir damals mental über die schmerzliche Trennung von meiner Freundin hinweggeholfen. Und dann passierte etwas Unvorhergesehenes: Ich bekam ein Jobangebot von Red Bull, um hier den Vertrieb zu leiten. Daraus ist nichts geworden. Aber ich habe gedacht, hey, ich könnte hier auch arbeiten und gleichzeitig surfen. Von da an haben Rick und ich an unseren Businessplänen für ein Café mit Co-Working-Space gefeilt. Ein Jahr hat es gedauert, bis wir alle Lizenzen und Papiere zusammen hatten. Ich kann nur jedem raten, sich diese Zeit auch zu nehmen, sonst verbrennt man hier sein Geld, denn in Bali dauert alles etwas länger.

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Arbeiten mit Blick auf Reisfelder. Das geht im District Canggu. Der Gründer des Co-Working-Spaces, Pascal Rehm, im Interview mit Andrea Buzzi auf der Dachterrasse (Foto: Gerhard Buzzi)

Wie kamst du auf die Idee, dich mit einem Co-Working-Space und einem Café selbstständig zu machen?

Rehm: Naja, eigentlich wollten wir ja ein Surfcamp mit angeschlossenem Café eröffnen. Rick liebt gesundes Essen und ist ein passionierter Hobbykoch. In London arbeitete er im Bankensektor. Hier wollte er seiner Leidenschaft folgen. Am Ende haben wir aber erkannt, dass immer mehr Leute nach Bali kommen, um hier zu leben und zu arbeiten. Es gab aber nicht genug Co-Working-Places. So wurde die Idee für das District in Canggu geboren. Seit Mai 2017 haben wir geöffnet. Wir denken sogar an Expansion, wenn es weiterhin gut läuft. Muss aber nicht sein. Ich will nicht reich werden, sondern glücklich leben.

Was war die größte Herausforderung für dein Start-up in Bali?

Rehm: Ehrlich gesagt ist das hier der wilde Westen. Mit den Locals zu arbeiten, kostet mich als Deutscher einiges an Nerven und Geld. Für die Indonesier sind wir immer noch die Goldesel, die gern mal ausgenommen werden. Wir haben unsere Erfahrungen machen müssen und zwischendurch viel Geld verloren. Das war hart. Wir mussten Freunde und Familie anpumpen, um den nächsten Monat zu überleben.

Apropos Geld. Verrätst du uns, was dich dein Start hier gekostet hat?

Rehm: Wir haben gemeinsam etwa 150.000 Euro reingesteckt und rechnen schon im nächsten Monat mit dem Break-even. Das Haus ist für 15 Jahre gemietet und von uns ausgebaut worden. Wir können aber alle fünf Jahre aussteigen. Besitzen kann man hier als Fremder keine Immobilien oder Land.

Hast Du viele deutsche Kunden?      

Rehm: Bestimmt 50 Prozent meiner Gäste sind aus Deutschland. Sie kommen über Facebook und Instagram zu uns, wo wir gezielt werben, aber natürlich wird auch viel weitererzählt.

Sind digitale Nomaden besondere Menschen?

Rehm: Meinst du die Echten oder die Poser? Das muss man nämlich unterscheiden. Digitaler Nomade zu sein ist zu einem Lifestyle geworden. Viele probieren das aus, wollen aussteigen und möglichst wenig arbeiten. Die echten Digitalnomaden arbeiten sehr hart für ihr Geld und wollen was bewegen. Das District ist deshalb auch 24/7 geöffnet. Wir achten darauf, dass eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre herrscht und es im Café entsprechend gesundes Brain-Food gibt.

Und wie ist das bei dir?

Rehm: Als Ex-Vertriebler bei Tom Taylor war ich früher nach sechs bis sieben Stunden Arbeit k.o., weil ich genervt war. Hier arbeite ich zwar deutlich mehr als früher. Jeden Tag mindestens zehn Stunden, sechs Tage die Woche. Es fühlt sich aber nicht wie Arbeit an, weil es mega Spaß macht. Ich liebe den Umgang mit den Gästen und freue mich, wenn sie über ihre Projekte erzählen. Hier ist so viel Kreativität und Spirit in der Luft. Und ich bin hier der Vermittler für alle Lebenslagen – vom Surflehrer über Handwerker bis zum guten Arzt. Das macht mich glücklich.

Welche Eigenschaften muss man denn mitbringen, um als digitaler Nomade erfolgreich zu sein?

Rehm: Man muss mutig, kreativ und diszipliniert sein. Und auch unbequeme Dinge ertragen können sowie bereit sein, aus seiner Komfortzone zu kommen. Hier auf Bali kann es sein, dass man jeden Tag ein neues Problem hat. Man ist auf sich allein gestellt und muss überleben. Mich persönlich hat Bali mutiger gemacht. In Deutschland ist man ja quasi in Watte gepackt. Alles ist bequem und zur Not springt der Staat ein. Das lähmt.  

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Lebensfreude pur auf Bali: Der Gründer und Crossfit-Fan Pascal steht für LEAD-Kolumnistin Andrea Buzzi Kopf (Foto: Gerhard Buzzi)

Erzählt doch mal, wie sieht dein Tagesablauf aus?

Rehm: Ich stehe so gegen sechs Uhr auf und gehe dann entweder Surfen oder mache Crossfit. Dann geht es ins District, wo ich in meinem Café frühstücke und mich dann um den Betrieb kümmere. Meist bin ich bis abends vor Ort und arbeite genau wie meine Gäste am Computer meine Aufgaben ab.

Könntest du dir vorstellen, je wieder in Deutschland zu arbeiten?

Rehm: Nicht mit den aktuellen Arbeitsstrukturen mit Präsenzpflicht im Büro von 9 bis 17 Uhr und maximal zwei Wochen Urlaub am Stück. Ich persönlich glaube ja, dass unser Freiheitsgefühl der Zukunft nicht mehr darüber bestimmt wird, wen du wählen, sondern wann und wie du arbeiten und leben darfst. Diesen Managementstil lebe ich hier mit meinen indonesischen Angestellten auch: Ich gebe ihnen einen Blankoplan, wo sie selbst die Schichten organisieren können. So können sie ihr Arbeitsleben um ihre Religion und Familie bauen. Das hat hier eine hohe Priorität. Seitdem habe ich kaum noch Fehlzeiten und das Team ist viel besser zusammengewachsen. Warum sollten solche Modelle nicht auch in Deutschland funktionieren? 

Jetzt haben bestimmt alle Lust bekommen, nach Bali auszuwandern. Was rätst du?

Rehm: Mach es auf jeden Fall! Sonst bereust du es in 20 Jahren. Aber mache es geplant und lege nicht einfach blind los. Auch hier im Paradies braucht man einen Businessplan.

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