Vom internetfähigen Armband, das die Schlafphasen protokolliert und den Träger morgens weckt über das Handy als Lebensfernbedienung bis zu sprachgesteuerten Fernsehern und Computern: Die weitere Vernetzung ist einer der Trends, den Experten für 2012 ausmachen. Auch Fjord, internationale Agentur für digitales Design mit Hauptsitz in London, listet diese Punkte im Report "Digital Trends 2012“. Chief Innovation Officer Christian Lindholm im Gespräch über internetfähige Accessoires (Connected Wearables) und neue Interface-Logiken für TV & Co.
Herr Lindholm, in ihren Digitalen Trends 2012 erklären Sie unter anderem Connected Devices zu einem der spannendsten Mobile-Themen. Können Sie das begründen?
Es gibt eine ganze Reihe technologischer Entwicklungen, die jetzt gereift sind. Eine davon sind hochauflösende, kleine Touchdisplays. Die andere sind Dinge wie Bluetooth 4.0, die durch geringeren Energieverbrauch lange drahtlose Verbindungen ermöglichen.
Wenn wir uns mit Connected Wearables, also internetfähigen Accessoires, beschäftigen, gibt es verschiedene Wege, in die sich diese Konzepte entwickeln können. Motorolas MotoActv ist ein Konzept für ein spezifisches Szenario: Eine Uhr, die ein Sports Meter mit einem MP3-Player kombiniert. Aber ist nicht eine der ersten Fragen, die vor allem jüngere Käufer an neue Geräte stellen: Ok, und was kann es sonst noch?
Das ist richtig. Ich denke auch, dieses Sportkonzept ist ausreichend erschlossen. Und wenn Sie sich Nike+ ansehen: Sie sind sicher der Marktführer in Sachen Connected Sports und bringen es gerade mal auf sieben Millionen User. Sport ist nur ein Zugangsweg dazu Was ich an Anbietern wie MetaWatch gut finde, ist die offene Plattform. Die Uhr als Display, für das jeder Apps entwickeln kann.
Lassen sich die verschiedenen Ansätze in Kategorien einteilen?
Es gibt drei Varianten von Wearables, die entstehen: Die eingebetteten Sensoren etwa in Kleidung, sind eine. Dann gibt es Dinge wie Jawbone Up - ein Armband, das durch Vibration Output auf dem Touchlevel liefert –und die kompletten Wearables wie MotoActv und iPod nano. Dieser Konzeptkampf ist ein Kampf um den ersten Blick. Es geht darum, welches elektronische Gerät mehr auf den ersten Blick bietet. Darum, bei Input und Output noch ein paar Sekunden aus dem Prozess zu sparen.
Der Trend zu Connected Wearables heißt ja auch, es gibt einen weiteren Branchenbereich, in dem Usability-Spezialisten und Designer aufeinander treffen und lernen müssen, gut zusammenzuarbeiten. Mit Blick auf andere Beispiele war das nicht immer der einfachste Prozess.
Richtig. Es ist auch nicht einfach. Einige der Usability-Experten sind ausgebildete Ingenieure. Usability in Design-Schulen wird eher als Kompetenz denn als Berufsbild vermittelt. Ich glaube, das Berufsbild des Usability Engineers wird verschwinden. Wir bei Fjord verlangen von unseren Designern ein Verständnis von Usability- und die Fähigkeit, selbst Projekte umzusetzen. Die Aktivierung der Nutzer und die Interaktion mit Ihnen gehört zum Job.
Sie müssen also einen Fuß in beiden Bereichen haben.
Ja. Die eigentliche Herausforderung besteht aber darin, dass es für die Kundenseite zwei Disziplinen sind. Ich kann mich daran erinnern, wie es war, als wir die Profil-Funktion auf den Power-Knopf bei den Nokia-Handys gelegt haben. Die Usability-Fraktion hat es gehasst. Aber wir haben es mit Usern getestet und festgestellt, dass es bestens funktioniert.
Wearables und die andere Form der Interface-Logik berührt ja auch einen weiteren Bereich, den sie als Trend ausgemacht haben: Sprach- und Gestiksteuerung. Auf der CES haben viele TV-Hersteller das für ihre Geräte angekündigt. Sehen sie das als Trend?
Ich glaube generell, dass unser Handy unsere Lebens-Fernbedienung wird. Damit werde ich die Geräte um mich herum steuern. Was die TV-Fernbedienung angeht, wird es da aber weiter ein eigenständiges Gerät geben. Sie wird aber ihre Form ändern. Wir haben ein kleines Startup in Berlin, dass eine touch-basierte neue Fernbedienung entwickelt.
Und Gesten- oder Sprachsteuerung?
Das wird beides kommen, aber Sie dürfen eins nicht vergessen: Menschen sind grundlegend bequem. Wir sind darauf ausgerichtet, Energie zu sparen. Die Fernbedienung, die am wenigsten Bewegung erfordert, wird gewinnen.
Sie glauben also nicht, dass so etwas wie Microsofts Kinect für Desktop durchstarten wird?
Nein, das sehe ich nicht. Für bestimmte Anwendungen ergibt das vielleicht Sinn. Aber vor dem Rechner gestikulieren? Wie viel gestikulieren Sie denn im Alltag?
Und Sprachkontrolle? Bequemlichkeit würde das durchaus bedienen, oder?
Schwierig, weil der Fernseher kein persönliches Gerät ist. Stellen Sie sich vor, eine ganze Familie brüllt ihren TV an: Schalt auf MTV Nein, auf Nachrichten! Das sehe ich schlicht nicht. Wenn die Technologie soweit ist, dass sie sich beispielsweise in Schmuckstücken einbauen lässt, wird das spannend.
Insgesamt erläutert Fjord zehn verschiedene Digitale Trends. Darunter die weitere Vernetzung im Wohnzimmer, Mobile-Payment-Dienste, Identität als Währung und die steigende Bedeutung von Raum und Zeit für Social Networks. Den Report finden Sie hier.