Trends | | von Irmela Schwab

Zukunftsforscher Horx: "Ältere Firmenkulturen neigen zum Tunnelblick"

Die digitale Transformation ist in vollem Gange, da müssen Unternehmenslenker schon die nächsten Trends anpacken: Mobile, Social und virtuelle Realitäten über Google Glass. Damit die Häuser den Entwicklungen nicht länger atemlos hinterherhinken empfiehlt Zukunftsinstitut-Chef Matthias Horx einen Blick in die Zukunft. Was man dazu mitbringen muss, erklärt Horx im Interview mit LEAD digital: "Eine breite Allgemeinbildung, analytischen Verstand und die Lust am Denken. Und Humor." 

Herr Horx, mit welche Methoden lässt sich die Zukunft in die Karten gucken?

Wir unterscheiden stochastische, heuristische, mathematisch-statistische und poetische Verfahren. Für die ersteren braucht man Zugänge zur System- und Komplexitätstheorie, zu den neueren Evolutionstheorien, plus Kenntnisse in gerade spannend werdenden Disziplinen wie Sozioökonomie, Risikoforschung oder Spieltheorie. Die poetische Variante braucht geschulte Phantasie. Es geht dabei aber weniger darum, die Zukunft richtig vorauszusagen, sondern eine tolle Story zu erzählen. Zukunft ist ja eine Art Mythos, den sich die Gesellschaft selbst erzählt, und der wiederum bestimmten Zeitströmungen unterliegt. Derzeit ist „Zukunft als Katastrophe“ das beherrschende Thema. Während man früher Zukunft als technische oder soziale Utopie dachte, ist sie heute Nieder- oder Untergang.

Wie lange voraus lässt sich Zukunft vorhersagen - ab wann ist es unseriös?

Manche Events oder Phänomene kann man sehr solide und sehr langfristig voraussagen. Wir wissen  genau, dass die Erde in fünf Milliarden Jahren von der sich aufblähenden Sonne verschlungen werden wird. Es geht also nicht so sehr um die Zeitspanne, sondern um die Ebene, das Thema der Prognose. So lassen sich zum Beispiel Ehen erstaunlich gut voraussagen: In den USA gibt es ein Psychologenpaar, das mit einem einfachen Beobachtungstest die Überlebensfähigkeit einer Partnerschaft mit 85 Prozent Genauigkeit voraussagen kann. Allerdings will das gar niemand wissen. Manche Phänomene wie Börsenkurse haben eingebaute Chaosschleifen, die ihre Voraussage unmöglich machen. Andere Prozesse lassen sich sogar besser in der Langfristigkeit voraussagen. Zum Beispiel ist das Wetter kaum über zehn Tage hinaus prognostizierbar, das Klima über ein ganzes Jahrhundert schon - wenn auch nicht präzise, so doch in der Struktur.

Wenn es so einfach wäre - warum stellen sich viele Unternehmen dann nicht rechtzeitig darauf ein?

Jedes Unternehmen hat sehr wohl einen "Future Mind", also eine Vorstellung von Zukunft. Sonst wäre es längst pleite. Ein guter Unternehmer oder Manager hat oft sogar ein sehr komplexes Verständnis des Kommenden, oft aus dem Instinkt, der Intuition heraus. Allerdings neigen ältere Firmenkulturen zu einer Art Tunnelsicht, zum linearen Geradeausdenken. Und genau das ist das Problem. Man glaubt, alles geht so weiter wie bisher. Dann kommt es zu jenen Businesskatastrophen wie bei Schlecker, der sein knappes Wertschöpfungsmodell immer weiter ausdehnte, ohne es anzupassen. Oder den Energieversorgern heute, die nicht auf die Energiewende vorbereitet waren. Oder bei den sehr mächtigen Film-Herstellern, die prompt pleite gingen, als sich die Fotographie digitalisierte. Die Aufgabe der Zukunftsforschung, wie ich sie sehe, ist es, den Geist des Managements zu öffnen für komplexe Zukunft. Also auch für Überraschungen, Varianten und Evolutionen.

Welche Fähigkeiten muss man mitbringen, um ein guter Zukunftsleser zu werden?

Das erste ist kritisches Bewusstsein. Man darf niemals das glauben, was die Zeitungen behaupten, oder was als Zukunftsbilder durch die Medien geistert. Man sollte eine breite Allgemeinbildung mitbringen, analytischen Verstand und die Lust am Denken. Und Humor. Meine Erfahrung ist, dass humorlose Zukunftsforscher schrecklich danebenliegen. Humor setzt nämlich das innere Verstehen von Paradoxien voraus. Ohne diese Fähigkeit kann man die Welt und ihr Werden nicht verstehen. 

Welche Übung kann ich dazu jetzt schon machen, um die Entwicklung der digitalen Technologie zumindest bis 2017 vorherzusehen? 

Man kann zum Beispiel die Wirklichkeit völlig ohne Präkonzeption oder auch Vorurteil betrachten. Kein Trend geht immer in dieselbe Richtung, jeder Trend hat einen Wendepunkt. Diesen Gedanken müssen wir trainieren und das ist schwer, weil wir dazu neigen, linear zu denken. Wir leiden unter Linearitis. Stellen wir uns also einmal vor, die Digitalisierung bekäme einen Knick. Sie geht einfach nicht mehr geradeaus weiter. Wir würden einen massiven Rückgang der Beteiligung an den Sozialen Netzwerken erleben. Viele Digitale Märkte, etwa im Heimbereich, würden scheitern. Die Halbleiter würden nicht mehr kleiner und billiger, wie es das Moor’sche Gesetzt sagt. Viele Menschen würden sogar wieder offline gehen. Das Internet der Dinge“würde ein Flop. Der Online-Handel würde mittelfristig eher stagnieren. Das Erstaunliche ist, das genau das heute bereits passiert, nur sehen wir es gar nicht. In Wirklichkeit leben wir derzeit in einer Phase der „Digitalen Revision“, in der die Menschen zunehmend unter der Totalvernetzung leiden und auch eine Menge Misstrauen gegenüber der Digitalität aufbauen. Nur 20 Prozent der Deutschen finden heute die weiter zunehmende elektronische Vernetzung positiv. Unternehmen führen sogar E-Mail-freie Tage ein. In den USA ist die „digitale Diät“ ein Riesentrend. Die Zukunft ist natürlich nicht einfach wieder analog, sondern hybrid. Wir gehen in eine Phase, in der wir das Digitale und das Analoge in eine neue Beziehung bringen, neu re-kombinieren, und dabei entstehen die Lösungen, die wirklich sinnvoll und nachhaltig erfolgreich sind. Das ist das, was man Fortschritt nennt: Aus Trend und Gegentrend ensteht etwas Drittes, etwas Neues. Wenn man solche Gesetzmäßigkeiten kennt, kann man Zukunft viel besser verstehen - man kriegt geistig wieder Luft. 

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